Giftige Doppelgänger: Was Pilzsammler wissen sollten
Ein giftiger gelber Knollenblätterpilz (Amanita citrina) wächst in einem Wald. (Symbolbild) Foto: Harald Tittel/dpa
Vier schwere Pilzvergiftungen meldet die Medizinische Hochschule Hannover für diesen Herbst. Ein Patient stirbt. Warum Verwechslungen so gefährlich sind – und was im Verdachtsfall zu tun ist.
Hannover. Vier schwere Pilzvergiftungen, ein Todesfall: Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) warnt vor den Risiken beim Pilzesammeln. Diesen Herbst überlebten nach ihren Angaben zwei Patienten nur dank eines Gegengifts, ein weiterer erhielt erfolgreich eine neue Leber. Ein vierter Patient starb. Auch Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) mahnt zur Vorsicht. Was Sammler wissen sollten:
Warum ist der Knollenblätterpilz so gefährlich?
Der Knollenblätterpilz kann mit essbaren Arten verwechselt werden, etwa mit Wiesenchampignons. Sein Gift kann die Leber so schwer schädigen, dass sie versagt. Schon geringe Mengen können nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) tödlich sein. Knollenblätterpilze sind für den weit überwiegenden Teil der tödlichen Pilzvergiftungen verantwortlich.
Welche Beschwerden deuten auf eine Vergiftung hin?
Bei einer Knollenblätterpilzvergiftung treten Übelkeit, Erbrechen und Durchfall laut MHH erst nach mehreren Stunden auf. Die Beschwerden können zunächst wie eine Magen-Darm-Infektion wirken. Zu diesem Zeitpunkt ist das Gift aber bereits vom Körper aufgenommen worden. Nach ein bis zwei Tagen drohen Leberschäden, hinzu können Störungen der Blutgerinnung und der Nierenfunktion kommen. Wer nach einer Pilzmahlzeit zunächst beschwerdefrei bleibt, kann daraus also keine Entwarnung ableiten.
Kann ich mich auf eine Pilz-App verlassen?
Nicht bei der Entscheidung, ob ein Pilz gegessen werden darf. Apps und Bücher können beim Lernen helfen, bieten aber keinen verlässlichen Schutz vor Verwechslungen. Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie (DGfM) warnt insbesondere vor Apps, die Pilze automatisch anhand eines Fotos bestimmen: Sie können falsche Ergebnisse liefern. Auch KI-Assistenten sind nach Einschätzung von GIZ-Nord-Chef Andreas Schaper dafür zu unsicher.
Wie lässt sich das Risiko beim Sammeln senken?
Man sollte nur Pilze zum Essen mitnehmen, die sich sicher als Speisepilze bestimmen lassen. Die MHH empfiehlt, Funde vor dem Verzehr von Pilzsachverständigen prüfen zu lassen. Kontakte vermittelt unter anderem die DGfM über ihre Internetseite. Schulungen und geführte Pilzwanderungen können helfen, die Artenkenntnis zu verbessern. Wer unsicher bleibt, sollte auf den Verzehr verzichten. Auch langes Kochen macht nicht alle Pilzgifte unschädlich, warnt die Fachgesellschaft.
Was ist bei einem Verdacht zu tun?
Unverzüglich medizinischen Rat einholen und nicht erst abwarten, ob Beschwerden auftreten oder wieder verschwinden. Das Giftinformationszentrum Nord ist rund um die Uhr unter der Nummer 0551 19240 erreichbar. Bei schweren Beschwerden, insbesondere Bewusstlosigkeit oder Atemproblemen, gilt der Notruf 112. Minister Philippi rät bei Verdacht auf eine Pilzvergiftung dazu, umgehend ein Krankenhaus aufzusuchen.
Pilz-, Putz- und Speisereste sowie gegebenenfalls Erbrochenes sollten für die Bestimmung aufbewahrt werden. Für die Beratung ist wichtig, wann welche Pilze in welcher Menge gegessen wurden und welche Symptome bestehen. Auch andere Menschen, die von derselben Mahlzeit gegessen haben, sollten informiert werden und sich nach Empfehlung des BfR ärztlich untersuchen lassen – selbst ohne Beschwerden.
Helfen Hausmittel?
Nein. Betroffene sollten kein Erbrechen auslösen und weder Milch noch Salzwasser als vermeintliche Gegenmittel einnehmen. Das kann zusätzliche gesundheitliche Schäden verursachen. Behandlungen gehören in ärztliche Hände.
Wie wird eine schwere Vergiftung behandelt?
Nach Angaben der MHH beginnen Ärzte bereits bei Verdacht auf eine Knollenblätterpilzvergiftung mit einem Gegengift. Ein Giftnachweis im Urin kann zur Klärung beitragen. Versagt die Leber, kann eine Transplantation notwendig werden. „Im schlimmsten Fall stellt die Leber ihre Funktion ein“, erklärt der MHH-Spezialist Richard Taubert. Schnelle Hilfe ist deshalb entscheidend.