Für wie krisenanfällig Beschäftigte ihre Unternehmen halten
Die Abhängigkeit von globalen Krisen ist vielen in den Unternehmen bewusst, aktuell im Fokus: der Ölpreis. (Symbolfoto) Foto: Marijan Murat/dpa
Ölpreisschock und Cyberangriffe - globale Konflikte schütteln auch die Wirtschaft durch. Fürchten die Beschäftigten, ihre Unternehmen sind den Krisen schutzlos ausgeliefert? Was kann Sicherheit geben?
Berlin. Gewalt und gestörte Lieferketten, Cyberangriffe und Stromausfälle - auch Deutschlands Wirtschaft sieht sich zunehmend Krisen und Störfällen ausgesetzt. Doch in den Betrieben hapert es in den Augen vieler Beschäftigter und Führungsleute oft an Vorbereitung auf Störungen. So sieht nur rund jede und jeder Dritte sein Unternehmen oder seine Einrichtung bei Lieferkettenstörungen, Gewaltereignissen oder Stromausfälle gut gewappnet, wie eine neue Forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung zeigt.
Unfallzahlen sinken
Eigentlich kann die Unfallversicherung gute Zahlen präsentieren. Erneut sank die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle - um rund 24.000 auf 731.000 im vergangenen Jahr. Vor 30 Jahren waren es noch über 1,6 Millionen, vor zehn Jahren knapp 870.000. Die Unfallversicherung macht vor allem bessere Vorbeugung dafür verantwortlich: Brandschutz-Übungen, Erste Hilfe, Notfall- und Krisenpläne. Überall sinken die erfassten Zahlen, auch bei den Todesfällen durch Arbeitsunfälle (335 Fälle 2025). Insgesamt sind in der Unfallversicherung rund 68 Millionen Menschen in Deutschland abgesichert gegen Arbeits-, Wege-, Schul- und Schulwegunfälle sowie Berufskrankheiten.
Doch die Umbrüche zeigen sich auch hier. „Die Welt verändert sich“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Unfallversicherung, Stephan Fasshauer. Schwerpunkt der Untersuchung dieses Jahr: Krisenresilienz. Nicht nur mögliche Brände und fehlende Notknöpfe und Fluchtwege interessieren die Unfallversicherung, sondern auch das Bewusstsein für mögliche Folgen digitaler Angriffe und externer Schocks, unterbrochener Lieferketten oder Naturkatastrophen.
Globale Umbrüche erreichen Unternehmen
Es ist erst rund zwei Monate her, dass Kanzler Friedrich Merz (CDU) gemahnt hat: „Auch die Wirtschaft muss ein besseres Verständnis entwickeln, wo sie verletzbar ist, etwa in den Lieferketten bei kritischen Komponenten, in Spannungssituationen oder bei terroristischen Bedrohungen.“ Der Koalitionsausschuss hatte gerade mehr Schutz für die kritische Infrastruktur beschlossen. Seither erreichen weitere Schockwellen globaler Umbrüche die Unternehmen fast täglich.
Fasshauer weist auf die Abhängigkeiten hin, auch aktuell vom Ölpreis, auf die vom Iran größtenteils blockierte Straße von Hormus. Generell gelte es, unabhängiger zu werden. Beispielsweise setze man bei der Unfallversicherung auf „digitale Souveränität“, bemühe sich um europäische Lösungen. Die neue Umfrage will auch das Bewusstsein dafür erkunden, dass Störungen von außen das Geschäftsmodell schnell aus dem Takt bringen können.
Wo könnte Vorbereitung besser sein?
Wie gut sehen die Beschäftigten ihr Unternehmen oder ihre Einrichtung für Krisen und Störfälle gewappnet? Mehr als 2000 Beschäftigte, darunter über 500 Führungskräfte wurden befragt. Am häufigsten gut vorbereitet sehen sie ihren Betrieb mit 64 Prozent auf Pandemien, nach den jahrelangen Erfahrungen mit Corona. Positiv fällt das Urteil bei fast zwei von dreien auch im Fall von Bränden oder Explosionen aus. Immerhin 52 Prozent sehen ihr Unternehmen für Cyberangriffe gut gewappnet.
Nur eine Minderheit sieht das eigene Unternehmen hingegen auf andere Störungen gut vorbereitet: auf eine Beeinträchtigung von Lieferketten 38, auf Naturkatastrophen 30 und auf tagelange Stromausfälle nur 28 Prozent. Kleinere Unternehmen scheinen dabei oft weniger gut vorbereitet. Der mutmaßlich linksextremistische Anschlag auf die Stromversorgung im Berliner Südwesten lag zum Umfragezeitpunkt Anfang Februar erst wenige Wochen zurück.
„Resilienz ist wirklich wichtig“, sagt Fasshauer. Bei einem Cyberangriff müsse der Notfallplan im Zweifelsfall sofort greifen und jeder Handgriff funktionieren. „Da geht es um Minuten.“ An viele Stellen sei in Deutschland hart trainiert worden. „Allerdings nehmen wir zum Teil die Situation noch nicht so wahr, wie man es vielleicht machen müsste.“
Sozialer Austausch reicht oft nicht
Gefragt wurden die Beschäftigten auch nach den eigenen Belastungen. Jede und jeder Zweite fühlt sich am Arbeitsplatz durch häufige Störungen, hohe Arbeitsintensität und unklare Zuständigkeiten belastet, also durch die Arbeitsorganisation. Jeweils rund ein Drittel fühlen sich durch die Arbeitsinhalte und -aufgaben selbst und durch die sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz belastet. Was dabei demnach oft fehlt, sind ausreichender sozialer Austausch, soziale Unterstützung und Rückmeldung und Anerkennung.
Steigende psychische Belastung fürchten fast zwei von drei Beschäftigten für die Zukunft. Fast jeder zweite sorgt sich um veränderte Altersstrukturen, um das Älterwerden der Belegschaft und den Fachkräftemangel. 45 Prozent rechnen der Umfrage gemäß damit, dass Risiken durch Cyberangriffe zunehmen. Steigende Risiken durch Stromausfälle, etwa Angriffe auf technische Anlagen, fürchtet ein Fünftel.
Dass Gefährdungen durch klimatische Veränderungen wachsen, glauben dabei übrigens insbesondere Beschäftigte im Baugewerbe. Steigende Risiken durch Künstliche Intelligenz erwarten vor allem Beschäftigte im Finanz- und Versicherungssektor.

In Fall eines Cyberangriffs kommt es auf Minuten an. (Symbolfoto) Foto: Sina Schuldt/dpa

Risiko Arbeitsplatz: Die Zahl der Arbeitsunfälle sinkt seit Jahren. (Symbolfoto) Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa/dpa-tmn