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„Das ist barbarisch“

Pelicot: „Ich musste mir dieses Leben zurückerobern“

Gisèle Pelicot betont: Dass man lieben darf, sei das Schönste im Leben.“

Gisèle Pelicot betont: Dass man lieben darf, sei das Schönste im Leben.“ Foto: Jennifer Brückner/dpa

Jahrelang wurde sie unter Drogen gesetzt und vergewaltigt. Gisèle Pelicot spricht auf der Buchmesse über ihre Geschichte. Warum sie den Prozess öffentlich machte - und wieso Erziehung so wichtig ist.

Von dpa 07.10.2026, 17:50 Uhr

Frankfurt/Main. Die Französin Gisèle Pelicot möchte ihren Ex-Mann und Peiniger „unbedingt irgendwann“ treffen. „Ich denke, ich werde vielleicht keine Erklärungen oder Antworten bekommen,“, sagte die 73-Jährige auf der Frankfurter Buchmesse. Aber das gehöre zu ihrem Weg. Sie habe ihn seit Jahren nicht alleine gesprochen. 

Pelicot war von ihrem damaligen Mann über knapp zehn Jahre immer wieder mit Medikamenten betäubt, missbraucht und Fremden zur Vergewaltigung angeboten worden. 2024 wurde dieser zu 20 Jahren Haft verurteilt. 50 zumeist wegen schwerer Vergewaltigung mitangeklagte Männer verurteilte das Gericht zu Haftstrafen zwischen 3 und 15 Jahren.

 „Ich habe wie in Vollnarkose gelebt“

Videos der Taten habe sie lange nicht angeschaut. Sie sei dazu zunächst nicht bereit gewesen, sagt sie. „Man kann gar nicht erzählen, was ich da alles gesehen habe. Das ist barbarisch.“ Sie habe auch gar nicht wahrgenommen, dass das sie selbst sei. „Ich habe diese Frau nicht wiedererkannt. Das war eine Stoffpuppe.“

Im Februar erschienen ihre Memoiren „Eine Hymne an das Leben“.

Im Februar erschienen ihre Memoiren „Eine Hymne an das Leben“. Foto: Jennifer Brückner/dpa

Zehn Jahre sei sie nahezu bewusstlos gewesen. „Ich habe wie in Vollnarkose gelebt über viele Stunden, und ich musste mir dieses Leben zurückerobern“, sagte sie nun in Frankfurt. 

Pelicot hat sich noch einmal verliebt

Die Liebe habe sie nicht verlassen und sie könne auch wieder vertrauen. Sie hätte nicht gedacht, dass sie sich in ihrem Alter noch einmal verlieben könne, aber „ich habe einen wunderbaren Mann kennengelernt“. Und: „Man muss sich wirklich auch selbst das Recht verordnen, dass man lieben darf, denn das ist das Schönste im Leben. Ich bin aber auch auf der Hut.“

Gisèle Pelicot wurde durch ihr entschiedenes Auftreten und ihre Entscheidung, den Prozess nicht hinter verschlossenen Türen zu führen, in Frankreich zum feministischen Vorbild. Im Februar erschienen ihre Memoiren „Eine Hymne an das Leben“. 

Warum sie den Prozess öffentlich gemacht habe? 

„Ich habe mir gesagt, wenn ich eingeschlossen bin mit diesen 50 Vergewaltigern im Gerichtssaal, dann werde ich mich schämen und sie nicht. Und ich möchte unterstreichen, dass nicht das Opfer sich schämen soll.“ Die Anwälte hätten sie gewarnt, dass es sehr schwierig werde. „Und ich habe ihnen gesagt, es ist egal, ich werde das durchstehen bis zum Schluss“, betonte Pelicot unter lautem Applaus. 

Während des Prozesses erfuhr Gisèle Pelicot große Unterstützung. (Archivbild)

Während des Prozesses erfuhr Gisèle Pelicot große Unterstützung. (Archivbild) Foto: Lewis Joly/AP/dpa

Über ihren Mann, den sie nur „Herr Pelicot“ nennt, sagte sie noch: Er habe die Möglichkeit gehabt, zu wählen zwischen Gut und Böse. Sie habe versucht, ihn zum Licht zu ziehen, „aber er hat leider Gottes sich für das Böse entschieden.“

Respekt für Frauen schon in der frühen Erziehung vermitteln

Auf die Frage, was mit der Gesellschaft los sei, auch mit Blick auf den jüngst bekanntgeworden Missbrauchsfall an der US-Elite-Uni Cornell, sagte Pelicot: Sie glaube, dass wir noch immer in einer Macho-Gesellschaft lebten. Es sei wichtig, dass die Frauen mehr Macht übernähmen und weniger Angst hätten. 

Und - so betont sie: „Wir müssen unsere Kinder sehr früh erziehen. Man muss die kleinen Kinder, die Jungen erziehen. Man muss ihnen zeigen, eine Frau ist kein Objekt, ihre Freundin ist kein Objekt. Sie müssen die Frau respektieren.“ Dass müsse Erziehung vermitteln.

Ihr Mut löste internationale Debatten aus und gab Betroffenen weltweit neue Kraft.

Ihr Mut löste internationale Debatten aus und gab Betroffenen weltweit neue Kraft. Foto: Jennifer Brückner/dpa

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