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Gerichtsverhandlung im Jahr 1913

GZ Plus IconAls der Hauptmann von Köpenick fast im Goslarer Knast landete

Eine Briefmarke erinnert an Wilhelm Voigt, den berühmten Hauptmann von Köpenick.

Eine Briefmarke erinnert an Wilhelm Voigt, den berühmten Hauptmann von Köpenick. Foto: Meiß

Der berühmte Hauptmann von Köpenick, Wilhelm Voigt, hat sich so über die Berichte eines GZ-Redakteurs geärgert, dass er ihn 1913 vor das Goslarer Amtsgericht zerrt. Ein Gerichtsvollzieher sorgt aber dafür, dass der Hauptmann fast in den Knast muss.

Von Corinna Meiß Samstag, 23.11.2024, 14:00 Uhr

Teil 1 dieser Geschichte endete damit, dass der berühmte Hauptmann von Köpenick, Wilhelm Voigt, vor das Goslarer Amtsgericht zog, um einen GZ-Redakteur zu verklagen. Dieser hatte nach einer Falschmeldung über den vermeintlichen Tod des berühmten Hochstaplers im Jahr 1912 nicht allzu wohlwollend über ihn berichtet. In Teil 2 der Geschichte geht es nun um die Gerichtsverhandlung in Goslar und ihr überraschendes Ende. (Anm. d. Red.)

Auch Kamerun berichtet

Fast genau ein Jahr später, am 21. Mai 1913, wurde die Verhandlung vor dem Amtsgericht Goslar anberaumt, und Wilhelm Voigt reiste aus Luxemburg an. Das Goslarer Schöffengericht tagte immer mittwochs. Verhandelt wurde im alten Amtsgericht am Marktplatz (heute “Schiefer„) kurz vor dem Umzug ins neue Amtsgericht am Hohen Weg. Aufsichtführender Richter war der Geheime Justizrat Friso Frank (1858-1943). Abgesehen von Zeitungsartikeln im In- und Ausland – selbst in der deutschen Kolonie Kamerun wurde berichtet – scheinen keine Primärquellen erhalten geblieben zu sein. Über den Prozessverlauf ist lediglich bekannt, dass ein Vergleich geschlossen wurde und der Redakteur die Kosten des Verfahrens zu tragen hatte. Abschließend äußerte der Beklagte, „er habe Voigt durch die Ausdrücke nicht beleidigen wollen.“ Es ist aber das weitere Geschehen, das zu den zahlreichen Zeitungsberichten führte.

Eine Postkarte erzählt in Kurzform die Geschichte des falschen „Schusterhauptmanns“.

Eine Postkarte erzählt in Kurzform die Geschichte des falschen „Schusterhauptmanns“. Foto: Meiß

„Bezahle, was du schuldig bist!“

Nach der Verhandlung wollte Voigt noch seine Reisekosten erstattet bekommen, um dann „mit einigen schnell gefundenen Freunden einen Ausflug in das schöne Okertal zu machen“. Doch hatte er nicht mit dem energisch auftretenden Gerichtsvollzieher Heinrich Oelmann (1857-1938) gerechnet, dem Vater des Rechtsanwalts und Notars Herbert Oelmann (1891-1951). Dieser, ein ehemaliger Vizewachtmeister im 2. Hannoverschen Feldartillerie-Regiment Nr. 26, sistierte kurzerhand den Hauptmann von Köpenick auf dem Marktplatz. Dem Amtsgericht Goslar war im Vorfeld der Verhandlung Voigts Strafliste, das heißt eine Auflistung seiner gerichtlichen Verurteilungen, zugesandt worden. Aus ihr ging hervor, dass noch eine Geldstrafe in Höhe von 288 Mark beim Amtsgericht Bonn offen war. Oelmann forderte Voigt unter Androhung seiner sofortigen Verhaftung auf, die Außenstände zu begleichen. Zudem fielen nun noch drei Mark Pfändungsgebühren an. Wilhelm Voigt, der nur 120 Mark bei sich hatte, wollte aber auf keinen Fall wieder in ein deutsches Gefängnis. Unter Oelmanns Bewachung brach er zum Kaiserlichen Haupt-, Post- und Telegraphen-Amt am Rosentor auf, um zu telegrafieren. Auf dem Amt, das einen 24-stündigen Telegraphendienst anbot, mussten die beiden Männer stundenlang warten, da die erforderliche Geldanweisung nicht nur auf sich warten ließ, sondern letztendlich gänzlich ausblieb. Vor dem Gebäude hatte sich währenddessen eine neugierige Menschenmenge gebildet.

Die Gefängnis-Ente

Obwohl das Geld nicht telegrafisch angewiesen worden war, kam Wilhelm Voigt nicht ins Gefängnis, weil sich ein „guter Freund“ aus Goslar bereit erklärte, ihm das Geld zu leihen. So erfuhr man es aus der Goslarschen. Doch die auswärtige Presse hatte, kurzgefasst, eine andere Schlagzeile: Hauptmann von Köpenick konnte Geldstrafe in Goslar nicht bezahlen und wanderte ins Gefängnis. Wieder zu Hause in Luxemburg angekommen, erschien dort in der Presse eine Gegendarstellung Voigts. „In der Abendausgabe Ihrer Zeitung vom Montag, dem 26. ds. Mts., teilten Sie Ihren Lesern mit, ich wäre in Goslar wegen einer Summe, die ich vorläufig nicht hätte zahlen können, ins Gefängnis gesteckt und erst, nachdem ich mir durch telegraphische Vermittlung das Geld verschafft hätte, wieder in Freiheit gesetzt worden. Diese Nachricht an das Publikum ist eine freie Erfindung, genauso wie vor etwa einem Jahre die Nachricht von meinem in London erfolgten Tode. Ich erkläre hiermit, daß ich in Goslar nicht einmal das Gefängnis gesehen, geschweige denn (auch nicht eine Sekunde) betreten habe. Wer der Vater dieses Artikels ist, den ich in verschiedenen Blättern Deutschlands bereits gelesen habe, weiß ich nicht. Jedenfalls ist bereits in deutschen Zeitungen der Artikel dementiert worden. Ich erwarte deshalb von Ihrer Zeitung das Gleiche. Hochachtungsvoll Wilhelm Voigt, gen. Hauptmann von Köpenick, z. Zeit nicht Schuster, sondern Rentner.“

Überrumpelt

Wie einst der Bürgermeister von Köpenick hatte sich Wilhelm Voigt in Goslar ohne schriftlichen Haftbefehl vom energischen Auftreten des Gerichtsvollziehers Heinrich Oelmann einschüchtern lassen. Verarmt und vergessen starb der Hauptmann von Köpenick am 3. Januar 1922 in Luxemburg.

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