Tochter von Opfer übernimmt Stader Mutter-Kind-Haus
Landrat Kai Seefried und Gesellschafterin Kiara Lindner eröffnet das Mutter-Kind-Haus in Stade wieder. Foto: Christian Charisius/dpa
Ende Juni fallen Schüsse in einer Jugendeinrichtung in Stade, sechs Menschen sterben. Nun wird das Mutter-Kind-Haus wieder öffnen. Die Leitung übernimmt eine ganz besondere Person.
Stade. Sandkiste, Schaukel und eine Rutsche im gepflegten Garten, Himmelbetten und viel Spielzeug in den hellen Räumen prägen die einladende Atmosphäre des Mutter-Kind-Hauses in Stade. Nur ein Raum bleibt in der renovierten Einrichtung für immer verschlossen - der Tatort im ersten Stock. Dort wurden vor fast vier Monaten bei einem Gespräch sechs Menschen erschossen. Nun wurde die Einrichtung wieder eröffnet.
„Uns ist bewusst, dass das Haus in der Dankersstraße durch die Tat vom 29. Juni mit einem tragischen Ereignis verbunden bleibt“, sagt Geschäftsführerin Kiara Lindner. „Das wollen wir nicht verdrängen.“
Zu den drei Stader Opfern gehörte auch die Ilka Lindner, die 55 Jahre alte Mutter von Kiara Lindner, die die GmbH 1999 gegründet hatte. „Meine Mutter gibt mir die Kraft, das weiterzuführen“, betont die 21 Jahre alte Studentin. Von Anfang an sei ihr klar gewesen, dass sie als Gesellschafterin das Erbe ihrer Mutter weiterführen wolle. Wie alle Mitarbeiter engagierte sie sich bei den Renovierungsarbeiten: „In diesem Haus ist mir meine Mutter am nächsten, ich versuche mich an positiven Erinnerungen festzuhalten.“
In dem Wohnhaus der Stethu GmbH werden maximal sieben Mütter mit ihren Kindern unterbracht und rund um die Uhr von 15 Mitarbeitern betreut. Drei ihrer Kollegen starben bei der Tragödie. An einen anderen Ort umzuziehen, sei aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich gewesen und hätte wegen Genehmigungen zu lange gedauert. Zudem bräuchten die Jugendämter dringend Plätze für Mütter mit Kindern. Die Stethu betreibt in der Hansestadt zwei weitere Häuser, darunter eins nur zum Schutz für Kinder.
Team wird therapeutisch unterstützt
Keine Kollegin oder Kollege habe gekündigt, bestätigt Vanessa Stabel, pädagogische Leiterin: „Uns war sofort klar, wir wollen zurück an den alten Standort, „jetzt erst recht“ ist unsere Haltung.“ Man dürfe nicht zulassen, dass diese Tat die Zukunft einer so wertvollen Einrichtung zerstöre.
„Natürlich wissen wir, dass die schreckliche Tat Fragen, Ängste und Unsicherheiten auslösen kann. Darauf sind wir als pädagogisches Team vorbereitet“, bekräftigt sie. Auch das Team werde weiterhin therapeutisch unterstützt.
„Meine Hochachtung gilt den Mitarbeitern, die dieses Miteinander haben und es zu einem guten Ort für Mütter und Kinder werden lassen“, sagt Kai Seefried (CDU), Landrat des Kreises Stade. „Ich bin zutiefst überzeugt von der guten Arbeit, die hier geleistet wird.“ Er überreicht Kiara Lindner symbolisch einen Keramikschutzengel: „Ihr seid Schutzengel für alle, solle er Euch immer beschützen.“
Um das Wirken der Gründerin Ilka Lindner zu würdigen, soll am 29. Juni 2027 eine Stiftung gegründet werden. „Sie hatte sich dem Schutz der Kinder verschrieben“, erklärt Seefried, „wir wollen ihr Erbe in die Zukunft führen“. Eine Stiftung sei anders als ein Gedenkstein etwas Lebendiges. Inhaltlich sieht das Konzept den Kinder- und Jugendschutz sowie die Gewaltprävention vor.

Knapp vier Monate nach der schrecklichen Gewalttat wird das Mutter-Kind-Haus in Stade wieder eröffnet. Foto: Christian Charisius/dpa
Verschärftes Schutzkonzept nach dem 29. Juni
Nach der Gewalttat, bei der der Angreifer ungehindert mit einer Waffe in das Haus kommen konnte, ist das Schutzkonzept überarbeitet worden. Aus Sicherheitsgründen gibt es keine Einzelheiten zu konkreten Maßnahmen.
Der 45 Jahre alte Schütze und Vater einer dreimonatigen Tochter, die mit ihrer Mutter in der Einrichtung untergebracht war, kam nach seiner Festnahme in Untersuchungshaft. Drei Wochen später fand man ihn in der Justizvollzugsanstalt Bremervörde tot in seiner Zelle. Den Eltern war das Sorgerecht entzogen worden, weil ihr Baby eine Hirnblutung nach einem Schütteltrauma hatte. Das Kind lebt seit der Tat getrennt von der Mutter.
Weiter Ermittlungen gegen Mutter
Juristisch ist die Tat weiterhin nicht aufgearbeitet. Die Kindesmutter wird ebenso wie die mutmaßliche Fahrerin weiterhin als Beschuldigte geführt, teilte die Stader Staatsanwältin Julia Pirk der Deutschen Presse-Agentur mit. „Ich bitte aufgrund des noch laufenden Ermittlungsverfahren um Verständnis, dass keine möglichen Teilergebnisse der Ermittlungen oder Bestandteile derselben wie Motive, Planungen, Einlassungen etc. beauskunftet werden können“, hieß es in einer schriftlichen Antwort.
Mit Verletzungen des Babys hatte der Sorgerechtsstreit angefangen - am Ende starben sechs Menschen in der Einrichtung in Stade westlich von Hamburg. Das Gutachten zu den Verletzungen des Säuglings bestätigte ein Schütteltrauma. Die Staatsanwaltschaft spricht von einer schweren Kindesmisshandlung. „Die Ermittlungen gegen die Kindesmutter dauern an“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Der Mutter droht nun eine Anklage und im Falle einer Verurteilung auch eine Haftstrafe.
Verletztes Baby - Vater greift zur Waffe
Die Verletzungen des Babys führten nach bisherigen Erkenntnissen zu einer Kette von Ereignissen. Im April kam das kleine Mädchen zur Behandlung in die Medizinische Hochschule Hannover. Den Eltern war daraufhin das Sorgerecht entzogen worden. Ein Gericht entschied, dass die Mutter mit ihrem Kind in der Stader Einrichtung leben soll. Dort wollten Angestellte des zuständigen Jugendamts und der Einrichtung am 29. Juni mit den Eltern über das Sorgerecht sprechen - doch die Situation eskalierte.
Der Vater griff zur Waffe und erschoss sechs Menschen, darunter vier Frauen und zwei Männer. Ermittler gehen davon aus, dass der Sorgerechtsstreit das Motiv war. Kurz nach der Tat nahmen Einsatzkräfte den Verdächtigen fest, der sich später das Leben nahm. Gegen ihn kann nicht mehr ermittelt werden.

Kiara Lindner übernimmt nach dem Tod ihrer Mutter bei der Gewalttat in Stade die Verantwortung für die Mutter-Kind-Einrichtung. Foto: Christian Charisius/dpa