Silvester-Gemeinde wirft die Weihnachtsbäume vom Brocken
Ein Pastell von Adolf Rettelbusch aus dem Jahr 1927 mit dem Titel „Am Brocken im Winter“. Foto: Kulturhistorisches Museum Magdeburg
Vier wandernde Künstler steigen in der Silvesternacht 1889/90 erstmals gemeinsam auf den Brocken. Es ist die Geburtsstunde der Silvester-Gemeinde, die seitdem immer zum Jahreswechsel auf den höchsten Harzberg wandert, um in exklusiver Runde zu feiern. Erst 1945 ist damit Schluss.
Wer im vorletzten Jahrhundert des Winters auf den tief verschneiten Brocken wanderte, wurde für seine besondere Leistung noch bewundert. Dr. Gerd Klay schrieb dazu in seinem Buch über den Maler Johann Adolf Rettelbusch (1858-1934): „Eine Wanderung zum Brocken war um diese Zeit keinesfalls alltäglich. Wer sie wagte, galt unter den Einheimischen als besonders mutig (oder verrückt)!“
Ohne Funktionskleidung und Navigation per Smartphone stapfte man damals lodenbekleidet bergan. Als Belohnung für den sehr unwegsamen anstrengenden Aufstieg auf diesen gruselig sagenumwobenen Berg war man dafür – im Gegensatz zu Heute – auf dem „Dach des Harzes“ so gut wie allein. Kam man dann beim Abstieg in die Dunkelheit, bestand allerdings Gefahr, sich zu verirren. So erging es auch vier Herren aus Bad Harzburg.
Am Sylvestertage, so schrieb die Wernigeröder Zeitung am 7. Januar 1890, hätten diese sich auf den Weg gemacht und fünf Stunden für den Aufstieg gebraucht. Die Aussicht sei großartig schön gewesen, man habe die Feuer auf dem Bad Harzburger Burgberge gesehen und außerdem vier Herren aus Magdeburg getroffen.
Der Grund für diese Zeitungsmeldung war, dass sich besagte Harzburger auf dem Rückweg fürchterlich verirrten und erst nach Stunden zum Scharfenstein und von dort nach Hause fanden. Ein Paar Silvester später war klar, dass sich im Hintergrund dieses Artikels die Entstehung einer ganz besonderen Gemeinschaft anbahnte, die bis 1945 Bestand haben sollte: Die Brocken-Silvester-Gemeinde.
Keiner von der frohen Schar wußte, wer der andre war, den in dunkler Winternacht Wanderlust hierher gebracht.
(Strophe aus „Unsere Lieder“ von Joachim Michaelis, Gemeinde-Gesangbuch Silvester 1913)
Eduard Spieß, Direktor der Magdeburger Kunstgewerbe- und Handwerkerschule, sowie Bildhauer Professor Carl Wegner und Maler Adolf Rettelbusch, beide damals Lehrer an besagter Schule, und ein Baukommissar Rosenberg hatten sich ebenso wie die verirrten Abenteuerer auf den Weg zum Brockengipfel gemacht. Es waren eben diese Vier aus Magdeburg, die auch in dem Zeitungsartikel kurz Erwähnung finden, wobei sie doch im Nachhinein die Schlagzeile gewesen wären.
Alles begann mit Rettelbuschs 1888 entstandener Leidenschaft für den Brocken. Seit einem Pfingstausflug dort hinauf und dann noch im selben Jahr seiner ersten Besteigung zu Silvester, war er bald fest entschlossen, diesen märchenhaften Berg nun immer zum Jahreswechsel zu erklimmen.
Dabei scharte er in den kommenden Jahren viele Gleichgesinnte um sich, von denen seine vier Begleiter im Jahre 1889 auf 1890 die ersten im Bunde waren. Aus diesen Anfängen wurde ein Verein mit „strenger Satzung“, einem Gemeinde-Gesangbuch und einer Gemeindeordnung mit immerhin 25 Paragrafen.
