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GZ-Serie (3/5): Absturz am Bocksberg

GZ Plus IconHahnenklee und Goslar kämpfen 2006 um die Bocksberg-Seilbahn

Eingang eines Gebäudes mit dem Schriftzug 'BOCKSBERG-SEILBAHN' über der Tür und drei Personen, die darauf zugehen

Im Juli 2006 ist abgeschlossen: Plötzlich sind die Stationen dicht, die Bocksberg-Seilbahn fährt nicht mehr. Foto: Schenk (Archiv)

Anfang Juli 2006 steht plötzlich die Bahn still. Der Betreiber macht die Angst vor Sabotage geltend. Existenzsorgen treiben nicht nur den Wirt der Gipfelhütte um.

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Von Frank Heine
Freitag, 15.05.2026, 19:45 Uhr

Hahnenklee. „Verehrte Gäste! Die Seilbahn bleibt bis auf Weiteres geschlossen. Am 13. Mai 2006 wurde auf die Seilbahn ein Sabotageanschlag verübt, der zum Absturz einer leeren Gondel führte. Personen kamen glücklicherweise nicht zu Schaden. Außerdem ereigneten sich in Hahnenklee seit Dezember letzten Jahres mehrere Brandanschläge. Seit dem Anschlag auf die Seilbahn hat die Seilbahn-Gesellschaft mit eigenen finanziellen Mitteln Tag und Nacht bis zu fünf Sicherheitskräfte eingesetzt, um die Seilbahn zu schützen und um bei weiteren Anschlägen die Täter sofort zu fassen. In dieser Zeit hat sich nichts ereignet. Die begrenzten Mittel der Seilbahn-Gesellschaft erlauben es allerdings nicht, die genannten Sicherheitsmaßnahmen zeitlich unbegrenzt fortzusetzen. Aus diesen Gründen mussten wir den Entschluss fassen, die Seilbahn ab sofort zu schließen, bis wir wieder einen vor Anschlägen wirklich sicheren Seilbahnbetrieb gewährleisten können.“

Fakten geschaffen

Der mit „die Geschäftsleitung“ unterzeichnete Aushang informiert seit dem 3. Juli an der Tür zur Talstation auf geschaffene Fakten. Geschäftsführer Rolf Bormann verweist darauf, dass man immer noch auf das Gutachten zur Unfallursache warte. Die Mutmaßungen reichten von Materialermüdung über menschliches Versagen bis hin zur per Zettel verkündeten Sabotage. Die plötzliche Schließung kommt aber dennoch überraschend und erwischt den vom Tourismus abhängigen Kurort kalt.
Vier Personen sitzen an einem blau-karierten Tisch im Freien vor einem hölzernen Aussichtsturm und einem Gebäude mit grünem Dach

Die Gäste bleiben aus (v.r.): „Bocksberghütte“-Inhaber Hermann und Renate Heinz, ihre Tochter Liane Becker und Mitarbeiterin Brigitte Offers hoffen Mitte Juli noch auf ein rasches Wiederanfahren der Seilbahn. Foto: Schenk (Archiv)

Für ein Ehepaar wird die Situation schnell existenzbedrohend. Hermann und Renate Heinz betreiben seit acht Jahren die „Bocksberghütte“ auf dem Gipfel des Hahnenkleer Hausbergs. Das Gasthaus mit seinen 420 Plätzen, davon gut die Hälfte draußen auf der Terrasse, sei eigentlich immer gut besucht gewesen. Als die GZ eine gute Woche nach dem Stopp für die Gondeln vorbeischaut, herrscht gähnende Leere. „Wir haben 80 Prozent weniger Gäste“, sagt Hermann Heinz. Wenn das so weitergehe, „müssen wir Insolvenz anmelden“, schiebt seine Frau nach. Acht Mitarbeiter wären betroffen. Einen Schimmer Hoffnung macht, dass die Inhaber der „Bocksberghütte“ seit dem 13. Juli per Sondergenehmigung Gäste mit einem Kleinbus auf den Gipfel fahren dürfen. Jede Stunde zwischen 11 und 16 Uhr geht der Bus – in der Regel leer. „Die 75 Euro für die Genehmigung und die 30 Euro pro Tag für den gemieteten Bus, das rechnet sich nicht.“ Renate Heinz schiebt Frust – nur zu verständlich.
Hinweisschild mit Text zur Schließung der Seilbahn nach einem Sabotageanschlag und darunter ein Schild mit dem Wort 'Eingang'

„Verehrte Gäste“: Die Bahnbetreiber aus Bad Soden gehen von einem Sabotageakt in Hahnenklee aus. Foto: Schenk (Archiv)

