Hahnenklee und Goslar kämpfen 2006 um die Bocksberg-Seilbahn
Im Juli 2006 ist abgeschlossen: Plötzlich sind die Stationen dicht, die Bocksberg-Seilbahn fährt nicht mehr. Foto: Schenk (Archiv)
Anfang Juli 2006 steht plötzlich die Bahn still. Der Betreiber macht die Angst vor Sabotage geltend. Existenzsorgen treiben nicht nur den Wirt der Gipfelhütte um.
Hahnenklee. „Verehrte Gäste! Die Seilbahn bleibt bis auf Weiteres geschlossen. Am 13. Mai 2006 wurde auf die Seilbahn ein Sabotageanschlag verübt, der zum Absturz einer leeren Gondel führte. Personen kamen glücklicherweise nicht zu Schaden. Außerdem ereigneten sich in Hahnenklee seit Dezember letzten Jahres mehrere Brandanschläge. Seit dem Anschlag auf die Seilbahn hat die Seilbahn-Gesellschaft mit eigenen finanziellen Mitteln Tag und Nacht bis zu fünf Sicherheitskräfte eingesetzt, um die Seilbahn zu schützen und um bei weiteren Anschlägen die Täter sofort zu fassen. In dieser Zeit hat sich nichts ereignet. Die begrenzten Mittel der Seilbahn-Gesellschaft erlauben es allerdings nicht, die genannten Sicherheitsmaßnahmen zeitlich unbegrenzt fortzusetzen. Aus diesen Gründen mussten wir den Entschluss fassen, die Seilbahn ab sofort zu schließen, bis wir wieder einen vor Anschlägen wirklich sicheren Seilbahnbetrieb gewährleisten können.“
Fakten geschaffen
Der mit „die Geschäftsleitung“ unterzeichnete Aushang informiert seit dem 3. Juli an der Tür zur Talstation auf geschaffene Fakten. Geschäftsführer Rolf Bormann verweist darauf, dass man immer noch auf das Gutachten zur Unfallursache warte. Die Mutmaßungen reichten von Materialermüdung über menschliches Versagen bis hin zur per Zettel verkündeten Sabotage. Die plötzliche Schließung kommt aber dennoch überraschend und erwischt den vom Tourismus abhängigen Kurort kalt.
Die Gäste bleiben aus (v.r.): „Bocksberghütte“-Inhaber Hermann und Renate Heinz, ihre Tochter Liane Becker und Mitarbeiterin Brigitte Offers hoffen Mitte Juli noch auf ein rasches Wiederanfahren der Seilbahn. Foto: Schenk (Archiv)

„Verehrte Gäste“: Die Bahnbetreiber aus Bad Soden gehen von einem Sabotageakt in Hahnenklee aus. Foto: Schenk (Archiv)
Pläne fürs Sommerrodeln
Sie und ihr Mann haben große Pläne. Sie wollen eine Sommerrodelbahn bauen. Die Anträge seien bereits bewilligt. Dass die Anlage an der ursprünglich ausgesuchten Stelle nicht gebaut werden darf, weil dort Mountainbikes fahren sollen, hat Heinz hingenommen. „Wir würden dann eine kürzere Strecke am Idealhang bauen.“ Die Pläne überleben, werden aber später von anderen umgesetzt. Der Gang zum Insolvenzrichter bleibt den Besitzern nicht erspart.GZ-Serie (1/5): Absturz am Bocksberg
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GZ-Serie (2/5): Absturz am Bocksberg
Nicht nur Seilbahn: Feuerteufel versetzt Hahnenklee 2006 in Angst
„Wollen die Seilbahn unbedingt“
Was tun? Die lokale Politik in Hahnenklee und Goslar weiß um die für viele Wirte und Hoteliers irgendwann existenzbedrohende Situation, auch wenn Peter Pütz, der neue Vorsitzende des Fremdenverkehrsvereins, die Lage Mitte August noch nicht als bedrohlich empfindet: „Es ist nicht so, dass alles zusammenbricht, wenn die Seilbahn ein paar Wochen nicht fährt.“ Aber er denkt mit Sorge an den Winter: „Wir wollen die Seilbahn unbedingt.“ Heute gehe kein Skifahrer mehr zu Fuß einen Berg hoch. „Wie wir, mit den Skiern auf dem Buckel“, erinnert sich Marta Lattemann-Meyer an frühere Zeiten. Goslars Ex-Oberbürgermeisterin steht mittlerweile an der Spitze des Aufsichtsrats für die Hahnenkleer Marketing-Gesellschaft (HTM). Wenn die Seilbahn geschlossen bleibe, seien Stadt Goslar und HTM in der Pflicht, sich etwas einfallen zu lassen. „Auf sie verzichten können wir auf keinen Fall.“ Und wenn schon, denn schon: Mit Pütz ist sie sich einig: Es darf gern gleich eine modernere und flexiblere Bahn sein.
