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Erinnern an 17 Bad Harzburger Juden

Sechs Musiker stellen das Schalom-Denkmal in den Mittelpunkt einer Klanginszenierung und schlagen eine Brücke zur bedrückenden Vergangenheit der Kurstadt.

Sechs Musiker stellen das Schalom-Denkmal in den Mittelpunkt einer Klanginszenierung und schlagen eine Brücke zur bedrückenden Vergangenheit der Kurstadt.

Bad Harzburg. Ein metallener Ton verklang, und die Stimme von Karsten Krüger wehte über den dunklen Badepark, als er den hebräischen Text von „Hine Matov“ intonierte. Eine eindrucksvolle, berührende Inszenierung zur Gedenkstunde anlässlich des Jahrestags der Überfälle auf jüdische Bürger am 9. und 10. November 1938 und zur Einweihung eines neuen Geschichtspunkts.

Von Ina Seltmann Sonntag, 11.11.2018, 09:49 Uhr

Der Verein „Spurensuche“ und die Luthergemeinde Bad Harzburg hatten am Freitag in den Badepark eingeladen, um an die Ereignisse vor 80 Jahren zu erinnern. Dr. Peter Schyga, Vorsitzender von „Spurensuche“, begrüßte die mehr als 100 Besucher am Schalom-Denkmal, das Rainer Buhl und die vier Schlagzeuger Maximilian Gröne, Dominik Körner, Christian Luthardt und Arne Rilling sowie Sänger Karsten Krüger in den Mittelpunkt eines Klangerlebnisses stellten. 17 einzelne Schläge galten dabei den Bad Harzburgern jüdischen Glaubens, die am 9. November 1938 vertrieben worden waren.

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Bad Harzburg stelle sich seiner Geschichte, meinte stellvertretender Bürgermeister Henning Franke. „Spurensuche“-Mitglied Markus Weber übernahm die historische Einführung zur Übergabe der Geschichtstafel, die von „Berufskollegen vom Gast- und Logierhaus Aussichtsreich“ gestiftet worden war. Er bezeichnete das Jahr 1938 als Jahr der weiteren Radikalisierung der nationalsozialistischen Politik gegen die Juden im Deutschen Reich, deren negativer Höhepunkt die Ereignisse des 9. und 10. November auch in Bad Harzburg bildeten.

In der Nacht zum 10. November hätten sich Mitglieder der Harzburger SA im Badepark versammelt. Ohne Uniform, um die brutalen Übergriffe als „spontanen Ausdruck der Empörung des Volkes gegen die Juden“ darzustellen – „in Wahrheit eine staatlich gelenkte Terroraktion.“

Zuerst sei das benachbarte Hotel Ernst August überfallen worden, anschließend das Haus Frohsinn. Die weiteren jüdischen Bewohner seien im Rahmen einer Razzia verhaftet und ins Rathaus gebracht worden. Sieben Männer seien ins KZ Buchenwald verschleppt worden. Drei Männer seien im Zusammenhang dieser Gewalttaten gestorben, einer im KZ, zwei in Bad Harzburg. „Das, was hier geschehen ist, ist kein ,Vogelschiss‘ in der deutschen Geschichte“, bezog sich Weber auf die Äußerung eines AfD-Politikers über die Nazizeit.

„Wir gedenken heute der Opfer der antisemitischen Gewalt 1938, wir schauen aber auch auf unsere eigene Zeit“, so Weber. Einer Zeit, in der 26 Prozent der deutschen Bevölkerung dem Satz zustimmen würden, dass die Juden „nicht so recht zu uns passen“, zitierte er ein Umfrageergebnis. „Nachdenken ist nötig.“

Fünf hebräische Buchstaben würden das Wort „Schalom“ – „Frieden“ bilden, so Pfarrerin Petra Rau in ihrer Betrachtung des Denkmals, das diese Buchstaben darstellt. Es drücke aus, dass Denunzieren, Wegschauen, Nichtstun nie wieder geschehe. „Menschen hier in Bad Harzburg haben einander Furchtbares angetan, wir erinnern uns daran und schauen auch nicht weg“, sagte sie. „Wir mögen uns dessen schämen, aber wir sind willens, dass sich das nicht wieder ereignet.“

Erinnerung und Mahnung

Im Alten Testament sei „Schalom“ eine Kraft, eine Bewegung zwischen Menschen, es bedeute Heil- und Ganzsein. „Schalom ist da, wenn sich Menschen einander achten in ihrer Verschiedenartigkeit.“ Es stehe hier in Bad Harzburg als Erinnerung und Mahnung und größere Hoffnung.

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Im brechend vollen Haus der Kirche gab es anschließend weitere Impulse zum Gedenk- und Nachdenktag, gestaltet und gesprochen von Mitgliedern der Luthergemeinde, des Vereins „Spurensuche“ und Konfirmanden, musikalisch begleitet von Bernd Krage-Sieber. Eine lebhafte Diskussion ergab sich im Anschluss über den Namensgeber der Rudolf-Huch-Straße, der heute auch bekannt ist als Verfasser eines antisemitischen Werkes. Dass bisher keine Straße in Bad Harzburg nach einem jüdischen Bürger benannt wurde, ergänzte dazu Markus Weber. Wie etwa Max Ohenstein, der sich als engagierter Hotelier und Obmann des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ sehr für die Belange der Juden und des Kurorts eingesetzt habe, auch noch ab 1933.

Mehr als 100 Menschen versammeln sich zum Gedenken an die Ereignisse vom 9. und 10. November 1938 im Badepark.  Fotos: Seltmann

Mehr als 100 Menschen versammeln sich zum Gedenken an die Ereignisse vom 9. und 10. November 1938 im Badepark. Fotos: Seltmann

Sophie Junicke und Maximilian Spree (2.v.li.) als „Berufskollegen“ und Stifter des Geschichtspunkts mit Markus Weber (links) und Professor Eberhard Högerle.

Sophie Junicke und Maximilian Spree (2.v.li.) als „Berufskollegen“ und Stifter des Geschichtspunkts mit Markus Weber (links) und Professor Eberhard Högerle.

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