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Winterabend: „Auch Nazis aßen mit Messer und Gabel“

<p>Wer mag da Böses denken? Für das Frankenberger Organisatorenteam begrüßt Bernd Schmidt die Hamburger Philosophin Dr. Bettina Stangneth zum letzten Winterabend der Saison 2016/17 im Kleinen Heiligen Kreuz. Foto: Heine</p>

<p>Wer mag da Böses denken? Für das Frankenberger Organisatorenteam begrüßt Bernd Schmidt die Hamburger Philosophin Dr. Bettina Stangneth zum letzten Winterabend der Saison 2016/17 im Kleinen Heiligen Kreuz. Foto: Heine</p>

Goslar. Was Kultiviertheit über Moral aussagt: Beim Winterabende-Saisonkehraus hinterließ die Philosophin Dr. Bettina Stangneth Eindruck.

Von Frank Heine Mittwoch, 15.03.2017, 13:25 Uhr

Goslar. Darf man wirklich alles, wenn man es nur anständig tut? „Auch die Nazis aßen mit Messer und Gabel und applaudierten brav am Ende eines Konzertes“, warnte die Hamburger Philosophin Dr. Bettina Stangneth ihr Publikum am Dienstagabend im gut gefüllten Kleinen Heiligen Kreuz, voreilig von kultiviertem Benehmen auf moralisches Handeln zu schließen.

Böses Denken? Besser scharfes Nachdenken war beim letzten Frankenberger Winterabend der Saison angesagt. Höchst anschaulich, unterhaltsam und prägnant servierte Stangneth wohldosierte Kostproben aus ihrem Wissensfundus. Wenn etwa ein Fernreisender an die Tafel von Immanuel Kant zum Erzählen eingeladen war – der Königsberger Philosoph selbst war gesundheitlich zu schwach fürs Weltenbummeln – und Rotwein auf die weiße Tischdecke verschüttete, wie sollte die Runde reagieren?

Bestürzung? Entsetzen? Mitleid? Fremdschämen? Oder – wie Kant – einen Schluck hinzugießen und mit dem Finger Bilder malen? Wer kommt überhaupt auf die „dämliche Idee“, so Stangneth, beim Essen blütenweiße Decken auf den Tisch zu legen? Eine stete Gefahrenquelle für Peinlichkeiten, woraus sich übrigens auch das Thema des Winterabends erschloss.

Auf den Blickwinkel kommt es eben an: Ist ein Handeln nützlich, gut und richtig oder nur zum ästhetischen Bestaunen da? Drei völlig verschiedene Perspektiven, die der Mensch besser nicht durcheinander wirbeln sollte. Denn, so Stangneth: „Wir können nur sehen, was wir vorher für möglich halten.“

Ein weiteres Nazi-Beispiel: Reinhard Tristan Eugen Heydrich war Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, Stellvertreter von SS-Chef Heinrich Himmler und leitete als Verantwortlicher für die „Endlösung der Judenfrage“ die berühmt-berüchtigte Wannsee-Konferenz. Der in der Händel-Stadt Halle geborene Heydrich war aber auch der Spross eines Opernsängers und Komponisten sowie einer Musikerin. Er spielte ebenso leidenschaftlich wie herausragend Violine und war zudem ein glänzender Segler, Schwimmer und Fechter. Und er hatte „eine der elegantesten Handschriften, die ich je gesehen habe“, so Stangneth, die naturgemäß viele Quellen im Original liest. Was ist von einem solchen Menschen zu halten? Kultiviert? Eine Bestie? Alles Fragen, die sich ein vernunftbegabter Mensch durch (Nach-)Denken selbst beantworten können sollte.

Und was ist von Bettina Stangneth zu halten? Die Frau hinterließ Eindruck. Vorträge? Nur fünf bis sechs im Jahr, aber stets zum Anlass geschrieben. Insofern hatte Goslar mit seiner Strahlkraft auf das Philosophen-Kind Glück (siehe Kasten links). Mit immer demselben Papier als Referentin durchs Land reisen? „Beim zweiten Mal fängt man an zu leiern“, verriet sie am Rande der Veranstaltung. Diskussionen und Interviews? „Gerne – hinaus aus dem Elfenbeinturm, aber Fernsehen hass’ ich wie die Pest.“ Sie schreibt Bücher – intensiv, preisgekrönt, begehrt. Festanstellung an einer Uni? Braucht sie nicht, will sie nicht.

Sie trägt in Deutsch und Englisch vor, kann aber zwölf Sprachen lesen – inklusive Chinesisch, weil sie exotische Tees so gern mag und anhand der Packung wissen will, was drin ist. Ihre nächsten Buch-Projekte? Nach „Böses Denken“ kommen „Lügen lesen“ und „Hässliches anschauen“ – mindestens das Winterabend-Publikum ist gespannt.

Nicht jede, die bei den Frankenberger Winterabenden auftritt, hat solch prägende Erinnerungen an die Welterbestadt wie die 1966 in Lübeck geborene Philosophin Bettina Stangneth. Was sie mit Goslar verbindet, verriet sie dem Publikum im Kleinen Heiligen Kreuz gleich zu Beginn ihres Vortrags.

Vor mehr als 40 Jahren fuhr sie mit ihrer Tante in den Harz-Urlaub. Braunlage war das Ziel, der Goslar-Ausflug – klar – ein verpflichtender Programmpunkt. In der Kaiserpfalz geriet das Mädchen geradezu in Verzückung: „Aus dem Kaisersaal wollte ich nie wieder weg“, erinnerte sie sich an die Wislicenus-Bilder und die Geschichten, Mythen und Sagen, die sie erzählen. „In dieser Welt ging ich auf, sie schien alles Schöne, Wahre und Gute zu offenbaren“, erzählte Stangneth schmunzelnd, die in einer kleinen Ostsee-Gemeinde aufwuchs, „wo es verdächtig schien, wenn jemand am Strand ein Buch las – und besonders, wenn er noch ein zweites besaß.“

Es folgten in den Jahren viele weitere Pfalz-Termine, auch wenn Stangneth alle Geschichten schon auswendig kannte. Nach dem ersten Besuch hatte sie einen Kunstführer bekommen. Ihr bis dato letzter Goslar-Aufenthalt war ein Besuch in der Marktkirchen-Bibliothek. Er hing mit ihrer Arbeit über Immanuel Kant und einer sehr kleinen Bibel-Ausgabe zusammen. Weil das Original verschollen ist, studierte Stangneth das Goslarer Exemplar.

Stangneth, die 1997 mit einer Arbeit über den großen Königsberger Philosophen promoviert hatte, beließ es nicht beim Winterabend-Auftritt. Für gestern Vormittag waren ein Unterrichtsbesuch und Schüler-Gespräche am Ratsgymnasium angesetzt. „Ein solcher Dialog ist mir immer wichtig“, verriet Stangneth.

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