Hahnenklee rettet sich 2006 aus eigener Kraft und mit Goslarer Hilfe
Die Welt soll es wissen (v.r.): Die erlösende Nachricht präsentieren Goslars Oberbürgermeister Henning Binnewies und seine Vorvorgängerin Marta Lattemann-Meyer auf einem Schild und freuen sich mit Hahnenklees Ortsbürgermeister Heinrich Wilgenbus. Foto: Epping (Archiv)
Es ist geschafft: Am 15. Dezember 2006 fährt die Seilbahn wieder. Hahnenklee und Goslar arbeiten und feiern gemeinsam. Oft genug steht alles auf Messers Schneide.
Hahnenklee. Fährt sie oder fährt sie nicht zur Wintersaison 2006/2007? In Hahnenklee geht das Zittern weiter, weil bei der Seilbahn Stillstand herrscht. Mitte Oktober meldet die GZ: „Bewegung bei der Bocksberg-Seilbahn“. Was ist passiert? Bei der Ratssitzung am 10. Oktober will Peter Pütz, im Kurort Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereins, während der Einwohner-Fragestunde finanzielle Winterhilfen aus Goslar für den höchstgelegenen Stadtteil ausloten. Da steht plötzlich SPD-Fraktionsvize Gerd Politz auf und erklärt, es gebe seit dem Vortag eine neue Entwicklung. Er versprüht Optimismus, die Gondeln könnten womöglich schon ab November wieder Menschen den Bocksberg hinaufbefördern.
Wovon redet der Mann?
Erstaunte Gesichter, Schulterzucken – kaum einer weiß, wovon der Okeraner eigentlich redet. Für die Seilbahn-Gesellschaft erklärt Jurist Dr. Klaus Goutier aus Bad Soden der GZ am Telefon, er habe in der Tat an diesem Montag mit potenziellen Investoren zusammengesessen. Es gehe um die Finanzbeteiligung einer „Harzer Gruppe“. Viel mehr wird nicht verraten. Und auch lange nicht öffentlich. Goutier sieht die Verhandlungen noch am Anfang. Aus den Tiefen der Goslarer Gerüchteküche ist zu erfahren, dass sich in der Gruppe Geschäftsleute zusammengefunden haben, die sich eher als „Problemlöser“ denn als Investoren sehen. Okay.
Jetzt fährt sie wieder – Gott sei Dank: Am 15. Dezember geht es am Bocksberg wieder hoch in der Luft berg- und talwärts. Foto: Epping (Archiv)
GZ-Serie (1/5): Absturz am Bocksberg
Zwölf Meter tief: Eine Gondel fällt 2006 vom Hahnenkleer Himmel
Zwei schwierige Sitzungen
Die entscheidende Phase läuft. Ende November bereiten zwei schwierige Sitzungen des Verwaltungsausschusses (VA) den Weg. Das Gremium tagt nicht öffentlich. Nach der ersten Runde am 24. November spricht Goslars neuer Oberbürgermeister Henning Binnewies (SPD) von einer „interessanten Diskussion“. Tatsächlich gehen der letztlich einstimmig gefallenen Entscheidung mehrstündige kontroverse Debatten voraus. Die Lösung lautet: Als Käufer und Betreiber der Bocksberg-Seilbahn tritt eine noch zu gründende Hahnenkleer Seilbahn-Gesellschaft (HSG) als Tochter der Kur- und Fremdenverkehrsgesellschaft Hahnenklee auf den Plan, die selbst fast zu hundert Prozent der Stadt Goslar gehört. Ein Verkauf von Anteilen an private Dritte ist erst für eine spätere Phase vorgesehen. Es eilt. „Richtig aufatmen kann man aber erst, wenn alles unterschrieben und die Tinte trocken ist“, sagt Binnewies.