Gutachten liegt vor
Aber wer setzt das um? Kurz darauf, am 15. August, herrscht zumindest Gewissheit: Schuld am Gondel-Absturz ist Sabotage oder ein Wartungsfehler. Eine technische Panne schließt der Gutachter aus und nimmt Bezug auf die zwei fehlenden Sicherungssplinte. Wie die Staatsanwaltschaft Braunschweig mitteilt, sei laut Studie Sabotage durchaus denkbar, aber eben nicht zu beweisen. Doch bringt dieses Ergebnis die Akteure vor Ort weiter?
„Der Freiraum für Spekulationen bleibt“, sagt Heinrich Wiebe, damals wie heute stellvertretender Ortsbürgermeister. Der Liberale macht eine Ansage: „Die Bocksberg-Seilbahn ist für den Kurort so wichtig wie die gute Luft und die Stabkirche.“Neustart nach 13 Jahren
Der „Auerhahn“ ist wieder da: Die ersten Gäste im Harzer Lokal
Mitarbeitern gekündigt
Inzwischen liegen sogar erste Kündigungen für Seilbahn-Mitarbeiter auf dem Tisch, darunter auch für Chef Rolf Bormann. Der GZ wird zugetragen, dass sich die Beschäftigten geweigert hätten, Änderungsverträge zu deutlich schlechteren Konditionen für die Dauer der Zwangspause zu unterschreiben. Einen Tag später, am 16. August, meldet sich Dr. Klaus Goutier für die in Bad Soden Raabe Bocksberg-Seilbahngesellschaft zu Wort. Der Anwalt der Betreiber hält fest: „Wir gehen weiterhin fest von Sabotage aus.“ Und: „Wir werden keine Menschenleben riskieren und Russisches Roulette spielen.“ Heißt: Frühestens zum Winter soll die Seilbahn wieder fahren, allerdings nur, wenn Gewissheit über die Absturzursache herrscht. Goutier bestätigt die Kündigungen und kritisiert die Ermittler unter anderem für die Wahl der Gutachter im fernen Bayern, wo doch an der Universität Göttingen ausgezeichnete Experten säßen. Man habe eigene Kriminalisten auf den Fall angesetzt und sei zu eindeutigen Ergebnissen gekommen. Marketingchef Michael Bitter hält gegen und will bis Monatsende Rahmenbedingungen für einen Weiterbetrieb abstecken: „Unser klares Ziel ist: Die Seilbahn muss so schnell wie möglich wieder fahren.“
Kommune soll einspringen
Eine gute Woche später signalisiert die Goslarer Politik: Wenn die Betreiber ausscheren, soll die Kommune zum Winter befristet einspringen. Eine noch zu gründende Tochtergesellschaft könnte demnach vorübergehend die Zügel am Bocksberg übernehmen, allerdings maximal für ein Jahr. Tourismuschef Bitter und Erster Stadtrat Klaus Germer sehen dringenden Handlungsbedarf, weil das Wintergeschäft schließlich auch rechtzeitig beworben werden müsse. „Es geht um die Infrastruktur Hahnenklees“, sind sie sich einig. Ortsbürgermeister Wilgenbus gibt die Zeitschiene vor: „Spätestens zum Samstag vor Weihnachten muss die Seilbahn laufen.“
