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Jahrestag des Hitler-Attentats

Zwei Goslarer Schüler gegen und mit Adolf Hitler

Historische Aufnahme von Hitler-Fotograf Heinrich Hoffmann: Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und des „Führers“ Kanzlei-Chef Martin Bormann (l.) begutachten in Rastenburg in der Wolfsschanze den Kartenraum, in dem Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete, um Adolf Hitler zu töten.  Foto: dpa

Historische Aufnahme von Hitler-Fotograf Heinrich Hoffmann: Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und des „Führers“ Kanzlei-Chef Martin Bormann (l.) begutachten in Rastenburg in der Wolfsschanze den Kartenraum, in dem Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete, um Adolf Hitler zu töten. Foto: dpa

Merkwürdiges Band: Henning von Tresckow ist Motor des Widerstands gegen Hitler. Der Name Hans Krebs steht unter dem Testament des „Führers“. Beide Generäle besuchten in Goslar das Ratsgymnasium. Der Artikel ist die Kurzform eines Beitrages, der zum Ehemaligen-Jubiläum im September in der Fortschreibung der Schulchronik erscheint. Eine Übersicht zum Widerstand ergänzt das Erinnern an das Hitler-Attentat heute (20. Juli) vor 75 Jahren.

Von Frank Heine Samstag, 20.07.2019, 15:30 Uhr

Purer Zufall oder Fügung? Als sich Dr. Karl Grote und Kurt Briest, Abiturienten von 1952, im Mai 2012 mit ihrem Jahrgang nach 60 Jahren am Ratsgymnasium (RG) wiedersehen, kommen beide beinahe zeitgleich auf Henning von Tresckow zu sprechen. Der Generalmajor, der sich einen Tag nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Adolf Hitler am 21. Juli 1944 an der Ostfront das Leben nimmt, hat sein Abitur an derselben Schule gemacht.

Briest war schon vor Jahren darauf gestoßen. Als er in einem Antiquariat ein Buch ausgräbt, das er schon als Student in den 50er Jahren verschlungen hat, springt ihm bei Eberhard Zellers „Geist der Freiheit“ auf Seite 127 plötzlich der Name der Stadt ins Auge: „Auch als er in Goslar das Realgymnasium bezog“, steht dort über Tresckow zu lesen. Wie hat er das nur vor einem knappen halben Jahrhundert übersehen können?

Grote hat zuvor bei Publizist Joachim C. Fest über den Widerstand gelesen. Als er in der „Geschichte des Ratsgymnasiums“ von Dr. Hans Gidion den Abitur-Jahrgang seines Vaters Albert Grote nachschlägt, findet er 1919 in derselben Abschlussklasse gleich zweimal den Namen von Tresckow, wenn auch falsch, nämlich ohne „c“ geschrieben. Neben Henning ist dessen Bruder Gerd vermerkt, der sich im Zuge des Attentats ebenfalls umbringt. Am 6. September 1944 schneidet er sich nach mehreren Verhören unter Folter die Pulsadern auf.

Die Tresckows, so steht es auch in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, hätten das Realgymnasium des Alumnats des Klosters Loccum besucht. Heute hieße die Einrichtung wohl Internat, die von 1890 bis 1923 in Goslar angesiedelt und ans Gymnasium angeschlossen ist, bis es laut Gidion, dem letzten Aufseher des Alumnats, wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten aufgelöst wird.

Wer ist Henning von Tresckow? Klare Antwort: eine, wenn nicht die zentrale Figur des Widerstands gegen Hitler. „Das Attentat auf Hitler muss erfolgen, um jeden Preis. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“ Der überzeugte Christ Tresckow spricht diese seine später nicht nur von Historikern so oft zitierten Worte kurz nach der Landung der alliierten Streitkräfte in der Normandie Anfang Juni 1944.

Zu diesem Zeitpunkt sind bereits drei Anschläge auf den Nazi-Diktator gescheitert, an dessen Planung und teils auch Ausführung Tresckow unmittelbar beteiligt ist. Der Mann, der Oberst Graf Stauffenberg zum Attentat auf Hitler ermuntert, gilt vielen als Motor und treibende Kraft der militärischen Opposition, aber auch als vielversprechender und überaus fähiger Offizier. Als solcher hat er es geschafft, zum einen im Heer schnell höhere Positionen zu erreichen, zum andern aber auch, an der Ostfront mit dem Stab der Heeresgruppe Mitte ein Zentrum des Widerstands aufzubauen.

Schon früh hatte er versucht, Generalfeldmarschälle als oberste Befehlshaber für seine Sache zu gewinnen. Sein Onkel Fedor von Bock lässt sich aber ebenso wenig überzeugen wie Erich von Manstein und Günther von Kluge. Tresckow knüpft sogar Kontakte zum zivilen Widerstand. Das ihn persönlich belastende Wissen von den Verbrechen im Osten an der slawischen und jüdischen Bevölkerung treibt ihn an. Je mehr die Mordaktionen den verbrecherischen Charakter des Nazi-Regimes offenlegen, desto eindeutiger ist Tresckow bereit – anfangs sogar im Gegensatz zu Stauffenberg –, Hitler auch während des Krieges zu ermorden.

