Rettungswesen klagt über hohe Belastungen
Experten für den Rettungsdienst: Ralf Seebode, Leiter DRK-Rettungsschule Goslar, Hans Hartmann, Präsident DRK-Landesverband Niedersachsen, und Ralf Selbach, Vorstandsvorsitzender DRK-Landesverband (v. li.). Foto: Skuza
Nachwuchsmangel, hohe Arbeitsbelastung und falsche Notrufe: Die Liste der Probleme bei den Rettungsdiensten ist lang. Bei der „Dreikönigstagung“ besprechen Vertreter des Deutschen Roten Kreuzes Niedersachsen und Experten die Herausforderungen.
Goslar. Ralf Seebode, Leiter der DRK-Rettungsschule Goslar, sieht den Rettungsdienst in Niedersachsen in einer schwierigen Situation. Die aktuellen Probleme haben er und weitere Experten beim „Dreikönigstag“ am Dienstag in Goslar beschrieben. 120 Fachleute diskutieren bis zum heutigen Mittwoch über derzeitige Herausforderungen.
Seebode begrüßte die Gäste am Dienstag im Tagungssaal des „H+Hotels“ und sprach über die Zukunft des Roten Kreuzes in Niedersachsen. In einer verspäteten Dreikönigstagung, die wegen Corona vom Januar verschoben worden war, besprachen die Experten, wie die Notfallversorgung angesichts aktueller Schwierigkeiten gewährleistet werden kann.
Sorge bereite Seebode das zunehmende Problem, Nachwuchs zu gewinnen. Noch schwieriger werde es sogar, Rettungssanitäter langfristig zu verpflichten. Vielfach würden Fachkräfte von anderen Institutionen abgeworben, die selbst nicht mehr ausbilden. Obwohl der Job nach wie vor attraktiv sei, seien die Gründe für ein Ausscheiden aus dem Dienst im Krankenwagen nachvollziehbar. „Jeder Einsatz ist mit Stress verbunden“, sagte Seebode. Das größte Problem sei die hohe Anzahl der Einsatzfahrten, die eigentlich nicht notwendig seien.
Beispiele dafür nannte Dr. Ralf Selbach, Vorstandschef und Landesgeschäftsführer des DRK-Landesverbandes. „Wer schnell Hilfe will, ruft den Rettungsdienst“, sagte er. Doch Rückenschmerzen oder Unwohlsein seien kein Fall für den Notruf, sondern für den Hausarzt. Teilweise, so ergänzte Hans Hartmann, Präsident des DRK-Landesverbands, bildeten solche Alarme den Großteil der Arbeit. „Das ist genau genommen ein Missbrauch“, sagte Hartmann. Dies verbrauche Ressourcen, die im Ernstfall an anderer Stelle fehlen würden. Andererseits sorge der Umstand dafür, dass sich viele Rettungs- und Notfallsanitäter zunehmendem Stress ausgesetzt sehen würden.
Um diese Missbräuche zu verringern, fordern die DRK-Vertreter, die niedergelassenen Ärzte zu stärken. Insbesondere müssten die kassenärztlichen Bereitschaftsdienste ausgebaut und als Ansprechpartner für die Patienten präsenter werden. Nur so könne der „zielgerichtete Einsatz der hoch qualifizierten Sanitäter gewährleistet“ werden, sagte Seebode.
Eine weitere Entlastung im Arbeitsalltag der Retter könnte die Telemedizin bieten, erklärte Selbach. Spezialisten müssten nicht selbst zu jedem Einsatz ausrücken, sondern könnten das Personal aus der Ferne anleiten. Die Telemedizin sei aber auch ein Fall für die Rechtswissenschaft und daher noch ein „Thema für die Zukunft“, erklärte Selbach.
Trotz aller Schwierigkeiten gibt es auch positive Signale. Seebode, der zurzeit in seiner Rettungsschule 250 Schülerinnen und Schüler unterrichtet, freut sich über die Fortschritte in der Digitalisierung der Ausbildung. Die jungen Sanitäter könnten nun auf eine zeitgemäße Ausbildung setzen.