Befreiender Schnitt: Goslars Oberbürgermeister Henning Binnewies und seine Vorvorgängerin Marta Lattemann-Meyer durchtrennen das Band in Goslars Stadtfarben Gelb-Schwarz durch. Links im Bild der Goslarer SPD-Ratsherr Wolfgang Kwasniok, rechts Hahnenklees Ortsbürgermeister Heinrich Wilgenbus. Foto: Epping (Archiv)
Eine Woche später steht alles wieder auf Messers Schneide. Erneut tagt der VA. Erneut dauert es stundenlang. Gegenwind kommt von den Liberalen. FDP-Finanzguru Christian Rehse will „keine unwägbaren Belastungen für die Goslarer Bürger eingehen“. Der Jerstedter hält es für „verantwortungslos“, für den Stadtteil Hahnenklee sehenden Auges eine auf Dauer defizitäre Gesellschaft zu installieren.
Am Ende steht eine Kompromissformel. Erster Stadtrat Klaus Germer erklärt, die Immobilien bleiben im Eigentum des Betreibers und werden von der HSG angemietet. Nach zwei Jahren soll Bilanz gezogen werden. Existiert ein Defizit von mehr als 50.000 Euro, ist die Gesellschaft zu liquidieren, der Mietvertrag zu kündigen. Die Bahntechnik selbst wird demnach von der HSG gekauft – für eine halbe Million Euro.
Dramen hinter verschlossenen Türen
Es sind dramatische Stunden, die hinter verschlossenen Türen ablaufen. Eine Sitzung geht in der Hahnenkleer Feuerwache über die Bühne. 20 Jahre später lobt Hahnenklees Ortsbürgermeister Heinrich Wilgenbus (CDU) ausdrücklich den neuen Goslarer Oberbürgermeister Henning Binnewies (SPD), der sich vehement für eine Seilbahn-Lösung zum Winter einsetzt. Ja, der Mann, dem die Hahnenkleer zwei Jahre später im April 2008 die Schließung des Hallenbades im Kurmittelhaus anlasten sollten, hat eben auch seine ausdrücklichen Hahnenklee-Verdienste, „Es ging hin und her mit Argumenten“, erinnert sich der Bockswieser. Und dass FDP-Mann Rehse wirklich keinen Pfennig habe investieren wollen und von nichts und niemand zu bewegen gewesen sei. Der entscheidende Durchbruch sei in einer Sitzungsunterbrechung gelungen, als der Okeraner Politz mit dem Jerstedter Rehse hinausging.
Kamera ab: Die Wiedereröffnung der Seilbahn interessiert auch überregionale Medien. Foto: Epping (Archiv)
GZ-Serie (3/5): Absturz am Bocksberg
Hahnenklee und Goslar kämpfen 2006 um die Bocksberg-Seilbahn
Restart vor laufenden Kameras
Am 15. Dezember fährt die Seilbahn wieder, Hahnenklee feiert ein Fest. Hunderte Besucher sind gekommen. Die Medien geben sich ein Stelldichein. Die erste Gondel startet an diesem Freitag um 14.12 Uhr ihren Weg den Bocksberg hinauf. In der tannengeschmückten Premieren-Kabine nehmen Binnewies mit Ehefrau Petra sowie Lattemann-Meyer und Wilgenbus Platz. Das Schild „Bahn fährt“ signalisiert den NDR-Kameras: „Kommt nach Hahnenklee – es lohnt sich“. Als Geschäftsführer zeichnet Rolf Liebelt verantwortlich, der zeitgleich auch die Mutter KFG und die Goslarer Kämmerei leitet. Der Langelsheimer Unternehmer Klaus Rümenapp tritt auf den Plan, wird in der GZ als Betriebsleiter betitelt, ist aber einer von zwei Geschäftsleuten, die im Hintergrund segensreich wirken. Der frühere Betriebsleiter Rolf Bormann hat als wortkarger Technik-Boss wie selbstverständlich alte Aufgaben übernommen. „Endlich hat die Vernunft auf allen Seiten gesiegt“, freut sich Lattemann-Meyer.
2010 geht die Geschichte weiter
Aber ist wirklich Ende gut, alles gut? Die Geschichte geht eigentlich noch viel weiter und setzt im Sommer 2010 zu einem neuen Erfolgskapitel an, als Pamela Groll und Heiko Rataj, der schon 2006 der zweite Mann neben Rümenapp ist, ihre Pläne für den Erlebnisbocksberg mit Sommerseilbahn und vielen weiteren touristischen Attraktionen vorstellen und umsetzen. Frischer Wind, neue Technik, starke Ideen, touristische Kompetenz: Der Bocksberg-Bob nimmt am 6. Juli 2012 Fahrt auf. Der Drachenblitz verstärkt ab 2025 den Bob. Kein Mensch sorgt sich aktuell um die Seilbahn-Zukunft. Der Bocksberg boomt.
