Montag, 09.10.2017

Verbotene Bücher

Für den Berliner Schriftsteller Alban Nikolai Herbst muss es ein herber Schock gewesen sein: Im September 2003 – er befand sich gerade auf dem Weg zu einer Lesung aus seinem neuen Roman „Meere“ – ereilte ihn der Anruf eines Rechtsanwalts. Gegen das Buch sei eine einstweilige Verfügung erwirkt worden, die öffentliche Lesung ab sofort untersagt.

Tatsächlich: Kurze Zeit später wies ein Gericht den Mare-Verlag an, die bereits gedruckten Buchexemplare nicht mehr in den Handel zu geben. Was war passiert? Bergs ehemalige Lebensgefährtin hatte sich in einer Romanfigur wiedererkannt und fühlte sich – vorsichtig ausgedrückt – unvorteilhaft getroffen. Kein Wunder: In „Meere“ schildert der Autor eine unglückliche Liebesbeziehung und lässt dabei kein intimes Detail aus. Der Richterspruch, der die Persönlichkeitsrechte der Klägerin höher bewertete als die Kunstfreiheit, blieb übrigens kein Einzelfall. Vier Jahre später beendete das Bundesverfassungsgericht einen erbitterten Rechtsstreit um Maxim Billers Roman „Esra“ ebenfalls mit einem Handels- und Lesungsverbot.

Ein Glück, dass sich in Goethes Werther oder Manns Buddenbrooks kein zeitgenössischer Leser zu erkennen glaubte und richterliche Klärung suchte – die Literaturgeschichte wäre um einiges ärmer. Aus Angst vor Verboten und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Schaden werden Manuskripte heutzutage akribisch geprüft. Dafür wachsen die Rechtsabteilungen der Verlage stetig – was man von den Stellen für Lektoren leider nicht behaupten kann. Für Herbsts Roman „Meere“ gibt es übrigens ein Happyend. Nachdem sich die Ex-Partnerin umentschieden hat, darf das Buch in diesem Herbst in der Originalfassung erscheinen. Der Verlag hat tatsächlich alle Exemplare aufgehoben und 14 Jahre lang eingelagert. „Bücherspekulanten“, die in den letzten Jahren eins der raren Originale für bis zu 650 Euro kauften und auf steigenden Wert hofften, finden dieses Happyend allerdings wenig gelungen: Der „Kurs“ für das Buch liegt jetzt bei 22 Euro.Elke Brummer