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Verschwundenes Bild von Reinecke-Altenau könnte im Museums-Magazin liegen

GZ Plus IconDas geheimnisvolle Gemälde an Bord der „Goslar“

Das Frachtschiff „Goslar“ wurde von seiner Mannschaft während des Zweiten Weltkriegs vor Paramaribo versenkt. Geheimnisse birgt es noch immer.  Foto: Georg Isma/dpa

Das Frachtschiff „Goslar“ wurde von seiner Mannschaft während des Zweiten Weltkriegs vor Paramaribo versenkt. Geheimnisse birgt es noch immer. Foto: Georg Isma/dpa

1940 versenkte die Mannschaft des Frachters "Goslar" ihr Schiff bei Paramaribo (Suriname). An Bord soll sich das Gemälde "Goslar im Kranz seiner Berge" des Malers Karl Reinecke-Altenau befunden haben. Oder doch nicht? Ein Kunstwissenschaftler vermutet, dass das Bild im Magazin des Goslarer Museums liegen könnte.

Von Petra Hartmann Sonntag, 12.12.2021, 08:00 Uhr

Goslar/Suriname. Ein altes Gemälde gibt neue Rätsel auf: Auf den Spuren des vor Paramaribo versenkten Frachtschiffs „Goslar“ war jüngst ein Filmteam aus Suriname zu Besuch in Goslar. Eine wichtige Frage, die die Gruppe umtrieb, war der Verbleib des Bildes „Goslar im Kranz seiner Berge“ des bekannten Malers Karl Reinecke-Altenau, das sich damals an Bord befand. Nun hat sich der Reinecke-Altenau-Fachmann Dr. Kai Gurski zu Wort gemeldet und hat eine Idee, wo das Bild zu finden sein könnte.

Der Kunstwissenschaftler, der über den Maler seine Doktorarbeit geschrieben hat, ist unter anderem durch die von ihm kuratierte Reinecke-Altenau-Ausstellung in Altenau und sein Buch „Schönheit der Arbeit“ über die Wandbilder des Künstlers im Rammelsberg bekannt geworden. Es habe wohl zwei ähnliche Bilder gegeben, das Original und eine weitere Version, meint Gurski. Hinzu käme dann die gedruckte Version im Besitz des Goslarers Herbert Pabst, die das Filmteam aufnahm.

„Wo sich die großformatige Darstellung Goslars heute befindet, die im Salon des Schiffes gehangen haben soll, weiß ich leider auch nicht“, meint er. „Ich habe bisher nur vermutet, dass besagtes Werk eine Kopie, also eine zweite Version, eines ausgesprochen großen Ölgemäldes sein soll, das der Künstler in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre im Auftrag der Stadt Goslar gemalt hat.“ Als Anlass des Auftrages komme die Bewerbung der Stadt als Ort des sogenannten Reichsehrenhains 1927 infrage, zumal der Künstler noch drei weitere Ölgemälde speziell für diese Bewerbung im Auftrag der Stadt schuf, die in der Kaiserpfalz präsentiert wurden.

Das große Bild „Goslar im Kranze seiner Berge“, in Öl auf Spannholzplatte in den Maßen 117,7 Zentimeter mal 148,7 Zentimeter gemalt und rechts oben mit „Reinecke-Altenau“ signiert, „hing jedenfalls nachweislich von der Mitte der 1930er Jahre bis mindestens in die späten 1950er Jahre in der Rathausdiele öffentlich ausgestellt“, sagt Gurski. „In den silbernen Stadtchroniken der 1930er bis 1950er Jahre, den sogenannten ‚Silberführern‘, ist es als besonders bemerkenswertes Ausstattungsstück aufgeführt.“ Irgendwann zwischen den 1960er und 1990er Jahren sei es dann abgehängt worden. 1985 habe man es noch bei einer Reinecke-Altenau-Ausstellung im Goslarer Museum präsentiert und dann im Magazin des Museums eingelagert. Im Dezember 2003 wurde es für die Reinecke-Altenau-Ausstellung in Altenau verliehen, ging aber im Januar 2004 zurück ins Magazin.