Sprung zurück: Schon 2006 ist klar, dass der Harzer Tourismus nicht mehr nur auf den Winter setzen kann. In derselben Ausgabe, in der die GZ über den Restart am Bocksberg berichtet, geht es in einer OECD-Studie um den Klimawandel. Wegen der Erderwärmung werde Skisport im Harz in zwei Jahrzehnten nur in den Lagen um 800 Metern möglich sein. Da reicht der Bocksberg nicht hin. Und zwei Jahrzehnte später ist genau jetzt.
Bocksberg-Team mit Langelsheimer Anschubser: Klaus Rümenapp ist einer von zwei Geschäftsleuten, die im Hintergrund die Seilbahn-Rettung mit vorantreiben. Der andere ist Heiko Rataj. Foto: Epping (Archiv)
„Winter werden wärmer“
Hydrologe Rainer Tonn, der mehr als 30 Jahre bei den Harzwasserwerken in Hildesheim akribisch Daten sammelt und auswertet, bestätigt im Dezember 2006, dass sich das Wetter im Harz verändere – und zwar recht schnell: „Die Winter werden wärmer.“ Hahnenklee reagiert. Liebesbankweg und Bike-Park sind erste Antworten, die sich weiß Gott nicht nur, aber vielleicht auch aus den schmerzlichen Erfahrungen eines seilbahnlosen Sommers geben lassen.
Wette um Kiste Sekt
Denn auch als die Seilbahn 2006 wieder fährt, ist nicht alles eitel Sonnenschein. Ausgerechnet in diesem Jahr lässt der Schnee auf sich warten. „Bis März fällt keine einzige Flocke“, erinnert sich Wilgenbus an einen ungewöhnlich trockenen Winter. Dabei hat er doch bei der Wiedereröffnung mit Politz um eine Kiste Sekt gewettet, dass nicht jener schlimmste Fall eintritt und ein Defizit von 50.000 Euro aufläuft. „Wir waren schon im sechsstelligen Minus-Bereich, da hat uns ein Wochenende im März den Hintern gerettet“, plaudert der Ortsbürgermeister aus dem Nähkästchen. Am Ende des Winters stehen rund 70.000 Miese unter dem Strich. Aber wen stört(e) das anschließend noch?GZ-Serie (4/5): Absturz am Bocksberg
Hahnenklee und Goslar 2006: Spiele, Spektakel und Spektakuläres
Verfahren wird 2008 eingestellt
Der Vollständigkeit halber: Die juristische Aufarbeitung des Gondelabsturzes vom 13. Mai 2006 dauert noch bis Oktober 2008 an. Dann stellt die Staatsanwaltschaft Braunschweig das Ermittlungsverfahren ein. Sprecher Joachim Geyer teilt mit, es sei im Nachhinein nicht zu klären, ob der Absturz auf Sabotage oder Wartungsmängel zurückzuführen sei. Es hat vier Verdächtige gegeben: Zwei Mitarbeiter, die mit der Wartung beauftragt waren, und zwei Personen, die als Saboteure ins Fadenkreuz der Ermittler gerieten. Leider, bedauert Geyer, habe man niemandem zweifelsfrei nachweisen können, für den Absturz verantwortlich gewesen zu sein. „Mit unseren Methoden ist das nicht zu klären“, fügt er hinzu. Zwar haben die Spürhunde in der Nähe der Absturzstelle eine Schraubenmutter entdeckt, an der DNA-Spuren gesichert werden konnten. Einer von der Staatsanwaltschaft beantragten Speichelprobe bei den vier Verdächtigen stimmt das Amtsgericht Braunschweig aber nur mit Einschränkungen zu. Die mutmaßlichen Saboteure bleiben außen vor. Begründung: Der Anfangsverdacht sei zu vage. Bei den beiden anderen fällt der Test negativ aus.
Copyright © 2026 Goslarsche Zeitung | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.