Pläne fürs Sommerrodeln

Sie und ihr Mann haben große Pläne. Sie wollen eine Sommerrodelbahn bauen. Die Anträge seien bereits bewilligt. Dass die Anlage an der ursprünglich ausgesuchten Stelle nicht gebaut werden darf, weil dort Mountainbikes fahren sollen, hat Heinz hingenommen. „Wir würden dann eine kürzere Strecke am Idealhang bauen.“ Die Pläne überleben, werden aber später von anderen umgesetzt. Der Gang zum Insolvenzrichter bleibt den Besitzern nicht erspart. Ziemlich düster sieht es auch gegenüber der Gipfelhütte aus. Am 1. Juli hat in der Bergstation das „Fantastische Museum“ eröffnet. Ob es ein Rekord für die kürzeste Öffnungszeit aller Zeiten ist? Weil die Besucher ausblieben, hat es Mitte Juli schon wieder geschlossen. Weiter unten stehen Feriengäste vor der ebenfalls abgesperrten Talstation und schütteln den Kopf. Nur wenige machen sich zu Fuß auf den Weg zum Gipfel. „Wir haben viele ältere Gäste, und die wollen eben mit der Bahn hochfahren“, sagt Werner Otten. Der Vorsitzende des Harzklub-Zweigvereins Hahnenklee-Bockswiese bringt es auf den Punkt: „Das ist eine ganz miese Situation.“ Gegenüber der Talstation sind die Inhaber vom „Treff am Eck“ mächtig sauer. „Wir merken ganz deutlich, dass die Bahn nicht fährt“, erklärt Rolf Kühn. „Wenn die Seilbahn im Winter geschlossen bleibt, können wir ganz zumachen“, fügt seine Frau Irmgard hinzu. Sie kritisiert, dass es insgesamt zu wenige Angebote für Gäste gäbe: „Hier ist doch nichts los.“

„Wollen die Seilbahn unbedingt“

Was tun? Die lokale Politik in Hahnenklee und Goslar weiß um die für viele Wirte und Hoteliers irgendwann existenzbedrohende Situation, auch wenn Peter Pütz, der neue Vorsitzende des Fremdenverkehrsvereins, die Lage Mitte August noch nicht als bedrohlich empfindet: „Es ist nicht so, dass alles zusammenbricht, wenn die Seilbahn ein paar Wochen nicht fährt.“ Aber er denkt mit Sorge an den Winter: „Wir wollen die Seilbahn unbedingt.“ Heute gehe kein Skifahrer mehr zu Fuß einen Berg hoch. „Wie wir, mit den Skiern auf dem Buckel“, erinnert sich Marta Lattemann-Meyer an frühere Zeiten. Goslars Ex-Oberbürgermeisterin steht mittlerweile an der Spitze des Aufsichtsrats für die Hahnenkleer Marketing-Gesellschaft (HTM). Wenn die Seilbahn geschlossen bleibe, seien Stadt Goslar und HTM in der Pflicht, sich etwas einfallen zu lassen. „Auf sie verzichten können wir auf keinen Fall.“ Und wenn schon, denn schon: Mit Pütz ist sie sich einig: Es darf gern gleich eine modernere und flexiblere Bahn sein.

Gutachten liegt vor

Aber wer setzt das um? Kurz darauf, am 15. August, herrscht zumindest Gewissheit: Schuld am Gondel-Absturz ist Sabotage oder ein Wartungsfehler. Eine technische Panne schließt der Gutachter aus und nimmt Bezug auf die zwei fehlenden Sicherungssplinte. Wie die Staatsanwaltschaft Braunschweig mitteilt, sei laut Studie Sabotage durchaus denkbar, aber eben nicht zu beweisen. Doch bringt dieses Ergebnis die Akteure vor Ort weiter?

„Der Freiraum für Spekulationen bleibt“, sagt Heinrich Wiebe, damals wie heute stellvertretender Ortsbürgermeister. Der Liberale macht eine Ansage: „Die Bocksberg-Seilbahn ist für den Kurort so wichtig wie die gute Luft und die Stabkirche.“

Mitarbeitern gekündigt

Inzwischen liegen sogar erste Kündigungen für Seilbahn-Mitarbeiter auf dem Tisch, darunter auch für Chef Rolf Bormann. Der GZ wird zugetragen, dass sich die Beschäftigten geweigert hätten, Änderungsverträge zu deutlich schlechteren Konditionen für die Dauer der Zwangspause zu unterschreiben. Einen Tag später, am 16. August, meldet sich Dr. Klaus Goutier für die in Bad Soden Raabe Bocksberg-Seilbahngesellschaft zu Wort. Der Anwalt der Betreiber hält fest: „Wir gehen weiterhin fest von Sabotage aus.“ Und: „Wir werden keine Menschenleben riskieren und Russisches Roulette spielen.“ Heißt: Frühestens zum Winter soll die Seilbahn wieder fahren, allerdings nur, wenn Gewissheit über die Absturzursache herrscht. Goutier bestätigt die Kündigungen und kritisiert die Ermittler unter anderem für die Wahl der Gutachter im fernen Bayern, wo doch an der Universität Göttingen ausgezeichnete Experten säßen. Man habe eigene Kriminalisten auf den Fall angesetzt und sei zu eindeutigen Ergebnissen gekommen. Marketingchef Michael Bitter hält gegen und will bis Monatsende Rahmenbedingungen für einen Weiterbetrieb abstecken: „Unser klares Ziel ist: Die Seilbahn muss so schnell wie möglich wieder fahren.“

