Studie: Handel mit wilden Arten ist viel größer als gedacht
Wenn es um Handel mit Wildtieren geht, denken viele gleich an bedrohte Arten wie Schuppentiere - aber es geht um viel mehr. (Archivbild) Foto: Themba Hadebe/AP/dpa
Der Handel mit wildlebenden Arten ist milliardenschwer und umfasst weit mehr als Tiere. Eine neue Studie zeigt das enorme Ausmaß – und wie wenig über die Folgen bekannt ist.
Melbourne. Ob Tropenholz, Heilpflanzen, Zierfische oder Morcheln: Der Mensch handelt weltweit mit mindestens 107.356 wildlebenden Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. Das sind mehr als doppelt so viele wie bislang angenommen. Die tatsächliche Zahl könnte aber noch deutlich höher liegen, weil in vielen Ländern systematische Daten über Handel und Entnahme fehlen. Das geht aus einer im Fachjournal „Science Advances“ veröffentlichten Studie unter Leitung der Universität Melbourne hervor.
Bisherige Schätzungen, darunter eine Analyse des Weltbiodiversitätsrats IPBES, waren von rund 50.000 international gehandelten Arten ausgegangen. Die neue Untersuchung erfasst allein mehr als 47.000 Tierarten. Hinzu kommen fast 50.000 genutzte Pflanzenarten sowie Pilze. „Wenn wir an den Handel mit wildlebenden Arten denken, denken wir meist an den illegalen Handel mit Elefanten, Tigern und Schuppentieren. Aber es geht um sehr viel mehr“, sagte die Studienleiterin Alice Hughes laut einer Pressemitteilung.
Legaler versus illegaler Handel
Der größte Teil des Handels ist demnach legal. Sein jährlicher Wert liegt nach Berechnungen der Forscher bei 220 bis 300 Milliarden US-Dollar (197 bis 268 Milliarden Euro). Der illegale Handel kommt auf geschätzte 28,4 bis 39,5 Milliarden Dollar.

Auch der Handel mit Heilpflanzen wie Arnika wurde untersucht. (Archivbild) Foto: Daniel Karmann/dpa
Wie gravierend die Folgen einer nicht nachhaltigen Entnahme sein können, zeigt ein weiterer Befund: Bei Arten, für die entsprechende Daten vorliegen, sind die Bestände gehandelter Populationen im Durchschnitt 50 bis 60 Prozent kleiner als die nicht gehandelter Populationen.
Der Handel habe zudem direkt oder indirekt zum weltweiten Aussterben von 294 Arten beigetragen, heißt es in der Studie. 25 weitere sind in freier Wildbahn verschwunden und überleben nur noch in menschlicher Obhut. In 192 Fällen sind Populationen regional vollständig verschwunden.
Bisher kaum verlässliche Daten
Wie groß der Handel tatsächlich ist, lässt sich bislang kaum zuverlässig bestimmen. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES erfasst vor allem den internationalen Handel mit gefährdeten Arten. Andere Datenbanken konzentrieren sich etwa auf Fischerei oder Holz.

Tropenholz ist ein wichtiges, aber umstrittenes Handelsgut. (Archivbild) Foto: Georg Ismar/dpa
Eine vergleichsweise gute Erfassung gibt es bereits in den USA: Das Informationssystem Lemis dokumentiert dort seit dem Jahr 2000 den Handel mit mehr als 21.000 wildlebenden Tierarten. Für viele andere Länder fehlen vergleichbare Daten. So waren laut Originalstudie 25 Prozent der erfassten gehandelten Vogelarten ausschließlich in der US-Datenbank verzeichnet, bei Säugetieren waren es sogar 54 Prozent.
Auch für Europa könnte der Handel ähnlich umfangreich oder größer sein als in den USA. Mangels zugänglicher Daten lasse sich das jedoch nicht überprüfen. „Das Problem ist, dass wir es schlicht nicht wissen: Die Daten sind nicht öffentlich zugänglich und entsprechen möglicherweise nicht den Standards, die nötig wären, um das tatsächliche Ausmaß des Handels zu erfassen“, sagte Hughes.
Studie fordert internationale Koordination
Die Wissenschaftler fordern deshalb eine systematischere und international abgestimmte Erfassung. Bestehende Zoll- und veterinärrechtliche Kontrollverfahren könnten dafür genutzt werden, Handelsdaten umfassender zu dokumentieren. Hughes betonte: „Wenn wir es ernst meinen mit dem Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten, brauchen wir eine wesentlich umfassendere, transparentere und weltweit koordinierte Dokumentation des Handels mit wildlebenden Arten.“

Zierfische werden weltweit gehandelt. (Archivbild) Foto: Silas Stein/dpa