Hahnenklee und Goslar 2006: Spiele, Spektakel und Spektakuläres
Deutschland, ein Sommermärchen: Auch Goslar feiert bei der Heim-WM 2006 die Klinsmänner beim Public Viewing. Foto: Epping (Archiv)
Hahnenklee zittert um die Seilbahn – und sonst? Was 2006 ringsherum für Goslar und den Harz bereithält. Von Musikanten, Majestäten und einem Mittelalter-Flop.
Goslar. In Hahnenklee stürzt Mitte Mai eine Gondel auf die Erde hinab und beschert dem Kurort touristische Existenzängste. In Goslar setzt sich ein neuer Oberbürgermeister auf den Chefsessel in der Stadtverwaltung: Henning Binnewies (56) kommt am 24. September in der Stichwahl auf 60,1 Prozent der Stimmen und besiegt Herausforderer Armin Kalbe (CDU). Er übernimmt am 1. November die Geschäfte der Stadt und soll auf den letzten Metern noch eminent wichtig werden für die Rettung der Hahnenkleer Seilbahn. Im Jahr 2006 ist jedenfalls ganz schön was los in der Gegend – politisch, sportlich, kulturell und vor allem beim Feiern.
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit
Wer sich auf Recherchen begibt, bleibt links und rechts des Weges hängen – und entdeckt ohne Anspruch auf Vollständigkeit Dinge, die erstaunlich und erinnernswert sind. So etwa, dass Goslar seine neue Plaza am Ufer der Abzucht am 14. Mai genau einen Tag nach dem Hahnenkleer Gondelabsturz offiziell einweiht. Oberbürgermeister Dr. Otmar Hesse freut sich über den Zugewinn für die Kulturstadt Goslar – und auf den baldigen Umzug des Zinnfiguren-Museums in die Lohmühle zur Abrundung des Areals. Schon eine Woche zuvor hatte Goslar gefeiert und Hahnenklee gebangt. Als im Oberharzer Kurort der Feuerteufel an der Parkstraße am 5. Mai sein verbrecherisches Dutzend vollmacht, küren die Kinder bei der allerersten GZ-Mini-WM drei Tage lang auf dem Goslarer Marktplatz spektakulär ihren ersten brasilianischen Mini-Weltmeister aus Harlingerode. Nur am Rande: Am 4. Mai stellt Armin Kalbe auf einem Kleinen CDU-Parteitag seine Führungsmannschaft vor. Der parteilose Marketing-Experte Dr. Johannes Baier gilt als Coup – und soll sich später durch eine Doktortitel-Diskussion als Klotz am Bein des CDU-Kandidaten erweisen.
Einmarsch der Musikanten: Marianne, Dr. Otmar und Gudrun Hesse sowie Michael führen den Privilegierten-Schützenumzug an. Foto: Schenk (Archiv)
Plötzlich Linker
Noch ein bisschen Goslar-Politik? Nachdem schon SPD-Oldie Bodo Sauthoff sein Parteibuch abgegeben hat, wechselt Bürgermeister Rüdiger Wohltmann Mitte Mai spektakulär die Seiten. Zusammen mit dem Ratsherrn Ulrich Hampe macht er die erste Linken-Fraktion im Goslarer Rat auf. Der Okeraner Gerd Politz grollt: „Helmut Sander würde sich im Grabe umdrehen.“ Für den früheren Goslarer Oberbürgermeister aus Oker war Wohltmann nach dessen Tod 1988 in den Rat nachgerückt. Die GZ bescheinigt in Anspielung auf Lafontaines Vorbild in der Bundespolitik eine „Oskar-reife Leistung“. Neue Bürgermeisterin wird (und bleibt es bis heute) Renate Lucksch. Was vielleicht auch einiges am aktuellen Bildungszwist erklärt.GZ-Serie (1/5): Absturz am Bocksberg
Zwölf Meter tief: Eine Gondel fällt 2006 vom Hahnenkleer Himmel
FDP mit CDU-Frau
Ach ja: Die FDP stellt mit Ursula Belker eine Christdemokratin als liberale Kandidatin zur Oberbürgermeisterwahl auf, die auch schon mal ein rotes Parteibuch gehabt haben soll. Sie erntet umgehend den heiligen Zorn des Goslarer CDU-Chefs Jürgen Sikora, der vehement wie eh und je Belkers Parteiausschluss fordert. Kommt aktuell wieder sehr bekannt vor. Altenaus Genossen lassen an dieser Stelle grüßen.
