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Tourismusforscher sieht im Harz Potenzial

Harald Zeiss von der Hochschule Harz beschreibt die Stärken der Region

Ein Mann fotografiert sich mit dem Handy neben einer ehemaligen Grenzsäule.

Selfie bei Schierke an einem Relikt aus der Zeit der deutsch-deutschen Teilung: In seiner Freizeit wandert Tourismusprofessor Harald Zeiss gerne, beruflich forscht er zu Fragen des nachhaltigen und internationalen Tourismus. Foto: Zeiss

Der Wernigeröder Tourismusprofessor Harald Zeiss ist ein vielgefragter Experte. Im Harz sieht er viel Potenzial. Zeiss sagt aber auch, was besser werden muss.

Von Christian Wiesel Mittwoch, 20.05.2026, 04:00 Uhr

Der Wernigeröder Tourismus-Professor Harald Zeiss erläutert im Interview mit „Wirtschaft im Harz“ das Reisen im Zeitalter von Terror- und Klimakrise, berichtet über geglättete Wogen zwischen Ost und West, beschreibt das neue Image des Harzes und verrät, warum die Gegend zwischen Harzgerode und Hahnenklee ausgerechnet bei der Erbsensuppe kulinarisch eine Schippe drauflegen muss.

Als Professor für das Reisen haben Sie doch einen Traumjob: ständige Dienstreisen zwischen Toronto und Timbuktu, Tests von Hotelbetten, Wellness-Ressorts oder neuen Kreuzfahrt-Schiffen, Exkursionen mit Studierenden zu exotischen Destinationen. Oder?

Weniger als ich mir wünschen würde, leider. Doch vor dem Hintergrund der Klimakrise sollte man sowieso auf den ökologischen Fußabdruck achten und weniger fliegen. Meine wesentliche Arbeit erfolgt hier an der Hochschule mit der Wissensvermittlung an unsere Studierenden. Privat habe ich bewusst kein Auto, sondern fahre viel Zug, da ich meinen Forschungsschwerpunkt „Nachhaltiges Reisen“ auch im Alltag leben möchte.

Überhaupt keine Dienstreisen?

Wenige, und wenn stehen Sie fast immer im Zusammenhang mit meiner Zusatzfunktion als Koordinator unseres internationalen Tourismus-Studienganges. Im März etwa war ich in Finnland an zwei Partnerhochschulen in Kajaani und Helsinki. Was mit Kollegen aus dem Ausland geklärt werden muss, geht mittlerweile sehr gut digital. Das handhaben auch Unternehmen seit Corona zunehmend auf diesem Weg anstatt zeit-, nerven- und kostenintensiver Dienstreisen.

Damals boomten während der Sommermonate aufgrund der Reisebeschränkungen der Inlandstourismus und Trips in Anrainer-Staaten. Auch der Harz profitierte und wurde von dänischen und niederländischen Urlaubern geradezu überrannt. Was ist davon geblieben?

Im Gegensatz zu den von der physischen auf die Daten-Autobahn verlagerten Business-Trips fast nichts. Wenngleich laut Statistik der Deutschen liebstes Urlaubsziel seit jeher das eigene Land ist, folgen gleich danach Spanien, Türkei und Italien. Fernreisen nach Übersee, von Amerika bis Asien, befinden sich wieder im Aufwind.

Ungeachtet von Flugzeugkatastrophen, Attentaten wie 9/11 oder auf Bali, Waldbränden bis zum aktuellen Krisenherd im Nahen und Mittlerer Osten?

Der Irankonflikt hat deutliche Auswirkungen auf den Tourismus der Region und Flugverbindungen nach Asien. Doch vergangene Krisen zeigen: Die Menschen vergessen sehr schnell. Nach abrupten Einbrüchen erreichten die Touristenzahlen von wenigen Ausnahmen abgesehen wieder das Ausgangsniveau.

Was ist mit dem Klimawandel? Selbst die deutschen Sommer waren zuletzt oft unerträglich, mit jedem Breitengrad weniger wird es noch heißer.

Der Trend des „Coolcationing“ auf den Sie anspielen, wonach kühlere Länder zum Reiseziel erklärt werden, ist aktuell weitgehend nur medialer Natur. Egal wie hoch das Thermometer klettert, das Mittelmeer ist unverändert die Urlaubs-Badewanne der Nation, siehe das Länder-Ranking.

Aber der Wunsch, einen umweltfreundlichen Urlaub, ohne treibhausgasintensive Anreise zu erleben, könnte der dem Harz-Tourismus auf die Sprünge helfen?

