Zwischen Party und Warnruf - Wie Bremen die Einheit feiert
Rund 400.000 Gäste feierten den Tag der Deutschen Einheit in Bremen. Foto: Sina Schuldt/dpa
Fröhliches Fest, kostenlose Konzerte und warnende Worte: Eindrücke von einer besonderen Feier zum Tag der Deutschen Einheit mit prominenten Gästen.
Bremen. Es ist ein Tag, der Erinnerungen weckt: An mutige Menschen, die vor fast vier Jahrzehnten für ein freies und geeintes Deutschland kämpften. Es ist aber auch ein Tag, der vor Augen führt, was aktuell auf der Kippe steht: Extremistische Kräfte bedrohten Freiheit und Demokratie, warnte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede am Tag der Deutschen Einheit. „Es gefährdet auch unsere innere Einheit. Und das dürfen wir nicht wollen.“
Bei der Feier in Bremen war genau diese innere Einheit spürbar: Hunderttausende Menschen aus ganz Deutschland feierten ausgelassen und kamen miteinander ins Gespräch. Der Wunsch von Bundesratspräsident und Gastgeber Andreas Bovenschulte erfüllte sich: „Da soll im Mittelpunkt stehen: Ganz viele Menschen kommen zusammen und haben zusammen eine gute Zeit“, hatte der SPD-Politiker vorab betont.
Deutschland zu Gast in Bremen

Die Spitze der Verfassungsorgane kam nach Bremen. Foto: Sina Schuldt/dpa
Drei Tage lang wurde die Einheit unter dem Motto „Viele Stärken - ein Land“ zelebriert, mit Gottesdienst, Festakt und einem Bürgerfest. Die Wahl fiel dieses Jahr auf Bremen, weil das kleinste Bundesland die Präsidentschaft im Bundesrat innehat. So reiste die politische Spitze Deutschlands in die Hansestadt, neben dem Bundespräsidenten auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), einige Minister sowie Regierungschefinnen und -chefs der Länder.
Rund 400.000 Besucherinnen und Besucher wurden erwartet - und tatsächlich folgten so viele bei sonnigem Wetter der Einladung. Menschenmassen flanierten am Deich, wo sich die Bundesländer unter anderem mit XXL-Weinkiste, Planetarium und queeren Schuhplattlern präsentierten. Schon am Samstagnachmittag mussten die ersten Stände hungrige Gäste weiterschicken, so war etwa die Schwarzwälder-Kirschtorte aus Baden-Württemberg restlos verputzt.

Ein Highlight war das kostenlose Konzert der Band Die Fantastischen Vier. Foto: Sina Schuldt/dpa
Abends feierten rund 10.000 Menschen beim Konzert der Fantastischen Vier in der Innenstadt. Andere drängten sich entlang der Weser, wo Häuserfassaden in buntes Licht getaucht wurden und beleuchtete Schiffe passierten. Auch am letzten Tag ließen sich viele Gäste über das Festgelände treiben, trafen Kinder-Stars wie die Maus, wetteiferten im Seifenkistenrennen und entspannten in Liegestühlen in der Sonne.

Beim Bürgerfest war ein buntes Programm geboten - unter anderem ein Seifenkistenrennen. Foto: Sina Schuldt/dpa
Emotionale Rede von Steinmeier: „Habt Mut zur Erneuerung“
Doch am Tag der Deutschen Einheit wurden auch ernste Töne angeschlagen. In einer emotionalen Ansprache erinnerte der Bundespräsident an die Wiedervereinigung. Dieser „Glücksmoment in der deutschen Geschichte“ dürfe nicht durch Herausforderungen der Gegenwart verdrängt werden, appellierte Steinmeier. „Niemals dürfen wir diesen Moment in Vergessenheit geraten lassen.“ Ihn zu vergessen, wäre Verrat, so Steinmeier.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach mahnende Worte. Foto: Sina Schuldt/dpa-Pool/dpa
Eindringlich forderte Steinmeier dazu auf, die Demokratie zu verteidigen. „Ich habe gedacht, alle hätten die Lektion aus der Geschichte gelernt“, sagte er. Nun müsse er sehen, wie Rechtsextreme das Andenken an die Opfer des Holocausts ausradieren wollten. Die Politik müsse sich ohne Schonung fragen, was versäumt worden sei, wenn sich so viele Menschen abwendeten und Extremisten eine solche Resonanz fänden.
Gleichzeitig versuchte das Staatsoberhaupt, Mut zu machen. Es habe in den vergangenen Jahrzehnten viele Krisen gegeben, die gelöst worden seien. Der Schlüssel sei politischer Wille, eingefahrene Routinen zu verlassen. „Habt Mut zur Erneuerung!“, sagte er in Richtung Politik. Es sei wichtig, entschlossen zu handeln - auch bei Gegenwind. „Unser Deutschland ist ein gutes Land. Schaffen wir ein noch besseres!“, sagte er am Ende seiner Rede, für die er stehenden Applaus bekam.
Warum die Bremer Stadtmusikanten ein Vorbild sind