Riem Hussein startet durch
Aber der Sport dominiert jetzt deutlich. Mit der Heim-WM beginnt das deutsche Sommermärchen. Die „Klinsmänner“ bezwingen Costa Rica zum Auftakt am 9. Juni mit 4:2 und starten einen schwarz-rot-goldenen Emotionen-Booster im Land. Zeitgleich erhält die junge Bad Harzburgerin Riem Hussein die Erlaubnis, ab sofort in der Bundesliga der Frauen Spiele zu leiten. Die GZ schreibt von „einem kometenhaften Aufstieg“ in nur fünf Jahren. Gerade hat sie ihre Karriere beendet. Am 21. Mai erringen die von Anne Beese trainierten J.E.T.s des MTV Goslar zum zweiten Mal nach 2004 den deutschen Meistertitel im Jazz- und Modern Dance. Irgendwie will nur Müllheim als Stadtname der Krönung nicht so harmonisch klingen. Und Ende Mai unterschreibt Star-Verteidiger Jozef Potac als erster für die neue Eishockey-Saison in Braunlage. Kein Geheimnis: Es sollte zum wiederholten Male finanziell turbulent werden. Der Name Richard Flohr ploppt (wieder) auf.GZ-Serie (2/5): Absturz am Bocksberg
Nicht nur Seilbahn: Feuerteufel versetzt Hahnenklee 2006 in Angst
Handschlag mit Erdoğan
Zurück nach Goslar. Die Welterbestadt schaut in Richtung Türkei. Lange gehegte Hochschulträume sollen mit einem Uni-Partner aus Izmir in Erfüllung gehen. Eine GZ-Aufnahme zeigt, wie Bald-Ehrenbürger Hans-Joachim Tessner in Istanbul für Goslar wirbt und dem Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan die Hand schüttelt. Gegen Ende 2006 kommt eine Delegation nach Goslar und verhandelt. Gleichzeitig sorgt sich Goslar um sein wirtschaftliches Flaggschiff H. C. Starck. Der Bayer-Konzern will Kasse machen und den größten Privatarbeitgeber der Stadt verkaufen. Am Ende erhalten Advent und Carlyle den Zuschlag – für 1,2 Milliarden Euro. Das Wort Heuschrecken macht die Runde. Inzwischen ist das Unternehmen – anders aufgestellt.
Der Marktplatz als Musikanten-Reich: Marianne und Michael verzaubern am ersten Juli-Wochenende 2006 ganz Goslar. Foto: Schenk (Archiv)
Therme und Torfhaus
Achtung, es gibt auch schönere Dinge. Im Harz: Das Land sagt im Juli 2,4 Millionen Euro für den Bau des „Heißen Brockens“ in Altenau zu. Mitte August feiern 400 Ehrengäste die Eröffnung der „Bavaria Alm“ auf Torfhaus – mit Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) an der Spitze. In Goslar: Anfang Juli bevölkern Marianne und Michael mit ihren Lustigen Musikanten den Goslarer Marktplatz, nachdem im Vorjahr Rolf Zuckowski mit der Aktuellen Schaubude da war.
Ab ins Ziel am Osterfeld: Goslar ist Etappenort bei der Niedersachsenrundfahrt. Foto: Epping (Archiv)

Mittelalter-Spektakel am Blauen Haufen: Die Ritter hinterlassen Eindruck und mächtiges Finanzloch. Foto: Epping (Archiv)
„Henry’s“ und Harz-Königin
Und wieder der Goslarer Marktplatz, der geradezu Majestätisches erlebt. Am 23. August sperrt das „Henry’s“ als Kaiserringhaus die Türen auf. Heute steht „Schiefer“ über dem Eingang. Und nur zwei Tage später kürt die GZ mit Julia Rehse die erste Harz-Königin. Die 27-jährige Goslarerin studiert Medizin und stammt aus St. Andreasberg. 15 Kandidatinnen aus 120 Bewerberinnen feiern mit 1800 Zuschauern – klingt königlich.
Die GZ kürt die Harzkönigin: Majestät Julia Rehse lässt sich von der Zweiten Sina Dupp (l.) und der Dritten Diana Gottschlich knutschen, Foto: Epping (Archiv)
Vienenburg ist noch selbstständig und feiert am selben Wochenende seinen 700. Geburtstag mit einem bunten Festumzug. Wolfshagen ist im Juli noch Zeltlager-Ziel für 2800 Feuerwehrjugendliche aus ganz Niedersachsen.
Aber zurück auf Los: Nicht schön, dass der schwer kranke Kaiserringträger Jörg Immendorff im Oktober nicht (mehr) zur Ringverleihung nach Goslar kommen kann und statt seiner seine Muse, Meisterschülerin und spätere Ehefrau Oda Jaune schickt. Immendorf laboriert an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS und stirbt im Mai 2007. Unendliche Lebensgier? Immendorff macht auch mit Kokain-Konsum und Prostituierten-Kontakten Schlagzeilen.
Pistolenschüsse und Explosion
In Goslar schlägt der Fall des Goslarer Zauberlehrers erste Wellen, der am Ende den Schuldienst quittieren muss, weil er die Magie übers Unterrichten stellt und wie von Zauberhand merkwürdige Dinge ins Klassenbuch schreibt.
Tragisch: In Bad Harzburg stirbt am 27. Mai ein türkischer SPD-Ratskandidat im „Schloss-Stübchen“ durch drei Pistolenschüsse. Die Polizei nimmt einen jüngeren Bruder als Tatverdächtigen fest. Am 8. August verletzen sich zwei Mitarbeiter bei einer Explosion in der Schwarzpulverfabrik in Kunigunde. Der Knall ist kilometerweit zu hören. Für Entsetzen sorgt ein Unfall, der sich in der Nacht auf den 5. November auf der B82 bei Immenrode ereignet. Die 18-jährige Fahrerin und drei Insassen (15, 22 und 30 Jahre alt) sterben. Ein 19-Jähriger wird schwer verletzt. Der Wagen ist auf regennasser Fahrbahn viel zu schnell unterwegs und prallt gegen einen Baum.GZ-Serie (3/5): Absturz am Bocksberg
Hahnenklee und Goslar kämpfen 2006 um die Bocksberg-Seilbahn
Erster Harzer Handy-Fall
Und schon vor 20 Jahren berichtet die GZ über einen Fall aus dem Landkreis Goslar, bei dem „das Foto-Handy zur Waffe wird“: Vier Jugendliche drangsalieren ihr 14-jähriges Opfer, indem sie ihn mit auf ihn gerichteter Softair-Pistole sexuelle Handlungen an sich vornehmen lassen, die Szenen filmen und versenden – und das Ende März 2006. Früher ist längst nicht alles besser...
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