Die „große Lösung“ hat noch immer Bestand
Wie es sich für einen 50. Geburtstag gehört – das obligatorische Verkehrsschild: Bürgermeister Alf Hesse klettert auf die Leiter und hält für das Foto ein Tempo-50-Zeichen an den Eingang der Gemeindeverwaltung. Das alte Holzschild ist übrigens deutlich sichtbar in die Jahre gekommen – es könnte dort seit den 1970er Jahren, als die Verwaltung in das Haus einzog, so unverändert hängen, meint der Bürgermeister. Foto: Gereke
So manch eine Kommune, die damals am selben Tag zu existieren begann, wie die einst selbstständige Stadt Vienenburg, ist schon wieder Geschichte. Nicht so die Gemeinde Liebenburg. Sie wurde heute vor 50 Jahren gegründet.
Liebenburg. Zum 50. Geburtstag der Gemeinde Liebenburg geben zwei Protagonisten von damals Einblick in ihre Erinnerungen an die Entstehung der Kommune und den Verlauf der vergangenen Jahrzehnte: Wolfgang Kirstein, mittlerweile 85, war erster Gemeindedirektor, und Helmut Bierbrauer, der erste Bürgermeister, der heute 97 Jahre alt ist. Übrigens gab es in der Liebenburger Geschichte nur einen Gemeindedirektor – und zwei hauptamtliche Bürgermeister als dessen Nachfolger: Wolfgang Kirstein (1972-1996), Hubert Spaniol (1996-2013) und Alf Hesse (seit 2013).
Alle Bürgermeister stellte übrigens die SPD – auch die ehrenamtlichen während Kirsteins Gemeindedirektorzeit – es waren auch nur zwei: neben Bierbrauer (1972-1990) noch Albrecht Hanke (1990-1996). In den 50 Jahren waren die Genossen immer stärkste Ratsfraktion, meist hatten sie die absolute Mehrheit. Die Gemeinde beweist auch auf anderen Gebieten Konstanz.
So berichtet die Goslarsche Zeitung am 30. Juni 1972 – einen Tag vor Inkrafttreten der Verwaltungs- und Gebietsreform und Gründung der Gemeinde Liebenburg. Foto: Gereke
Von Reform überzeugt
Bierbrauer erinnert sich noch genau, wie damals alles in die Wege geleitet wurde: „Unter der Leitung von Oberkreisdirektor Müller kamen im Dorfgemeinschaftshaus Othfresen die Bürgermeister aller zehn selbstständigen Dörfer zusammen“, erzählt der Senior. Aber: Gewillt, ihre Selbstständigkeit aufzugeben, waren die kleinen Dörfer nicht. „Nur wir in der Ortschaft Liebenburg waren wir von Anfang an für eine Einheitsgemeinde“, erzählt Kirstein. Eine GZ-Überschrift Anfang der 1970er Jahre betitelte das als „große Lösung“. Schon als er 1967 nach Liebenburg kam, um Gemeindedirektor der Ortschaft zu werden, stand die künftige Verwaltungs- und Gebietsreform im Raum. „Von der war ich überzeugt. Die Gemeinde muss groß genug sein, damit Verwaltungskraft entstehen kann.“
In Erinnerungen stöbern: Helmut Bierbrauer im Alter von 95 Jahren. Foto: GZ-Archiv
Feuerwehrleute statt Schulkinder
Die kleinen Orte pochten darauf, dass ihre Feuerwehren bestehen bleiben. „Wir müssen doch auch etwas für uns behalten“, lässt Bierbrauer den damaligen Tenor aufleben. Die Verwaltungs- und Gebietsreform war zudem eine Reform des Schulsystems, denn bislang gab es in jedem Dorf eine. Zunächst sollte es nur noch vier Schulstandorte geben, sechs galt es zu schließen. „Wir brachten in ihnen die Feuerwehren unter“, so Kirstein.
