Auf den Spuren der gesunkenen „Goslar“
Das Frachtschiff „Goslar“ wurde von seiner Mannschaft während des Zweiten Weltkriegs vor Paramaribo versenkt. Geheimnisse birgt es noch immer. Foto: Georg Isma/dpa
Ein Schiffswrack bei Paramaribo hat schon Wahrzeichen-Status. Ein Filmteam war in Goslar, um sich für die Menschen in Suriname auf die Spuren des Namensgebers "ihres" Schiffes zu machen.
Goslar/Paramaribo. Ganz Suriname kennt Goslar – aber kaum ein Bewohner des südamerikanischen Landes weiß, dass es sich dabei um eine Stadt handelt. Goslar, das ist ein riesiges, vor sich hin rostendes Schiffswrack im Surinam-Fluss bei der Hauptstadt Paramaribo, fast deren Wahrzeichen. Nun hat ein Filmteam des Magazins „Dreamz World“ die Kaiserstadt besucht, um den Surinamern den Namensgeber „ihres“ Schiffs vorzustellen.
Losgetreten hatte die Aktion der 66-jährige Werner Stauder. Der Journalist, der Anfang der 80er Jahre das erste Mal nach Suniname kam, erforscht schon seit 15 Jahren die Geschichte des gesunkenen Handelsschiffs. Mehr als 20 Artikel über die Goslar hat er verfasst. Unter den Überschriften „Het Geheim von de Goslar“ – „Das Geheimnis der Goslar“ und „Goslar. De ware Toedracht“ – „Goslar. Der wahre Hergang“ arbeitete er die Geschichte auf und erzählte, warum die Besatzung das Schiff in der Nacht vom 9. auf den 10. Mai des Jahres 1940 zum Sinken brachte.
Stauder kennt fast jede Einzelheit. Die Goslar war am 24. August 1939 mit 2000 Tonnen Kohle beladen von Philadelphia in Richtung Galveston ausgelaufen. Wenige Tage darauf im Golf von Mexiko kam der Funkspruch, dass der Krieg begonnen hatte. Daraufhin ließ Kapitän Karl Berghoff Kurs auf Paramaribo setzen, denn die Niederländische Kolonie Suriname war damals noch neutral. Am 5. September fuhr das Schiff den Suriname-Fluss hinauf und lag bald auf Reede vor Paramaribo. Schon da befolgte die Mannschaft aber die geheimen Anweisungen aus dem Schiffs-Safe, die Goslar zum Versenken vorzubereiten, falls fremde Staaten versuchen sollten, sie zu beschlagnahmen.
Zunächst blieb alles friedlich, sieht man mal von einer Meuterei der chinesischen Matrosen ab. Die Deutschen waren gern gesehene Gäste in der guten Gesellschaft, erhielten Einladungen, knüpften Beziehungen, schlossen Freundschaften – acht Monate lang. Bis zu dem Tag, an dem Deutschland auch die Niederlande angriff. Damit war Suriname nicht mehr neutral. Soldaten kamen an Bord, aber da hörten sie schon das Gluckern überall. Die Mannschaft hatte ihre Befehle gewissenhaft ausgeführt.
Jetzt kam Stauder zusammen mit einer Filmcrew des Magazins „Dreamz World“ nach Goslar. Mit dabei waren Chefredakteur Gobind Ramkalup und sein Sohn, der Regisseur Amar Ramkalup. Auf ihrer Suche nach Spuren der Goslar in Goslar waren vor allem zwei Stationen wichtig: das Stadtarchiv und ein Besuch bei Herbert Pabst. Der Goslarer hütet nämlich einen ganz besonderen Schatz: Er besitzt eine Kopie eines Bildes, dessen Original einst an Bord der Goslar hing und das die Seeleute erinnern sollte, warum ihr Turbinen-Dampfschiff genau diesen Namen trug.
Das Bild "Goslar im Kreis seiner Berge" des Malers Reinecke-Altenau hing im Salon des Schiffes Goslar, das vor Panamaribo/Surinam versenkt wurde.
Denn Goslar war tatsächlich nicht nur Namenspatron des Schiffs, sondern hatte auch die Patenschaft übernommen. Zur Schiffstaufe in Hamburg waren Goslars Oberbürgermeister Friedrich Klinge und seine Frau Barbara angereist. Er hielt die Taufrede, sie zerschmetterte mit geübter Tennisspielerinnen-Vorhand die Sektflasche am Schiffsrumpf. Als Geschenk aus der Patenstadt kamen dann Goslar und seine Berge an die nussbaumhölzerne Wand des Salons. Nach Hause mitgenommen hat das Bürgermeister-Ehepaar auch etwas: Der silberne Sektkorken mit kunstvoll gestalteter Inschrift befindet sich nun im Goslarer Stadtarchiv. Dessen Leiter Ulrich Albers machte es trotz des Umzugs möglich, dass die Filmcrew das gute Stück aufnehmen konnte.
Das Filmteam aus Suniname zu Besuch bei Herbert Pabst (4. v. l.). Mit dabei sind Werner Stauder (5. v. l.) sowie Gobind (6. v. l.) und Amar Ramkalup (r.)
Er ist noch immer auf der Suche nach dem Original-Bild von Reinecke-Altenau. Natürlich könnte es untergegangen und zerstört worden sein. Aber das Schiff sank langsam, es wurde gründlich geplündert. „Es kann mir keiner weismachen, dass man Kleiderbügel und Stühle mitnimmt und wertvolle Gemälde hängen lässt. Also muss es ein höherer Polizist oder Soldat in Sicherheit gebracht haben.“ Er plant nun, ein Foto von Herbert Pabsts Kopie in der surinamesischen Lokalpresse zu veröffentlichen. „Vielleicht hat jemand das Bild gesehen und weiß etwas über seinen Verbleib.“
Das damals hochmoderne Turbinenfrachtschiff hatte eine Länge von 142,50 Metern und konnte eine Geschwindigkeit von bis zu 13,25 Knoten erreichen.