Am Morgen des 21. Juli, als klar ist, dass der Diktator den Anschlag vom Vortag überlebt hat, ist Tresckow nach wie vor felsenfest von der Richtigkeit allen Handelns überzeugt. „Ich halte Hitler nicht nur für den Erzfeind Deutschlands, sondern auch für den Erzfeind der Welt“, vertraut er seinem engen Freund und Cousin Fabian von Schlabrendorff an.

Und weiter: „Wenn Gott einst Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, dass Gott auch Deutschland um unseretwillen nicht vernichten wird. Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“

Nach diesen Worten verabschiedet sich von Tresckow von seinem Stab unter dem Vorwand, sich selbst ein Lagebild von der Front machen zu wollen. Er fährt bis zur Kampflinie bei Ostrow, geht in den Wald, zieht den Zünder einer Gewehrsprenggranate ab und hält sie sich an die Schläfe. Sein Fahrer findet ihn mit halb weggerissenem Gesicht und einer Pistole in der Hand. Laut Wehrmachtsbericht ist von Tresckow den Heldentod gestorben.

Im heimatlichen Wartenberg glaubt seine Frau Erika immer noch, dass ihr Mann im Kampf gefallen sei. Als seine Verstrickung ins Attentat bekannt wird, lässt Hitler die Leiche exhumieren. Bevor seine Überreste verbrannt werden und die Asche in alle Winde verstreut wird, dient der geschändete Leichnam noch dazu, Schlabrendorff bei der Folter weich zu kochen. Aber auch dieser Widerstandskämpfer zeigt eisernen Willen, schweigt und rettet wie Tresckow durch sein Handeln viele Mitstreiter vor dem Galgen.

Tresckow ist allerdings nur die eine RG-Seite des Militärs unter Hitler. Die andere Seite ist mit Hans Krebs ein Offizier, dessen Name unter dem politischen Testament Adolf Hitlers steht. Der letzte Generalstabschef des Heeres kann aber auch nur ein Kurzgastspiel an der Goslarer Schule gegeben haben.

Krebs wird 1898 in Helmstedt als Sohn eines Oberlehrers geboren und ist offenkundig ein kluger Kopf. Im Alter von 15 Jahren zieht er mit seiner Familie in die alte Kaiserstadt. Der begabte Schüler Krebs, der eine Klasse überspringt, besucht dort das Gymnasium. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldet er sich gleich am 3. September 1914 als Freiwilliger bei den Goslarer Jägern. Ob er noch das Abitur am Ratsgymnasium abgelegt hat? In Gidions Listen ist sein Name nicht zu entdecken. Er wechselt bald zur Infanterie und kämpft ab März 1915 an der Westfront.

In der Weimarer Republik bleibt Krebs in der Reichswehr und klettert auf der Karriereleiter nach oben. Den Angriff auf die Sowjetunion erlebt der gut russisch sprechende Krebs im Juni 1941 als Oberst. Im Januar 1942 wird er zum Chef des Generalstabs der 9. Armee ernannt und zum Generalmajor befördert. Im März 1943 steigt er zum Chef des Generalstabs der Heeresgruppe Mitte und zum Generalleutnant auf. In mehreren Beurteilungen wird ihm eine „feste nationalsozialistische Hand“ bescheinigt.

Im September 1944 wechselt er an die Westfront und plant die Ardennen-Offensive mit. Am 29. März 1945 übernimmt Krebs die Amtsgeschäfte des Generalstabchefs des Heeres und wird Nachfolger des geschassten Heinz Guderian, der einst auch ein Goslarer Jäger war und in der Kaiserstadt begraben liegt. Hitler hatte seinen „Marschall Vorwärts“ am Tag vorher seines Postens enthoben.

Krebs ist der letzte Generalstabschef vor der deutschen Kapitulation. Am 29. April 1945 unterzeichnet er mit Propaganda-Chef Joseph Goebbels, Wilhelm Burgdorf (Chefadjutant des Wehrmacht-Oberkommandos) und Hitler-Sekretär Martin Bormann das politische Testament des Diktators, der sich einen Tag später erschießt. Krebs wird am 1.Mai beauftragt, mit den Sowjets in Person von Generaloberst Tschuikow Verhandlungen über einen Separatfrieden zu führen. Sie scheitern nach zwölf Stunden, als Goebbels telefonisch die vom kontaktierten Stalin höchstpersönlich geforderte bedingungslose Kapitulation ablehnt. Krebs kehrt zurück in den Führerbunker, wo ihm Bormann Versagen vorwirft. Noch am späten Abend des 1.Mai nehmen sich Krebs und Burgdorf das Leben.

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