Wie in anderen Branchen wächst beim Reisen die Bedeutung von Nachhaltigkeit, es erfolgt ein Umdenken, etwa mit Ökostrom im Hotel oder nur noch digitalen Informationsangeboten statt Katalogen. Von den Reisenden wünscht sich Erhebungen zufolge mittlerweile rund die Hälfte einen umweltfreundlichen Urlaub. Doch lediglich für ein Prozent ist Nachhaltigkeit das Auswahlkriterium bei der Buchung. Somit haben wir eine Lücke zwischen Wunsch und Verhalten, ein Attitude-Behavior-Gap, wie wir ihn übrigens wie bei Neujahrsvorsätzen und vielen anderen Innovationen erleben: Die meisten Menschen finden Elektroautos klasse, bis zu dem Punkt, an dem das Portemonnaie weiter geöffnet werden muss. Für einen erfolgreichen Wandel ist ein Miteinander von Wirtschaft, Politik und Kunden nötig.

Der Tourismus im Harz scheint es schwer zu haben, wenn selbst derartige wirtschaftspolitische und ökologische Umbrüche ohne Effekt bleiben.

Das ist zu kurz gedacht, schließlich legen die Übernachtungszahlen seit mehreren Jahren wieder zu. Schon allein die Kombination aus nördlichstem Mittelgebirge und zentraler Lage in der Republik verschafft dem Harz einen sehr relevanten Quellmarkt. Und auch der demografische Wandel mit immer mehr Rentnern, die Reisen wollen und finanziell sowie gesundheitlich meist auch können, wird dem Harz zuträglich sein. Ebenso wie die klimawandelbedingt langfristig steigenden Temperaturen.

Also doch Hitzeflucht, weg von den Stränden zwischen Andalusien und Zypern?

Es ist weit komplexer und für den Harz vielleicht ein Potenzial: Jahrzehntelang basierte das touristische Bild auf dem Image des dunkelgrünen Märchenwaldes, in dem Rotkäppchen seinen Wohnsitz hat und der böse Wolf durch die Wälder streift. Mit dem Sterben der monotonen Fichtenplantagen als Folge des Klimawandels entsteht eine völlig neue, lichtere und viel facettenreichere Natur. Die Branche hat die historische Chance, aus einer Katastrophe ein neues Narrativ entstehen zu lassen.

Was bedeutet das konkret?

Vielfältigere Naturerlebnisse, von Wandern über Wellness bis Waldbaden. Und das bei zumeist günstigeren Temperaturen sowie einer insgesamt verlängerten Sommersaison. Dieser „neue Harz“ hat extrem viel touristisches Potenzial.

Doch zugleich wird es keinen Wintertourismus mehr geben, jene über Jahrzehnte lukrative Cash Cow der Branche.

Zumindest der Abschied vom klassischen Ski- und Snowboardtourismus ist unvermeidlich. Tourismus im Winter wie Rodeln, Tourengehen und Wandern im verschneiten Wald wird es weiter geben. Wenn auch unberechenbarer.

In den 1990er und 2000er Jahren rannte der Ost- dem Westharz im Tourismus wirtschaftlich davon. Unrühmlicher Höhepunkt war der Selbstmord eines Hotelier-Ehepaars 2007 in Braunlage, das trotz sanierten Hauses in die Pleite schlitterte. Wie steht es heute um diese Ungleichheiten?

Sie haben sich angeglichen und werden das weiter tun. Der niedersächsische Teil des Harzes hat den Turnaround eingeleitet und mit Schlüsselattraktionen und -investitionen an Attraktivität gewonnen. Selbst Investoren differenzieren kaum noch, und Touristen ist eine ehemalige Grenze ohnehin egal, wenn sie nicht gerade genau am „Grünen Band“ wandern möchten.

Stichwort Wandern: Machen Sie das auch? Wenn Sie kein Auto haben, müssen Sie doch sehr gut zu Fuß sein.

Sehr gerne sogar. Eine meiner Lieblingsrouten ist gleich um die Ecke, vom Büchenberg nach Blankenburg zum Kloster Michaelstein.

Sie genießen dann bestimmt den großartigen Anblick des sanierten Barockschlosses auf dem Bergsporn des Blankensteins. Aber vermissen Sie auch etwas bei ihren Touren?

Auf entlegeneren anderen Routen qualitativ bessere Einkehrmöglichkeiten. Erbsensuppe, bei der man genau weiß, dass hinten in der Küche nur die Dose geöffnet wurde, ist keine touristische Attraktion, wenn ich es mal so sagen darf.

