Wo feiern Jugendliche – und warum kommt der Bus nicht öfter?
Auch Spaß muss sein: Beim ersten niedersächsischen Jugendforum diskutieren junge Menschen in Goslar über Wirtschaft, Bildung, Mobilität und politische Beteiligung. Foto: Jörg Kleine
Das Jugendforum zeichnete kein schlechtes Bild von Goslar. Doch es gibt etliche Kritikpunkte, die Schüler, Azubis und junge Erwachsene formulierten.
Wirtschaft, Umwelt, Bildung, Jugendbeteiligung und Jugendpolitik – die Zukunftsthemen waren breit angelegt beim ersten niedersächsischen Jugendforum am Dienstag in Goslar.
Junge Stimmen waren gefragt, und der Austausch bis zum frühen Nachmittag brachte teils markante Ergebnisse: Der Nahverkehr ist aus Sicht junger Menschen sehr verbesserungswürdig im Landkreis. Viel positiver als gedacht war hingegen bei vielen der Blick in die wirtschaftliche und berufliche Zukunft.
Abschlussbesprechung mit Moderatorin Veronika Raguse, Uwe Schwenke de Wall, Eva Schulte, Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner und Franziska Fuchs (v.l.). Foto: Jörg Kleine
Nachtleben: „Wo feiert ihr eigentlich?“
Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis wurde in der Abschlussrunde deutlich, als es um das Nachtleben in Goslar und der Region ging. „Wo feiert ihr eigentlich?“, fragte Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner munter – woraufhin sich zuerst ein Lehrer meldete: Im Magazin „Spiegel“ habe er mal gelesen, dass junge Leute heutzutage gar nicht mehr so viel nachts feierten, sondern eher tagsüber. Die praxisnahe Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Dieser Einschätzung könne er nur zum Teil folgen, meinte ein junger Mann diplomatisch: „Wenn ich am Wochenende feiern gehe, dann lande ich meistens im ,Kö’ oder im ,Na und’.“
Erstes Jugendforum in Niedersachsen
Schwerpunkte Wirtschaft, Bildung, politische Beteiligung
Unter den rund 40 Teilnehmern, die im Kulturmarktplatz am Museumsufer ins Gespräch gingen, waren Schüler, Auszubildende, junge Menschen im Job, aber eben auch Frauen und Männer jenseits der Zielgruppe der 16- bis 35-jährigen. Nicht nur der eifrige Pädagoge, sondern auch Jugend- und Sozialarbeiter – und Veronika Raguse, die beim Jugendforum durchs Programm führte. Hinzu kamen Spezialisten, die in drei zuvor festgelegten Themengebieten die Moderation übernahmen:
- Uwe Schwenke de Wall, Unternehmer und Vorsitzender von „pro Goslar“, für das Thema Wirtschaft und Umweltpolitik;
- Stadtjugendpflegerin Franziska Fuchs für das Thema Jugendbeteiligung und Jugendpolitik;
- Eva Schulte, Leiterin der Volkshochschule im Landkreis, für das Thema Bildung.
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Schönes, sicheres, ruhiges „Kleinstadt-Feeling“
Erkenntnisse beim Thema Wirtschaft: Die meisten jungen Menschen bei der Diskussion möchten in der Region bleiben. Das war durchaus überraschend für den Moderator Uwe Schwenke de Wall – und ein gutes Zeichen für Arbeitgeber und die Attraktivität der Region. Felix (17) will zum Studium vermutlich raus, „aber irgendwann komme ich wieder“. Denn das Umfeld hier biete ein schönes, sicheres und beruhigendes „Kleinstadt-Feeling“.
Lukas (20) findet, der Wald im Harz sei auch ein wichtiges Wirtschaftsthema und müsse aufgeforstet werden. Ansgar (20) blickt hin- und hergerissen auf digitalen Wandel und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Das biete sicher viele Chancen, aber auch Risiken – aus seiner Sicht vor allem für kleinere Betriebe.
