Höchstspannung im Harzvorland
Blick in den Ambergau, durch den im Harzvorland die 380-kV-Trasse verläuft: Dort laufen die Restarbeiten. Betreiber Tennet kündigt für diesen Abschnitt A die Fertigstellung für Juni an.
Vier Abschnitte umfasst die sich im Bau befindliche 380-kV-Höchstspannungleitung zwischen Wahle und Mecklar. Für einen ersten Abschnitt meldet Betreiber Tennet nun die Fertigstellung und spricht von einem Meilenstein.
Nordharz. „Die Arbeiten im Abschnitt B, vom Umspannwerk Lamspringe bis zum Umspannwerk Hardegsen, sind abgeschlossen. Die Freileitung ist somit fertiggestellt – ein Meilenstein für das gesamte Projekt“, erzählt Andreas Jaeger, Referent für Bürgerbeteiligung bei Tennet.
Die Arbeiten an dem durch das Harzvorland laufenden Abschnitt A unter Innerste hindurch über die Hainberge und durch den Ambergau bis Lamspringe werden im Juni abgeschlossen. Im September und Oktober dieses Jahres soll dann in beiden Abschnitten Strom fließen. Das sei nichts, bei dem einfach ein Schalter umgelegt wird, sondern der Schaltprozess werde sich über einen längeren Zeitraum hinziehen, so Jaeger. 2024 sollen dann auch die beiden südlichen Abschnitte fertiggestellt sein.
Das Millionenprojekt beschäftigte aber auch Archäologen: Ein Team aus Göttingen begleitet seit Baubeginn auf der gesamten Leitungstrasse die Arbeiten, um archäologisch relevante Spuren im Boden zu erfassen. Dabei kamen bereits 2500 Jahre alte Siedlungsreste, eine Nadel aus der Bronzezeit, eine Siedlung aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit und Flurgrenzen aus dem 17. und 18. Jahrhundert sowie ein im Mittelalter nicht christlich bestattetes Kind zutage. „Vor allem im Bereich der Erdkabeltrasse stießen wir auf Funde“, erzählt Jaeger. Doch auch punktuelle Grabungen für die Mastfundamente brachten Besonderheiten ans Tageslicht – und sorgten dafür, dass die Höchstspannungsleitung ein Mammut-Projekt im wahrsten Wortsinn ist. „In der Nähe von Störy im Ambergau machten Bauarbeiten bei Ausschachtungen in zweieinhalb Meter Tiefe ein noch um viele Tausend Jahre älteren Fund: der Stoßzahn eines Mammuts“, so Jaeger.
Die Neubauleitung dient unter anderem als Nord-Süd-Transportleitung für Windstrom.
Der Sorgfalt der Baufirma, die für das Ausschachten beauftragt war, sei es zu verdanken gewesen, dass die in geringeren Tiefen arbeitenden Archäologen den Fund sichern konnten. Gezeigt werden soll das Objekt im Laufe des Jahres im Forschungsmuseum Schöningen. Der etwa 80 Zentimeter lange Stoßzahn gehörte wahrscheinlich einem Wollhaar-Mammut, das in seiner Größe heutigen Elefanten entspricht. Weitere Überreste des Mammuts oder sogar Spuren eiszeitlicher Jäger konnten die Grabungstechniker der Archäologen aber nicht nachweisen.
Insgesamt misst die Drehstromleitung Wahle-Mecklar 230 Kilometern. 50.000 Tonnen Maststahl und 55.000 Kubikmeter Fundamentbeton werden dafür verbaut. Zudem entsteht mit 13 Kilometern die in Deutschland derzeit längste Teilerdverkabelungsstrecke im Drehstrombereich zwischen Lesse und Holle. Dafür musste auch eine Bohrung von 750 Metern Länge unter der Innerste hindurch ausgeführt werden. Die Neubauleitung werde nicht nur Nord-Süd-Transportleitung für Windstrom sein, sondern auch der Versorgungssicherheit der Region zwischen Peine und Göttingen dienen, die dadurch an das 380-kV-Höchstspannungsnetz angeschlossen werde, so der Betreiber.
Vom ersten Plan bis zur Fertigstellung des ersten Abschnitts dauerte es übrigens 16 Jahre. 2006 hatten die ersten Planungen begonnen. Auch die politischen Gremien im Nordharz des Landkreises Goslarbeschäftigte damals das Projekt und sein möglicher Trassenverlauf. Im Dezember 2017 erging der Planfeststellungsbeschluss, die Bauarbeiten im Abschnitt B starteten im März 2018.
Verbunden waren Planung und Bau immer auch mit Protest. Laut Tennet sind von dem Infrastrukturprojekt, um den steigenden Strombedarf begegnen und die Energiewende meistern zu können, auf der Gesamtlänge etwa 5000 Pächter und Flächeneigentümer involviert. „Es wäre ein Wunder, wenn man die Leitung einvernehmlich mit allen gebaut hätte“, so Tennet in einer Broschüre zur Fertigstellung des Abschnitts B. Noch Anfang 2020 formierte sich im Bereich Heckenbeck bei Bad Gandersheim Widerstand mit Sitzblockaden und Baumbesetzungen.