Die von Kukki ist doch Kult.

Ohne Frage zu Recht. Doch bei einem mehrtägigen Wanderurlaub möchten Gäste Abwechslung. Wenngleich diese solide über Jahre gewachsene Bodenständigkeit das Fundament für den bisherigen Erfolg des Harzes ist und auch in Zukunft sein wird. Ein Baustein dabei ist das Essen, und dem Breitengeschmack wird ohne Frage eher Bratwurst als Crème Brûlée gerecht.

Was muss der Harz außerdem besser machen?

Bus und Bahn müssen dringend optimiert werden, mitsamt lückenloser Vernetzung einzelner Verbindungen. Vor allem im Oberharz fehlen mir noch einige mittelgroße moderne Hotels. Sowie insgesamt Touristenattraktionen mit Ganzjahresattraktivität vergleichbar Pullman City, der Baumschwebebahn in Bad Harzburg oder dem Hexenreich in Rotheshütte. Denn jedes neue Angebot generiert neue Urlauber, die wiederum auch für Nachfrage der Angebote und Infrastruktur rundherum sorgen.

Weil wir alle immer unzufriedener werden und der Wanderweg und das Sonntagskonzert im Kurgarten, seien sie noch so erholsam, nicht mehr reichen?

Touristen suchen zunehmend nach individuellen Erlebnissen mit viel Abwechslung. Jene Urlauberspezies, die zwei Wochen nur zwischen Buffet und Strandliege pendelt, wird sich weiter verringern. Dies steht in Einklang mit dem Trend in entwickelten Gesellschaften zur Individualisierung mit daraus resultierenden sehr heterogenen Wünschen. Das Smartphone bekommt mit bunter Hülle und den Lieblings-Apps eine individuelle Note. Das in Eigenkreation gekochte Essen wird auf Instagram zur Schau gestellt. Und so weiter.

Noch eine Frage: Sind Sie als Schüler in den Ferien ohne Eltern-Erlaubnis vereist oder wie gelingt der Weg zu einem Beruf wie Ihrem?

Wenn ich mit einem Augenzwinkern so antworten darf wie Sie fragen:

70 Prozent der Deutschen reisen gerne, somit liege ich im repräsentativen Schnitt. Tatsächlich gestaltete es sich so, dass ich nach BWL- und Politikstudium mit Promotion bei der TUI in Hannover einstieg. Zunächst war ich in der hausinternen Unternehmensberatung, später Leiter der Nachhaltigkeitsabteilung. Diese Kombination aus wissenschaftlicher und praktischer Erfahrung war die Ausgangsbasis, um schlussendlich die Professur für nachhaltigen Tourismus hier an der Hochschule Harz zu besetzen.

Zur Person:

Geboren 1972 im Hunsrück in Rheinland-Pfalz studierte Harald Zeiss nach dem Abitur Betriebswirtschaft in Nürnberg, Politikwissenschaft in Straßburg und erwarb einen MBA in den USA. Nach einer elfjährigen Karriere mit verschiedenen Stationen kehrte er 2011 der TUI den Rücken und schlug eine wissenschaftliche Laufbahn als Professor an der Hochschule Harz in Wernigerode mit Schwerpunkten Nachhaltiger und Internationaler Tourismus ein. Parallel gründete der heute 54-Jährige ein privates Beratungsunternehmen für die Reisebranche insbesondere zu Fragen der Nachhaltigkeit. Zeiss hat zwei Kinder, wohnt als Resultat seiner TUI-Zeit in Hannover, hat aber eine kleine Nebenwohnung in Wernigerode und ist gefragter Experte zum Thema Reisen und Nachhaltigkeit. Seinen nächsten Privaturlaub will er in Rumänien verbringen.

Dieser Bericht stammt aus der aktuellen Ausgabe von „Wirtschaft im Harz“. Das Magazin der GZ erscheint zweimal im Jahr und beschäftigt sich mit wirtschaftlichen Entwicklungen der Region und stellt interessante Betriebe vor. Die aktuelle Ausgabe widmet sich überwiegend dem Tourismus. Sie ist unter folgendem Link als E-Paper zu finden: https://www.goslarsche.de/Anzeige/Wirtschaft-im-Harz.

Studenten sitzen mit einem Professor an einem Tisch.

Harald Zeiss (2.v.r.) mit Studenten während eines Kurses. Foto: Christian Bierwagen

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