Richter im Fall Fabian: „Wir wollen die Wahrheit rausfinden“
Die Angeklagte im Saal 2.002 im Rostocker Landgericht. Foto: Helmut Reuter/dpa
Der achtjährige Fabian fiel vor einem halben Jahr einem Gewaltverbrechen zum Opfer. Vor Gericht läuft die schwierige Suche nach der Wahrheit. Als erste Zeugen sagen Mutter und Vater des Jungen aus.
Rostock. Im Prozess um den gewaltsamen Tod des achtjährigen Fabian aus Güstrow haben die Mutter und der getrennt von ihr lebende Vater des Jungen stundenlang vor Gericht als Zeugen ausgesagt. Beide berichteten ausführlich über ihren Sohn, schilderten ihn als liebevoll, zuverlässig und aufgeschlossen. Breiten Raum nahm die langjährige Beziehung des Vaters (35) zur Angeklagten ein. Die deutsche Ex-Freundin soll den Achtjährigen am 10. Oktober 2025 laut Staatsanwalt heimtückisch ermordet haben.
Die Mutter beschrieb ihren Sohn als sehr zuverlässig. Er habe sich stets rückversichert, ob sein Verhalten in Ordnung sei. „Ich kann einfach nur sagen, dass ich wahnsinnig stolz auf ihn war“, sagte die 31-jährige Einzelhandelskauffrau.
Die Angeklagte (30), die selbst einen Sohn hat, der etwas jünger als Fabian ist, war mit dem Vater bis August 2025 rund vier Jahre lang in einer Beziehung. Fabian war oft tagelang bei ihnen, wobei er vom Vater oder auch der Angeklagten mit dem Auto bei der Mutter in Güstrow abgeholt wurde. Alle drei tauschten untereinander zur Absprache auch Nachrichten über WhatsApp aus.
Fabian habe in der Angeklagten auch eine Mutter gesehen und sie öfters Mama genannt, betonte der Vater. Fabians Mutter wandte sich in ihrer Aussage einmal direkt an die nur wenige Meter entfernt sitzende Angeklagte mit den Worten, dass sie nicht verstehen könne. Weiter konnte sie zunächst nicht sprechen, weil der Richter die Sitzung für zehn Minuten unterbrach. Die Mutter nannte ihren Sohn durchgängig „Fabi“. Auch die Erzieher hätten über ihren Sohn gesagt, dass er sehr kuschlig gewesen sei. Leute, denen er vertraut habe, habe er immer umarmt.
Beziehungsprobleme als Tatmotiv?
Ausführlich äußerte sich die Mutter auf Fragen des Richters auch über die Beziehung zu Fabians Vater, von dem sie sich Ende 2018 trennte. Er habe sich liebevoll um Fabian gekümmert. 2021 habe der Vater dann die Beziehung zur Angeklagten begonnen. Als Fabian dann einmal gesehen habe, wie der Vater die Freundin geschlagen habe, wollte er nach Angaben der Mutter nicht mehr dorthin. Daraufhin habe es zunächst einen Kontaktabbruch gegeben.
Auch danach sei Fabian aber gern zu der Angeklagten gegangen, um Zeit mit ihr und ihrem Sohn zu verbringen, sagte der Vater. Nur mit ihm habe er keine Zeit verbringen wollen. Zu Fabians Einschulung sei er ebenfalls nicht erwünscht gewesen. Die Zeit des Kontaktabbruchs zum Vater dauerte dessen Angaben nach rund eineinhalb Jahre. Erst im August 2025 lebte der Kontakt wieder auf.
Gebrochener Arm?
Eine wiederkehrende Frage war, ob und in welchem Maße der Vater gegenüber der Angeklagten in der Beziehung gewalttätig war. Sie hatte in einem im Gericht verlesenen Chat von einem gebrochenen Arm und in einem anderen Fall von fast gebrochenen Rippen durch den 35-Jährigen geschrieben. Das wies der Zeuge deutlich zurück.
Beziehungsprobleme zwischen dem Vater und der Angeklagten sollen laut Staatsanwaltschaft eine zentrale Rolle für die Tat gespielt haben. Die Angeklagte habe ziel- und zweckgerichtet gehandelt, um mit der Tötung des Jungen einen Streitpunkt in der Beziehung zum Vater aus dem Weg zu räumen, hieß es in der Anklage. Der Vater habe die Beziehung nicht fortführen wollen, weil er den Kontakt zu seinem Sohn nicht gefährden wollte.
Fabians Mutter hat nach eigenen Angaben keinen Kontakt mehr zum Vater. Sie komme nicht damit zurecht, wie er mit dem Verlust von „Fabi“ umgehe. So habe er die Angeklagte in der Justizvollzugsanstalt (JVA) besucht. „Damit komme ich nicht zurecht. Ich will keinen Kontakt mehr“, sagte die Mutter. Der Besuch des Vaters in der JVA ist laut Staatsanwaltschaft dokumentiert.
Die Angeklagte lächelt mehrmals während des zweiten Verhandlungstages, als Richter Holger Schütt den Vater fragte, wie er die Angeklagte beschreiben würde. Einfühlsam, emphatisch, liebevoll, starker Charakter - das waren seine Worte. Und eifersüchtig sei sie auch.
Die Wohnung war leer
In der Verhandlung wurde ein kurzer Audio-Mitschnitt vorgespielt, in dem sich die Angeklagte und Fabians Vater im Dezember vorigen Jahres unterhielten. Die Frau, die seit 7. November in Untersuchungshaft sitzt, verfolgte die Aussage der Mutter - anders als beim Vater - weitgehend ohne äußere Reaktionen. Sie will sich nach Angaben ihrer Anwälte zunächst nicht äußern.
Fabians Mutter schilderte auch unter Tränen, wie sie den Tag des Verschwindens ihres Sohnes und die Tage darauf erlebte. Fabian war am 10. Oktober krankheitsbedingt nicht zur Schule gegangen. Die Mutter ging zur Arbeit, kam aber danach direkt nach Hause, wo sie gegen 15.30 Uhr ankam und eine leere Wohnung vorfand. Abends gab sie bei der Polizei eine Vermisstenanzeige auf, nachdem sie und Freunde zuvor überall nach „Fabi“ gesucht hätten.

Tagelang wurde nach Fabian gesucht. (Archivbild) Foto: Bernd Wüstneck/dpa
Die Polizei bat sie kurz darauf, zu Hause zu bleiben, falls sich ihr Sohn doch noch melde. „Ich kam mir so hilflos vor: Nichts machen zu können und abzuwarten und zu hoffen“, schilderte sie die Stunden und Tage danach.
Tagelang hatten Einsatzkräfte mit Hundestaffeln und auch einem Hubschrauber nach dem Grundschüler gesucht. Erst am 14. Oktober, vier Tage nach Fabians Verschwinden, wurde sein Leichnam an einem Teich bei Klein Upahl, etwa 15 Kilometer südlich von Güstrow, gefunden. Er wurde mit sechs Messerstichen getötet.
Für den dritten Verhandlungstag am 5. Mai ist der Vater erneut als Zeuge geladen. Er gilt als ein Schlüsselzeuge. „Wir wollen einfach nur die Wahrheit rausfinden. Was ist passiert?“, sagte Richter Schütt zu dem Zeugen. Das Gericht hoffe, das ganze Dunkel um die Tat ein wenig erhellen zu können. „Dazu können Sie ein großes Stück beitragen“, so der Richter. Insgesamt stehen bis 2. Juli noch weitere 15 Verhandlungstage an.