Bad Harzburg: Warum die MoldTecs-Insolvenz keine Überraschung ist
Das heutige MoldTecs-Werk in Bad Harzburg entstand einst auf dem Gelände der früheren Eisenerzgrube Friederike. Foto: Schlegel/GZ-Archiv
Der Bad Harzburger Automobilzulieferer MoldTecs hat Insolvenz angemeldet, der Standort im Grubenweg ist in Gefahr. Warum diese Entwicklung absehbar war.
Nach der Insolvenz am Grubenweg
Bad Harzburger Automobilzulieferer vor dem Aus, 180 Jobs in Gefahr
Im Bereich des Grubenwegs – deshalb übrigens auch dessen Name – war einst ein Zentrum der Bad Harzburger Schwerindustrie beheimatet: die Eisenerzgrube Friederike. Nachdem diese am 16. August 1963 ihren Betrieb eingestellt hatte, weil die Förderung dort unrentabel geworden war, wurde das Gelände bebaut. Die Verlagerung und Vergrößerung ansässiger Betriebe sollte Ende der 1970er Jahre zur Gewinnung neuer Arbeitsplätze führen. So zog beispielsweise auch der älteste Vorgänger der MoldTecs, die Helphos GmbH, von Schlewecke in die Nähe des Golfplatzes und errichtete ihren Sitz auf dem ehemaligen Grubengelände. Drumherum entstanden auch Wohnhäuser. Bei der Helphos handelte es sich um einen deutschen Autoteilehersteller, der vor allem für den legendären Helphos-Suchscheinwerfer (das sogenannte „Auto-Auge“) in den 1950er und 60er Jahren bekannt geworden ist.
Wirtschaftskrise trifft Firma hart
Im Jahr 1996 übernahm die belgische Solvay-Gruppe die Helphos GmbH. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten im Grubenweg mehr als 300 Angestellte, die Firma verzeichnete einen Umsatz von 83 Millionen DM. Zu dem 1863 gegründeten Chemiekonzern, der heute auf 40 Länder verteilt mehrere Tausend Mitarbeiter beschäftigt, gehörte auch die Sparte „Air Induction Systems and Technical Parts (AIS/TP)“. Heißt: Produziert wurden Ansaugsysteme, Ventile, Leitungen sowie weitere Kunststoffbauteile für Antriebssysteme.
2002 übernahm der Konzern Mann+Hummel jenen Bereich und damit auch das Fabrikgelände in der Kurstadt. Lange Zeit war der Hersteller mit Hauptsitz in Ludwigsburg einer der größten Arbeitgeber Bad Harzburgs. Rund 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren im Grubenweg beschäftigt.
Dann jedoch kam die Wirtschaftskrise: Zwischen 2008 und 2010 meldete Mann+Hummel für den Bad Harzburger Standort einen Verlust von zehn Millionen Euro. 2009 musste die Firma Kurzarbeit anmelden, zwei Jahre später werden auf einen Schlag 100 Mitarbeiter entlassen.180 Stellen in Gefahr
Harzburger Automobilzulieferer am Grubenweg meldet Insolvenz an
Zwischenzeitlicher Aufwind
Anschließend stabilisierte sich die Lage augenscheinlich wieder: Im Jahr 2012 investierte Mann+Hummel in den Standort, baute beispielsweise für 650.000 Euro eine neue Maschine ein, ebenso eine neue Trafostation, deren Einzelteile spektakulär auf bis zu 28 Meter langen Transportern angeliefert wurden. 2013 erwirtschaftete man nach eigenen Angaben sogar wieder eine schwarze Null.
In der Folge ging der Umsatz aber erneut zurück. Grund war laut Mann+Hummel in erster Linie der Preisdruck in der Automobilbranche. Zudem seien zu diesem Zeitpunkt mehr und mehr Autos im Ausland produziert worden, die Zulieferer hätten den Herstellern mit ihren Produktionsstätten hinterher reisen müssen.
2015 zog das Unternehmen Konsequenzen und kündigte eine Umstrukturierung an: 150 Stellen standen auf der Kippe. Man werde eine organisatorische Zusammenlegung der Standorte Bad Harzburg und Sonneberg in Thüringen auf den Prüfstand stellen, hieß es damals. Es ging nicht um die Standorte an sich, doch deren Produktpalette ähnelte und überschnitt sich. Auch sollte es nur noch einen gemeinsamen Leiter für beide Werke geben.
Kritik von Seite der Politik
2016 war die Zahl der Beschäftigten bereits auf 245 (216 Festangestellte und 29 Leiharbeiter) zusammengeschrumpft. Die große Entlassungswelle schien zu diesem Zeitpunkt ein weiteres Mal gestoppt. Mehr noch: Die Unternehmensführung sprach sogar eine bis ins Jahr 2020 geltende Beschäftigungssicherungs- und Standortgarantie aus.
Zwei Jahre später erholten sich auch die Finanzen merklich. Mann+Hummel profitierte von der Konjunktur – das Umsatzziel stieg um zehn Prozent, die Zahl der Stammmitarbeiter auf 255. Darüber hinaus investiert die Firma 3,9 Millionen Euro in neue Technik.GZ-Magazin „Wirtschaft im Harz“
Prognos sieht im Harz trotz Strukturschwächen großes Potenzial
Es waren die letzten wirklich guten Nachrichten über die Bad Harzburger Firma, denn danach ging es aus wirtschaftlicher Sicht nur noch bergab. Die Zahl der Beschäftigten sank kontinuierlich. 2021 schloss Mann+Hummel den Entwicklungsbereich, zehn weitere Beschäftigte wurden daraufhin entlassen. Sowohl Bad Harzburgs Bürgermeister Ralf Abrahms als auch die damaligen niedersächsischen SPD-Landtagsabgeordneten Petra Emmerich-Kopatsch und Dr. Alexander Saipa sowie der damalige CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Roy Kühne kritisierten den Umgang mit der Belegschaft und die Kommunikationspolitik der Firma in öffentlichen Briefen scharf. Mann+Hummel selbst räumte Fehler bei der Kommunikation ein, verteidigte das Vorgehen jedoch aus unternehmerischer Sicht.
Ganze Branche hat Probleme
Im Oktober 2022 kam es dann zum bislang letzten Besitzwechsel. Mann+Hummel gab sein Geschäft mit Hochleistungs-Kunststoffteilen und damit auch seine Standorte in Bad Harzburg, in Sonneberg und im französischen Laval an die Private-Equity-Gesellschaft Mutares ab. Fortan firmierte es unter dem Namen MoldTecs. Alle Beschäftigten, so hieß es damals von Unternehmensseite, sollten ihre Arbeitsplätze behalten. Ein Versprechen, dass jedoch nur bedingt eingehalten wurde: Schon zwei Jahre später kündigte MoldTecs nämlich weiteren Stellenabbau an.
Ziel sei es nun, das Unternehmen rasch neu aufzustellen, heißt es in einer Pressemitteilung von MoldTecs. Die Löhne der Mitarbeiter seien gesichert, der Produktionsstandort in Bad Harzburg allerdings wackelt. Die letzte Rettung wäre dem Vernehmen nach nur ein Investor.
Ähnlich schlechte Nachrichten vermeldet dieser Tage übrigens auch MoldTecs Vorgänger Mann+Hummel: Das Unternehmen gab jüngst bekannt, seinen Standort in Speyer bis Ende 2028 schließen zu wollen. 600 Jobs sind dort in Gefahr. Ein Grund dafür sei die schwache Wirtschaftslage, heißt es von Unternehmensseite.
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