Der Gottesdienst drehte sich um die Bremer Stadtmusikanten. Foto: Moritz Frankenberg/dpa-Pool/dpa
Die zentralen Feierlichkeiten begannen am Samstag mit einem ökumenischen Gottesdienst zum Thema „Viele Gaben - ein Geist“ und dem berühmten Märchen der Bremer Stadtmusikanten von den Brüdern Grimm. Die vier Tiere – Esel, Hund, Katze und Hahn – seien so verschieden und gerade deshalb aufeinander angewiesen, predigte Bernd Kuschnerus, Kirchenpräsident der Bremischen Evangelischen Kirche. „Allein kommen wir nicht weiter.“
Der Osnabrücker Bischof Dominicus Meier erinnerte, dass die Bremer Stadtmusikanten sich neu orientieren mussten - ähnlich wie heutzutage. Viele fühlten sich überfordert, ohnmächtig und ziehen sich zurück. Sie dürfen nicht allein gelassen werden, appellierte Meier. „Begreifen wir, dass Einheit und Zusammenhalt nur da tragen, wo Menschen sie mit Haltung und Überzeugung leben und sich gegen Spaltung und Polarisierung stellen.“
Selfies mit Polit-Promis und wertvolle Begegnungen
Gottesdienst und Festakt mit geladenen Gästen wurden live im Fernsehen übertragen und an mehreren Leinwänden auf dem Festgelände gezeigt. Wer Glück hatte, konnte später ein Selfie mit Spitzenpolitikern ergattern und mit ihnen ins Gespräch kommen.

Wer Glück hatte, konnte ein Selfie ergattern. Foto: Focke Strangmann/dpa
Etwas mehr Zeit mit Bundespräsident, Kanzler und Bundesratspräsident hatten die sogenannten Bürgerdelegierten aus allen Bundesländern, die als Dank für ihr ehrenamtliches Engagement als Ehrengäste geladen waren. „Am beeindruckendsten finde ich tatsächlich Frank-Walter Steinmeier“, sagte Svenja Böning von der Bremer Delegation über das Treffen. „Das war sehr nahbar, ganz sympathisch, wir haben sehr viel gelacht.“ Sie sei in den Tagen mit Menschen aus ganz Deutschland ins Gespräch gekommen und habe viele Eindrücke gewinnen können. „Das ist natürlich eine Riesenehre.“
Sauberkeit, Sicherheit und starke Bilanz: „Ich war echt geflasht“
Damit alles reibungslos verlief, waren Tausende Menschen rund um die Uhr im Einsatz. Während sich die meisten Gäste von den Eindrücken erholten, entfernten Mitarbeiter der Straßenreinigung noch in der Dunkelheit Spuren des Festes. Pflegepersonal und Ärztinnen schoben in den Krankenhäusern zusätzliche Schichten, zahlreiche Einsatzkräfte gingen auf Patrouille.

Zahlreiche Einsatzkräfte waren unterwegs. Foto: Moritz Frankenberg/dpa
Bei Demonstrationen am Rande des Feiertags kam es zu einzelnen Angriffen auf die Polizei und vorübergehenden Festnahmen. Zwei Schwule wurden auf dem Heimweg attackiert; Vermummte brannten eine Deutschlandfahne ab, zündeten Böller und Bengalos. Doch größere Störungen - wie vorab von der linksextremistischen Szene angekündigt - blieben aus. „Wir hatten nicht nur ein fröhliches, sondern auch ein sicheres Fest“, bilanzierte Bremens Innensenatorin Eva Högl (SPD).
Auch Gastgeber Andreas Bovenschulte zeigte sich begeistert. „Das klingt ja ein bisschen komisch, wenn man das über die eigene Veranstaltung sagt. Aber ich muss sagen, ich war echt geflasht“, sagte der Bundesratspräsident, bevor er den Staffelstab symbolisch an seinen designierten Nachfolger, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU), übergab. In Bremen beginnt in den nächsten Tagen der Abbau - bevor nächstes Jahr in Düsseldorf die Einheit zelebriert wird.

Menschenmassen drängten sich auf dem Festgelände. Foto: Focke Strangmann/dpa

Am Abend erstrahlten Boote und Häuser in bunten Farben. Foto: Focke Strangmann/dpa

Andreas Bovenschulte (SPD, r) übergab den Staffelstab an Hendrik Wüst (CDU). Foto: Focke Strangmann/dpa

Am Festakt nahmen rund 1.000 Ehrengäste teil. Foto: Sina Schuldt/dpa-Pool/dpa

Einzelne zündeten Böller und Bengalos. Foto: Moritz Frankenberg/dpa