Wolfgang Kirstein. Foto: Gereke
Kein dominantes Zentrum
Die Gemeinde Liebenburg, das ist all die Jahre eine Kommune ohne dominantes Zentrum. Hauptort ist Liebenburg – es ist Sitz der Gemeindeverwaltung und hat die umfangreichste Infrastruktur – aber Othfresen auf der anderen Seite des Berges ist kaum viel kleiner und beherbergt mit dem Dorfgemeinschaftshaus das Veranstaltungszentrum. Und vom Selbstverständnis der Bürger ist es auch mindestens gleich bedeutsam. Überhaupt der Berg, gemeint ist der Ausläufer des Salzgitterschen Höhenzugs. Er durchschneidet das Liebenburger Land – und ist manchmal auch eine Trennlinie, die überwunden werden muss.
Da kommt einem der Wettbewerb bei einem Radiosender in den Sinn, bei dem die Liebenburger ein Open Air gewannen. Das aber fand aus technischen Gründen nicht in ihrer Ortschaft statt, sondern in Othfresen. Für Einige der Grund, die Veranstaltung zu boykottieren. Umgekehrt spotten vor allem zum Dorffest viele Othfresener über die andere Seite des Berges. Und wer ein Baugrundstück sucht und sich über das Othfresener Baugebiet am Galgenberg informiert, der wird auch darauf stoßen, dass das ja die liebliche Seite des Flöthebergs ist. Auch nach einem halben Jahrhundert muss manches also noch zusammenwachsen.
Die Wappen der Gemeinde: Im Foyer des Rathauses hängt dieses Kunstwerk. Foto: Gereke
Aber die Geschichte hätte auch eine andere Wendung nehmen können und heute könnte nicht auf 50Jahre Gemeinde zurückgeblickt werden. Vor einigen Jahren machte sich eine Liebenburger Geheim-Delegation – bestehend aus den Fraktionsvorsitzenden von SPD und CDU sowie dem Bürgermeister – auf nach Salzgitter, um in Sachen Fusion zu sondieren. Autorisiert hatte sie niemand. Als das herauskam, war der Rat „not amused“: Die Politik reagierte stinksauer, stoppte die Gedankenspiele – und die Beteiligten holten sich eine blutige Nase.
Doch noch eine Fusion
Aber eine Fusion gab es dann doch noch – im Kleinen: Klein und Groß Döhren schlossen sich nämlich zu Döhren zusammen. Einige Jahre, nachdem sich bei einer ersten Befragung zu diesem Thema die Mehrheit der in Klein Döhren Teilnehmenden noch gegen einen solchen Schritt ausgesprochen hatten. Die Fusion bedeutet nur noch einen statt zwei Ortsräte – und eine gemeinsame Feuerwehr in einem neuen Haus genau zwischen beiden Ortsteilen.
Und heute? Auch ohne Zusammenschluss gibt es die Gemeinde noch immer. Allerdings purzeln seit einigen Jahren die Einwohnerzahlen nach unten. Mittlerweile wohnen weniger als 8000 Menschen in der Gemeinde – bei Gründung waren es rund 11.000. Die Ausweisung von Baugebieten, um junge Familien anzulocken, war deshalb Dauerbrennerthema. Genauso wie eine Sanierung der Gemeindeverwaltung. Fünf Jahrzehnte hinterlassen Spuren.
Blick voraus
Wird die Gemeinde das Rentenalter erleben? Oder gar das nächste große Jubiläum – die 75? Bürgermeister Hesse sprüht nur so vor Zuversicht: „Auf jeden Fall!“, ruft er. Grund für seinen Optimismus: die neuen Haushaltszahlen. 2021 wird der Haushaltsabschluss der Gemeinde so positiv ausfallen, dass das strukturelle Defizit getilgt wird. Die Entscheidung damals für die Einheitsgemeinde aus seiner Sicht übrigens genau richtig. „Ich glaube, uns würde es heute in Form einer Samtgemeinde aufgrund des höheren Verwaltungsaufwandes so nicht mehr geben“, sagt Hesse.
Auf eine Feier anlässlich des „Fuffzigsten“ verzichten die Liebenburger übrigens. Angesichts der Tatsache, dass die Entwicklung der Corona-Pandemie nicht vorhersehbar ist, hatten sich Politik und Verwaltung dazu bereits im Frühjahr entschlossen.
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