Wegen des enormen Zuspruchs wurde die Mitgliederzahl bald auf 111 Männer und Frauen begrenzt. Starb jemand, konnte von einer Warteliste nachgerückt werden, allerdings nur, wenn der- oder diejenige zuvor schon dreimal zu Silvester auf den Brocken gewandert war. Natürlich gab es einen Vorstand mit einem „Gemeinde-Schulzen“, was bis zu seinem Tode Adolf Rettelbusch war.
Seine zahlreichen Zeichnungen und Bilder, sowie die jährliche winterliche Postkarte (rundes Bild, Karte von 1924/25) die er in diesen Jahren malte, bescherten ihm die Bezeichnung Brockenmaler. Auch die einmal im Jahr erscheinende Vereinszeitschrift Brocken-Silvester-Post war meist von Rettelbusch bebildert.
Die Brocken-Brüder und Schwestern kamen aus den Unterschiedlichsten Städten bis hin nach Wien zusammen und erklommen also jedes Jahr am 31. Dezember „ihren“ Berg. Oben kehrte die „Gemeinde“ bei Brockenwirt Rudolph Schade im Brockenhotel ein. Dort hielt man dann zunächst einen sogenannten Kommers ab. Dieser feierliche Umtrunk mit Ansprachen, Liedern und kurzen Vorträgen wurde gekrönt von einer Feuerzangenbowle.
Mag auch der Wind das Brockenhaus umheulen und ihm mit Umsturz droh`n.
Trotz dem Geschrei von hunderttausend Eulen herrscht hier ein guter Ton.
(Strophe aus „Ein Hoch dem Blocksberg“ von Johannes Trojan, Gemeinde-Gesangbuch Silvester 1913)
Nach der Silvester-Rede um Mitternacht wurde dann aller Zwang beiseite geworfen. In einer Polonaise marschierte man durch die Räume des Hotels, um anschließend mit dem geschmückten Weihnachtsbaum samt brennenden Kerzen aus dem Küchenfenster in den Schnee und ins neue Jahr zu springen. Dabei wurde „Der Mai ist gekommen gesungen“, denn dann würde man sich zur Maientagung in Magdeburg, Halberstadt, Braunschweig, Goslar oder Hannover wiedertreffen. Bis in die Morgenstunden wurde das neue Jahr begrüßt und gefeiert. Punkt sieben morgens wurde allerdings wieder gesittet gefrühstückt und später bald ins Tal und die jeweiligen Heimatstädte zurückgekehrt.
Leider blieben auch die Brockengemeindler nicht von der politischen Entwicklung und dem Nationalsozialismus verschont. Die Ausgaben der Brockenpost ab den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts zeugen davon. Zum Jahreswechsel 1944 auf 1945 kam die Brocken-Silvestergemeinde laut eines Zeitungsberichtes zum letzten Mal zusammen, und das wohl schon am 30. Dezember.
Nach dem Zweiten Weltkriege (1939-1945) war die Brockenkuppe militärisch besetz, mit dem Mauerbau ab 1961 Sperrgebiet und für Jahre nicht zugänglich. Seit 1989 können alle, die sich von Kälte, Wind, Schnee und Eis nicht schrecken lassen, den Sonnenaufgang eines Neujahrsmorgens wieder von diesem höchsten Punkt des Harzes aus erleben. So einsam wie zu Rettelbuschs Zeiten und so abenteuerlich ist es heute nicht mehr. Natürlich gibt es auch am 1. Januar keine Garantie für einen spektakulären Sonnenaufgang und heutzutage auch im Harz nicht unbedingt für Schnee. Besonders bleibt es allemal.
„Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu anderer Glück; denn die Freude, die wir geben, strahlt ins eigne Herz zurück.“ Dieser Eintrag von Rettelbusch in das Gästebuch von Dr. med. Franz Dahlmann, heute im Besitz von Karl-Günther Fischer, Braunlage, könnte auch ein guter Vorsatz für das neue Jahr sein.
bh_Brocken Silvester 7 *** Local Caption *** bh_Brocken Silvester 7
Kalt, windig und grandios, der Sonnenaufgang auf dem Brocken bei Schnee und Eis. Fotos: H. Weber