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Wiebke Siem – Einladung in eine vertraute und doch fremd Welt

Der Teppich mit Schattenwurf trägt keinen Titel; das Werk von Wiebke Siem (2014), fotografiert von Stefan Alber, ist das Plakatmotiv der Ausstellung.

Der Teppich mit Schattenwurf trägt keinen Titel; das Werk von Wiebke Siem (2014), fotografiert von Stefan Alber, ist das Plakatmotiv der Ausstellung.

Goslar. Wiebke Siem ist die Kaiserringträgerin der Stadt Goslar. Zur Verleihung wird am 11. Oktober in die Kaiserpfalz eingeladen. Im Museum erwarten die Besucher dann Wesen von einem anderen Stern.

Von Sabine Kempfer Donnerstag, 09.10.2014, 20:00 Uhr

Wiebke Siem ist eine Künstlerin, die die Fäden nicht gerne aus der Hand gibt. Auch dann nicht, wenn es um die Interpretation ihrer Werke geht: „Man sollte die Rezeption und den Umgang mit seiner Arbeit nicht dem Zufall überlassen“, äußerte sie einmal. Für die Ausstellung im Mönchehaus in Goslar hat die Kaiserringträgerin einen Leitfaden durch die Räume entwickelt, eine Lese-Anleitung für ihre Kunst. Langweilig? Gar nicht; vielleicht gehört ihr Oeuvre zu jener Art von Geheimnissen, die sogar spannender werden, wenn der Betrachter auf die richtige Fährte gesetzt wird.

Am Anfang ihrer künstlerischen Laufbahn befand sich die 1954 in Kiel geborene Bildhauerin selbst längere Zeit auf einer falschen Fährte. Aber was heißt das schon? Aus der Rückschau sind nicht selten die Fehler die Wegweiser in die richtige Richtung, so auch im Falle Siem, die erst an der Fachhochschule für Gestaltung in Kiel, dann an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg studiert hatte; dorthin kehrte sie 2002 für sieben Jahre als Professorin zurück.

Angeregt durch die Einflüsse ihrer eigenen Professoren zog sie nach ihrem Studium aus, die Kunst aus ihrem gewohnten Umfeld zu holen – mitten ins Leben hinein. Sie dekorierte Wände in öffentlichen Räumen, entwarf und schneiderte Mode, die sie selber trug oder ihre Freundinnen anzogen. Für Siem war klar, dass es sich bei dieser Art von Kleidung (Muster waren nachträglich aufgesetzt, die Anschlüsse passten nicht etc.) um Kunst handelte, die irritieren sollte; doch andere hielten es schlicht für „schlechtes Design“. Nur der Modewelt war klar, dass dies keine Mode sein konnte, bemerkte ein Autor spitzfindig.

„Jedenfalls musste ich einsehen, dass ein Kunstwerk, das nicht als solches wahrgenommen wird, keines ist. Es existiert letztendlich nicht“, sagte Wiebke Siem, die also auch nicht als Künstlerin wahrgenommen wurde. Die Sackgasse brachte den Wendepunkt, Siem wandte sich nun bewusst dem Raum zu, der eigens für Kunst geschaffen war, dem Museum, und machte es zur Bühne ihrer Werke. Ihren Kleidern und Hüten nahm sie die Tragbarkeit und erklärte sie zu Kunstobjekten, die im Museum plötzlich als solche funktionierten und ausgestellt wurden. Wie kann ein Objekt Kunst sein, wenn es nur in musealer Umgebung als solche wahrgenommen wird? Seit dieser Schlüsselerfahrung setzt sich Siem mit ihren Werken immer auch mit dem Wesen eines Museums als Ausstellungsort auseinander.

Einzelteile sind für Siem nichts ohne das Ganze: Ihre Objekte wurden in „Werkgruppen“ für die Präsentation in einem Museum konzipiert, Kleider und Hüte wirkten wie eine Kollektion, eine eigene Sammlung, alle Einzelteile neu, ohne Gebrauchsspuren, die wie etwa bei Christian Boltanski auf die Individualität und Persönlichkeit ihres Trägers hinweisen könnten – auch wenn sich die Maße der Objekte an Siems Körpergröße orientieren und sie feststellt: „Alle Objekte beziehen sich auf meine Person, sie entstammen meiner Vorstellungswelt.“

Nach ihren ersten vier Werkgruppen, die 1997 in Bern ausgestellt wurden, entwickelte Siem ihr Oeuvre logisch weiter. Immer geht es ums Figurative. Großen, noch menschlich wirkenden Figuren, die aber schon stark reduziert waren (wer erinnert sich an Barbapapa?), folgten Wesen, die nur noch ein Detail wie Füße oder Hände benötigten, um als amorph, als lebendig wahrgenommen zu werden.

