70 Jahre ESC gegen 80 Jahre Udo Lindenberg
Udo Lindenberg, Panikrocker und Maler, feiert am Sonntag seinen 80. Geburtstag. Foto: Christoph Reichwein/dpa
Sport, Musik, Malerei gehören angeblich zu den schönsten Nebensachen der Welt. Doch unpolitisch ist das selten – ob ESC, Olympia oder Udo Lindenberg.
Finale am Samstagabend
Sarah Engels muss beim ESC als Zweite ran
Das Deutschland-Dilemma – null Punkte
Knatsch, Kritik und Frust gibt es vor oder nach diesem Wettstreit regelmäßig. Hierzulande hadern viele Zuschauer damit, dass deutsche Interpreten regelmäßig weit hinten landen, während mitunter schräge Nummern eine Menge Punkte einheimsen. Ausnahmen gibt es, aber sie sind eben rar: 1970, 1971 und 1980 schaffte es eine gewisse Karin Ilse Witkiewicz, genannt Katja Ebstein, zweimal Dritte und einmal Zweite zu werden. 1982 gelang es der Schlagersängerin Nicole, ganz unprätentiös mit Gitarre und „Ein bisschen Frieden“ auf dem ersten Platz zu landen. Und die Hannoveranerin Lena Meyer-Landrut tat es ihr 2010 gleich. Mehr gab es für deutsche Musiker indes beim ESC nicht zu holen seit dem Startschuss 1956 – damals als „Grand Prix Eurovision de la Chanson“. Auch wenn die Fernsehnation noch so sehr die Daumen drückte. Steckt also pure Politik dahinter, dass die Deutschen wenigstens beim Sangeswettstreit möglichst keinen Blumentopf gewinnen sollen? Oder sind die hehren Rufe nach Moral, Gerechtigkeit und Fairness im Wettkampf von Nationen nicht schon immer Traumtänzerei gewesen?
Wie steht es wirklich um Fairness, Moral und Gerechtigkeit?
Die Olympischen Spiele sind ein Paradebeispiel dafür. Die Treffen der Jugend der Welt stehen immer in einem hochpolitischen Kontext. In München 1972 stand im Vordergrund, Deutschland nach den Schrecken zweier Weltkriege als friedliches und freundliches Land zu präsentieren. Die palästinensische Terrorgruppe „Schwarzer September“ missbrauchte die internationale Öffentlichkeit hingegen, um israelische Sportler als Geiseln zu ermorden.
Wegen des russischen Einmarsches in Afghanistan boykottierten westliche Staaten 1980 auf Verlangen der USA die Olympischen Spiele in Moskau, fast der gesamte Ostblock und China wiederum blieben 1984 den Spielen in Los Angeles fern.
Olympia in Sotschi: Zum Abschied einen Truppenaufmarsch
Der russische Staatschef Wladimir Putin nutzte die Winterspiele 2014 in Sotschi, um sich national und international zu inszenieren – und hinter der Fassade den Überfall auf die ukrainische Krim-Halbinsel zu organisieren.
Aber selbst im antiken Olympia ging es vor allem um Politik. Der heilige olympische Frieden galt nur während der Spiele, nur am heiligen Ort, und er führte auch nur hellenische Stadtstaaten zusammen. Die Perser als dauernde Kriegsgegner waren jedenfalls zum sportlichen Wettstreit nicht eingeladen. Zugleich war der Aufmarsch von Volk und Sportlern am Hain von Olympia auch ein politisches und ökonomisches Forum – samt Theater und Volksfest. Das ist etwa so, als wenn die Olympischen Spiele von München 1972 zeitgleich mit Oktoberfest und politischem Aschermittwoch gelaufen wären.Eurovision Song Contest
Weimer fährt für Israels Song-Contest-Auftritt nach Wien
Aiwanger, ESC und Klamauk in Lederhosen
Dass sich nun vor Tagen ausgerechnet der stellvertretende bayerische Ministerpräsident Hubert Aiwanger zum Moralapostel der Unterhaltungsindustrie aufspielte, wirkt somit geradezu wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte. „Ist das noch Musik oder nur noch Klamauk?“, meinte Aiwanger beim politischen Wettstreit in der TV-Sendung „Hart aber fair“: Viele Normalbürger seien vom ESC eher abgeschreckt. Das sagt nun ausgerechnet einer, der es liebt, im Bierzelt vor promillegeschwängerten Fans politischen Klamauk unter Blasmusik zu liefern. Ist das normal? Für einen kühlen Hanseaten vorm windigen Wahlkampfstand an der Alster sicherlich nicht.
Wer definiert überhaupt, was normal ist? Sind die 150 bis 200 Millionen Zuschauer abnormal, nur weil das ESC-Spektakel über die Jahre schriller und bunter geworden ist? Mindestens sind die ESC-Fans friedfertiger und fröhlicher gesinnt als so manche politische Bierzelt-Vereinigung.
Auch beim Song-Contest geht es um Politik
Ohne politische Überlagerung geht es aber auch beim „Eurovision Song Contest“ nicht. Russland und Weißrussland sind seit Jahren vom ESC ausgeschlossen, während Länder wie Spanien, Irland, die Niederlande, Slowenien und Island das Spektakel dieses Jahr wegen der Teilnahme Israels boykottieren. Als Protest gegen Israels Zerstörungen und Menschenrechtsverletzungen in Gaza.
Erst kommt die Macht, dann die Moral
Und genau an dieser Stelle wird es im hehren Wettstreit von Nationen, olympischen Gedanken, Friedensbekundungen und Moral besonders heikel. Sind tote Kinder und Frauen in Gaza oder im Iran weniger wert als Kinder und Frauen in der Ukraine? Wenn Israel an ESC und Olympia teilnimmt, müssten nicht auch Russland und Weißrussland als Nationen dabei sein? Es geht doch schließlich nur um Musik und Sport, also die schönsten Nebensachen der Welt. Nach dem Angriff auf den Iran, dem Übergriff in Venezuela, den Drohungen gegen Grönland und Kuba ließe sich schließlich auch die Frage nach Sanktionen gegen die USA trefflich diskutieren. Sind sie eigentlich noch geeignete Gastgeber für eine Fußball-Weltmeisterschaft? Realistisch lässt sich dieses Rad nicht zurückdrehen, und auf der großen internationalen Bühne traut sich auch niemand, diese Fragen zu stellen. Dafür sind all die vermeintlichen Nebensachen auch viel zu kommerziell.Udo Lindenberg und der Mauerfall
Jeder einzelne hat derweil die freie Wahl. Es muss ja niemand zur WM in die USA fliegen. Und wem der ESC nicht gefällt, muss es sich im Fernsehen nicht anschauen – auch Hubert Aiwanger nicht. Da bietet sich zumindest musikalisch am Wochenende eine echte Alternative: Udo Lindenberg feiert am Sonntag 80. Geburtstag. Der hat zwar nie den ESC gewonnen, aber ein Stückchen mitgeholfen, eine Mauer zu Fall zu bringen. Friedfertig, fair und mit Moral.
Wie stehen Sie zu dem Thema? Schreiben Sie mir:
joerg.kleine@goslarsche-zeitung.de
Copyright © 2025 Goslarsche Zeitung | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.