Was ist wichtig in Sachen Bildung? Auf Augenhöhe, an einem Tisch und mit Filzstiften auf Folie formulieren die Teilnehmer Ideen, Kritik und Ansatzpunkte. Foto: Jörg Kleine
Kritischer Punkt: Nahverkehr soll besser werden
Großer Kritikpunkt sind für viele in der Debatte die Verkehrsverbindungen. Abseits der Schülerfahrten sei die Taktung schlecht, vor allem auch abends. Ein 20-jähriger Auszubildender würde sich zudem längere Ladenöffnungszeiten wünschen: Bis 16 Uhr arbeiten, dann essen und duschen – und danach seien die meisten Geschäfte schon geschlossen.
Bildungsangebote und Sprache
Erkenntnisse beim Thema Bildung: Sprachförderung in Deutsch war hier ein großes Thema. Mehr Lernangebote auch für Auszubildende und Erwachsene standen auf dem Zettel. Überdies müsse der Zugang zu Lerninhalten für alle möglich sein. Besonderer Knackpunkt: Es fehlt jungen Menschen vielfach an Information, was angeboten wird – und wo. Ein zentrale Anlaufstelle zum Thema Bildung sei im Landkreis wünschenswert.
Graphic Recording: Katharina Kosak hält Themen, Kritikpunkte, Wünsche und Meinungen auf großen Plakaten gleich während der Diskussionsrunden zeichnerisch fest. Die Plakate aus Goslar fließen auch in den großen Ergebnisbericht der bundesweit vier Jugendforen der Deutschen Gesellschaft ein. Foto: Jörg Kleine
Mehr Informationsfluss für junge Menschen
Erkenntnisse beim allgemeinen Thema Jugendbeteiligung: In der Debatte standen auch hier Mobilität und Sprache hoch im Kurs. Zudem ging es um Mitbeteiligung an politischen Entscheidungen, beispielsweise in Ausschüssen des Stadtrats. Und auch in diesem „World-Café“ drehte sich vieles um die Frage: Wie kommen die Informationen, die wichtig sind, besser und gezielter zu den jungen Menschen?
Aber was wird nun aus all den Erkenntnissen? Die Stadt Goslar will Themen für junge Menschen weiter aufgreifen, betonte Urte Schwerdtner. Und „wir wollen erreichen, dass die Ergebnisse auch in die Bundespolitik einfließen“, sagte Dr. Heike Tuchscheerer. Sie ist Referentin bei der Deutschen Gesellschaft, einem gemeinnützigen Verein, der das Format „Stimme(n) der Jugend“ bundesweit organisiert – gefördert vom Bundesinnenministerium.
Themen und Debatten auf einen Blick: Auf drei Plakaten sind die Inhalte des Jugendforums in Goslar grafisch festgehalten. Foto: Jörg Kleine
Forum in Goslar fließt in großen Ergebnisbericht ein
Themen, Ideen, Forderungen aus Goslar werden in einen großen Ergebnisbericht für 2026 einfließen. Nach bundesweit vier Jugendforen 2025 und vier Jugendforen 2026 sind für 2027 vier weitere Jugendforen vorgesehen. Ende 2027 soll es einen Abschlusskongress für das Projekt geben.
Wie beurteilen Teilnehmer das Jugendforum?
Das Urteil von Teilnehmern des Jugendforums in Goslar fiel konstruktiv-kritisch aus. „Ich fand toll, dass es keine trockenen Vorträge gab, sondern Diskussionen im Kreis, auf Augenhöhe und an einem Tisch“, sagt Ammar Adel, Schülersprecher am Ratsgymnasium. So sei es möglich gewesen, unterschiedliche Aspekte und Meinungen vorzubringen „ohne das Gefühl, in einen Streit zu geraten“. Allerdings hätte sich der Elftklässler mehr junge Menschen in der Diskussion gewünscht.
Darin war er sich mit Sarah Winkens (44) und Anne-Marie Zimmermann (29) einig. Beide sind Jugendsozialarbeiterinnen der Stadt Braunschweig und waren beim Jugendforum in Goslar mit von der Partie – zunächst in der Annahme, es handle sich um ein Fachkräftetreffen. „Warum sitzen vorne nicht junge Menschen?“, fragten sich beide bei der Abschlussrunde des Jugendforums.
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