Eine Spur des Bildes findet sich im Oberharz-Sonderheft der Harzklub-Zeitschrift „Der Harz“ vom März 1930: eine Schwarzweiß-Reproduktion dieses Gemäldes innerhalb einer halbseitigen Werbeanzeige des Goslarer Fremdenverkehrsvereins. Dort ist zu lesen, dass sich das „Original im Salon des Dampfers Goslar vom Norddeutschen Lloyd“ befinde. Abgebildet sei aber zweifellos die Version, die in der Rathausdiele hing. Der Druck von Herbert Pabst zeige ebenfalls eine Reproduktion des Gemäldes aus der Rathausdiele, doch etwas blaustichig und ohne das Stadtwappen in der linken unteren Ecke. „Entweder wurde die Reproduktion unmittelbar nach der (vorläufigen) Fertigstellung des Gemäldes gemacht und das Stadtwappen erst nachträglich hinzugefügt; im Abdruck von 1930 ist es bereits zu sehen“, meint Gurski. „Oder das Stadtwappen wurde für die Reproduktion heraus retuschiert, wozu es allerdings keinen nachvollziehbaren Grund gäbe.“

Seine Einschätzung: „Die 1930 in der Werbeanzeige abgedruckte Goslar-Ansicht, der Druck von Herbert Pabst und das Gemälde im Magazin des Museums sind in allen Details der Motive identisch; genauer betrachtet sind selbst locker gesetzte Pinselstriche, die Konturen von Bäumen, Feldrändern, Wolken oder Farbabstufungen in großen Flächen angeben, exakt gleich in den drei Abbildungen.“ Angesichts der dynamischen Malweise Reinecke-Altenaus zu jener Zeit sei kaum denkbar, dass er zweimal genau die gleichen Pinselstriche setzte.

Motive und Farben würden bei einer malerischen Kopie vielleicht noch identisch sein, aber die Pinselstriche hätte der Künstler sicherlich nicht ein zweites Mal akribisch genau so gesetzt. „Somit kann recht zweifelsfrei davon ausgegangen werden, dass zumindest diese drei Abbildungen ein und dasselbe Bild (in verschiedenen Stadien mit und ohne Wappen) zeigen“, so der Experte.

Angesichts des Umstands, dass jenes Gemälde, über das 1930 zu lesen war, es befände sich auf dem Dampfer „Goslar“, identisch mit dem Werk ist, das heute im Magazin des Goslarer Museums aufbewahrt wird und das zuvor auf der Rathausdiele gehangen hat, „ist es tatsächlich auch möglich, dass es nur ein Bild gibt und nicht zwei“, sagt Gurski. „Dieses eine Gemälde könnte vor 1930 von der Stadt Goslar dem Norddeutschen Lloyd für den Salon des Dampfers übergeben worden sein, aber bereits ein paar Jahre später wieder in die Kaiserstadt zurückgekehrt sein, um dort auf der Rathausdiele präsentiert zu werden. Wenn dem so wäre, müsste man nicht mehr die halbe Welt nach dem Gemälde vom Dampfer absuchen, sondern nur in das Magazin des Goslarer Museums gehen“, so der Rat des Kunstwissenschaftlers. Bleibt jedoch noch die andere Möglichkeit: „Oder man hat 1930 in der Werbeanzeige des Fremdenverkehrsvereins die Version der Rathausdiele irrtümlich als Version des Dampfers ausgegeben – auch das ist möglich, dann könnte es doch zwei Versionen geben.“

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Eine Werbeanzeige aus dem Jahr 1930 zeigt das Bild mit Goslarer Wappen links unten.

Eine Werbeanzeige aus dem Jahr 1930 zeigt das Bild mit Goslarer Wappen links unten.

Herbert Pabst mit seiner Kopie des Bildes von Karl Reinecke-Altenau.

Herbert Pabst mit seiner Kopie des Bildes von Karl Reinecke-Altenau.

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