Kommune soll einspringen

Eine gute Woche später signalisiert die Goslarer Politik: Wenn die Betreiber ausscheren, soll die Kommune zum Winter befristet einspringen. Eine noch zu gründende Tochtergesellschaft könnte demnach vorübergehend die Zügel am Bocksberg übernehmen, allerdings maximal für ein Jahr. Tourismuschef Bitter und Erster Stadtrat Klaus Germer sehen dringenden Handlungsbedarf, weil das Wintergeschäft schließlich auch rechtzeitig beworben werden müsse. „Es geht um die Infrastruktur Hahnenklees“, sind sie sich einig. Ortsbürgermeister Wilgenbus gibt die Zeitschiene vor: „Spätestens zum Samstag vor Weihnachten muss die Seilbahn laufen.“

Den Besitzern in Bad Soden liegt ein Vorschlag auf dem Tisch, der bis spätestens Ende August auf Antwort wartet. Und wenn von dort ein Nein kommt? Ein Gespräch zwischen beiden Seiten verläuft offenkundig in frostiger Atmosphäre. Germer, Bitter, Rolf Liebelt als Chef der Hahnenkleer Kur- und Fremdenverkehrsgesellschaft sowie Gerd Politz als Mitglied im Hahnenkleer Tourismusaufsichtsrates und graue Eminenz der Goslarer Sozialdemokratie lassen sich nicht in die Karten schauen und sprechen nebulös von „anderen Varianten und verschiedenen Behelfsmöglichkeiten“. Sie machen aber auch keinen Hehl daraus, zu Druckmitteln greifen zu wollen, falls es kein Entgegenkommen gäbe. Einen Ankauf der Seilbahn schließt Germer freilich aus. Das Okeraner Schlitzohr Politz, selten so einig mit Germer, legt nach: „Wir lassen nicht zu, dass die hier noch Geld abzocken.“
Innenraum eines leeren Schwimmbeckens mit weißen Fliesen und roten Stahlträgern im Dach

Groschengrab, aber bei Hahnenkleern und Gästen beliebt: 2006 beginnt auch der Kampf um das Hallenbad im Kurmittelhaus. Foto: GZ-Archiv

Silberstreif und neue Wolken

Während sich hier ein Silberstreif am Horizont auftut, ziehen an anderer Stelle neue Wolken am Hahnenkleer Himmel auf. Der Kurbeitrag soll im Regelsatz um 20 Cent auf zwei Euro pro Übernachtung steigen. Hintergrund sind die Bemühungen, dass Hallenbad im Kurmittelhaus zu retten. Dort tauchen nicht nur Harzer Wasserratten ein, in dessen Unterhaltung wird auch jede Menge Geld versenkt. Seit März steht es unter der Regie der Marketinggesellschaft. „Jeder Preisanstieg ist äußerst kritisch zu betrachten, aber wir kommen nicht darum herum, wenn wir das Hallenbad erhalten wollen“, sagt Vorsitzender Pütz vom Fremdenverkehrsverein. Ex-Oberbürgermeisterin Marta Lattemann-Meyer sagt als Vorsitzende für den Tourismus-Aufsichtsrat: „Das Hallenbad ist bitterste Notwendigkeit.“
Drei Männer in Anzügen unterhalten sich in einem Innenraum mit gelber Wand und Fenster im Hintergrund

Wachwechsel auf der Goslarer Rathausdiele: Nach der Stichwahl im September 2006 beglückwünscht Armin Kalbe (l.) den Gewinner Henning Binnewies, der als neues Stadtoberhaupt für die Lösung des Hahnenkleer Bahnproblems wichtig werden soll. Rechts im Hintergrund: der damalige Oberbürgermeister Dr. Otmar Hesse. Zwischen Kalbe und Binnewies schaut SPD-Fraktionschef Arnold John in die Kamera. Foto: Epping (Archiv)

Sorgen ums Hallenbad

Weil die Stadt Goslar unter Sparzwang steht, ist von dort aus Bitters Sicht nicht mehr so viel Geld wie früher zu erwarten. Und: Im September wird in Niedersachsens Kommunen gewählt. Welche Mehrheitsverhältnisse bringt der neue Rat? Und wer wird Verwaltungschef? In Goslar streiten der wirtschaftsnahe Sozialdemokrat Henning Binnewies quasi als Genosse der Bosse und CDU-Bürgermeister Armin Kalbe als gut vernetzter Politiker und Unternehmer um die Nachfolge von Ex-Propst Dr. Otmar Hesse (SPD), der Ende Oktober aus seinem Amt als Oberbürgermeister scheidet.

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