Den Besitzern in Bad Soden liegt ein Vorschlag auf dem Tisch, der bis spätestens Ende August auf Antwort wartet. Und wenn von dort ein Nein kommt? Ein Gespräch zwischen beiden Seiten verläuft offenkundig in frostiger Atmosphäre. Germer, Bitter, Rolf Liebelt als Chef der Hahnenkleer Kur- und Fremdenverkehrsgesellschaft sowie Gerd Politz als Mitglied im Hahnenkleer Tourismusaufsichtsrates und graue Eminenz der Goslarer Sozialdemokratie lassen sich nicht in die Karten schauen und sprechen nebulös von „anderen Varianten und verschiedenen Behelfsmöglichkeiten“. Sie machen aber auch keinen Hehl daraus, zu Druckmitteln greifen zu wollen, falls es kein Entgegenkommen gäbe. Einen Ankauf der Seilbahn schließt Germer freilich aus. Das Okeraner Schlitzohr Politz, selten so einig mit Germer, legt nach: „Wir lassen nicht zu, dass die hier noch Geld abzocken.“
Groschengrab, aber bei Hahnenkleern und Gästen beliebt: 2006 beginnt auch der Kampf um das Hallenbad im Kurmittelhaus. Foto: GZ-Archiv
Silberstreif und neue Wolken
Während sich hier ein Silberstreif am Horizont auftut, ziehen an anderer Stelle neue Wolken am Hahnenkleer Himmel auf. Der Kurbeitrag soll im Regelsatz um 20 Cent auf zwei Euro pro Übernachtung steigen. Hintergrund sind die Bemühungen, dass Hallenbad im Kurmittelhaus zu retten. Dort tauchen nicht nur Harzer Wasserratten ein, in dessen Unterhaltung wird auch jede Menge Geld versenkt. Seit März steht es unter der Regie der Marketinggesellschaft. „Jeder Preisanstieg ist äußerst kritisch zu betrachten, aber wir kommen nicht darum herum, wenn wir das Hallenbad erhalten wollen“, sagt Vorsitzender Pütz vom Fremdenverkehrsverein. Ex-Oberbürgermeisterin Marta Lattemann-Meyer sagt als Vorsitzende für den Tourismus-Aufsichtsrat: „Das Hallenbad ist bitterste Notwendigkeit.“
Wachwechsel auf der Goslarer Rathausdiele: Nach der Stichwahl im September 2006 beglückwünscht Armin Kalbe (l.) den Gewinner Henning Binnewies, der als neues Stadtoberhaupt für die Lösung des Hahnenkleer Bahnproblems wichtig werden soll. Rechts im Hintergrund: der damalige Oberbürgermeister Dr. Otmar Hesse. Zwischen Kalbe und Binnewies schaut SPD-Fraktionschef Arnold John in die Kamera. Foto: Epping (Archiv)
Sorgen ums Hallenbad
Weil die Stadt Goslar unter Sparzwang steht, ist von dort aus Bitters Sicht nicht mehr so viel Geld wie früher zu erwarten. Und: Im September wird in Niedersachsens Kommunen gewählt. Welche Mehrheitsverhältnisse bringt der neue Rat? Und wer wird Verwaltungschef? In Goslar streiten der wirtschaftsnahe Sozialdemokrat Henning Binnewies quasi als Genosse der Bosse und CDU-Bürgermeister Armin Kalbe als gut vernetzter Politiker und Unternehmer um die Nachfolge von Ex-Propst Dr. Otmar Hesse (SPD), der Ende Oktober aus seinem Amt als Oberbürgermeister scheidet.
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