Es bereitet Vergnügen, die auf den ersten Blick als Figuren wahrgenommenen Objekte auf den zweiten Blick in ihren Bestandteilen zu erkennen: Siem benutzt alte Haushaltsgegenstände als Körperteile. Ihre Nudelholzmännchen sind schlicht witzig (besonders unten), die erhobenen Hände (ein Kochlöffel mit alten Holzwäscheklammern als Finger) lassen den Betrachter schwanken zwischen Komik (wer mag sie nicht, die kleinen laufenden Tassen und Teller in Walt Disneys „Die Schöne und das Biest“?) und einem komischen Gefühl. Manche Hände sind hoch erhoben, als wäre ihnen eine Waffe an die Brust gesetzt, andere, später aus Stoff, greifen in einen leeren Raum hinein – suchen sie Halt oder wollen sie ihn geben? Sind die kleinen Wesen, die in ihrer seltsamen Form aus einem eigenen Kosmos zu kommen scheinen, dem Betrachter wohlgesonnen? Oder kommen diese Außerirdischen in feindlicher Mission? Jeden Moment könnten sie sich offenbaren, Freud oder Leid bringen – in der Kunst wie im Leben ist niemand vor Überraschungen, guten oder schlechten, sicher.

Inzwischen erweitern die Figuren eines neuen Sterns die Siemsche Formenvielfalt, es sind marionettenartige Wesen, die mit dürren Gliedmaßen wie Strichmännchen zuletzt von den Decken der Kunsthalle zu Kiel hingen.

In einer zweiten Bedeutungsebene ihrer Werke verweist Wiebke Siem auf die „Klassiker“ der männlich dominierten modernen Kunst, hinterfragt sie, deckt (Macho-)Mechanismen und Strukturen auf. Sie versucht beispielsweise, Kokoschkas weiblicher Muse eine männliche entgegen zu setzen – ein Spiel mit den Geschlechterrollen. Sie habe sich regelrecht an der Moderne „abgearbeitet“, wird der Künstlerin, die heute in Berlin lebt, bescheinigt.

Welche tragende Rolle die Geschlechter-Thematik in ihrem Werk und ihrem Selbstverständnis als Künstlerin spielt, hat Siem in ihrem Atelier in Kreuzberg Goslarer Schülern ausführlich erläutert. Die GZ veröffentlicht das Interview am Tag der Kaiserringverleihung.

Kaiserringträgerin Wiebke Siem in ihrem Kreuzberger Atelier zwischen Ausstellungsobjekten.  Foto: Kempfer

Kaiserringträgerin Wiebke Siem in ihrem Kreuzberger Atelier zwischen Ausstellungsobjekten. Foto: Kempfer

Hier hat die Frau die Hosen an: Mit ihren „Maskenkostümen“ (2001) bezieht sich Siem auf den Umgang mit außereuropäischer Kunst. Foto: Gaul/Repro: Kempfer

Hier hat die Frau die Hosen an: Mit ihren „Maskenkostümen“ (2001) bezieht sich Siem auf den Umgang mit außereuropäischer Kunst. Foto: Gaul/Repro: Kempfer

Was für ein Wesen ist der auf einer alten Kommode sitzende „Pharao“ aus dem Jahr 2005?  Foto: Kradisch/Repro: Kempfer

Was für ein Wesen ist der auf einer alten Kommode sitzende „Pharao“ aus dem Jahr 2005? Foto: Kradisch/Repro: Kempfer

Die zehn (Spiel-)Figuren mit Holzspielzeug wie aus einer Gulliver-Welt stammen aus der 4. Werkgruppe von Wiebke Siem (Puppen, Spielzeug, Teppich), die in den Jahren 1995 bis 1997 entstand und heute Bestandteil der Sammlung des Neuen Museums in Nürnberg ist.  Foto: Kradisch

Die zehn (Spiel-)Figuren mit Holzspielzeug wie aus einer Gulliver-Welt stammen aus der 4. Werkgruppe von Wiebke Siem (Puppen, Spielzeug, Teppich), die in den Jahren 1995 bis 1997 entstand und heute Bestandteil der Sammlung des Neuen Museums in Nürnberg ist. Foto: Kradisch

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