Zähl Pixel
Sammeln

Wenn Sammeln Lücken im Leben füllt

Wer die Kontrolle über seine Sammelleidenschaft verliert und wahllos zu vielen Themen sammelt, ohne den Überblick zu behalten, der könnte an einem „Messie-Syndrom“ leiden. Foto: pixabay

Wer die Kontrolle über seine Sammelleidenschaft verliert und wahllos zu vielen Themen sammelt, ohne den Überblick zu behalten, der könnte an einem „Messie-Syndrom“ leiden. Foto: pixabay

Liebenburg. Von den Überraschungseierfigürchen zu Kisten voll uralter Tageszeitungen, von den Beatles-Platten zu Müllsäcken voll kaputter Küchengeräte – der Unterschied zwischen einer Sammelleidenschaft und einem pathologischen Sammelwahn sind fließend und nicht immer leicht zu erkennen. Als Psychologin und Psychotherapeutin in der Klinik Dr. Fontheim in Liebenburg, gehört der Umgang mit krankhaften Sammlern für Meike Wiese-Naji zum Alltag. Mit GZ-Redakteurin Svenja Paetzold-Belz spricht sie über die Unterschiede.

Donnerstag, 01.03.2018, 16:05 Uhr

Liebenburg. Von den Überraschungseierfigürchen zu Kisten voll uralter Tageszeitungen, von den Beatles-Platten zu Müllsäcken voll kaputter Küchengeräte – der Unterschied zwischen einer Sammelleidenschaft und einem pathologischen Sammelwahn sind fließend und nicht immer leicht zu erkennen. Als Psychologin und Psychotherapeutin in der Klinik Dr. Fontheim in Liebenburg, gehört der Umgang mit krankhaften Sammlern für Meike Wiese-Naji zum Alltag. Mit GZ-Redakteurin Svenja Paetzold-Belz spricht sie über die Unterschiede.

Dinge zu sammeln, ist ein beliebtes Hobby bei Menschen aller Altersgruppen, Schichten, Geschlechter und Nationalitäten. Was sind die psychologischen Hintergründe dafür, dass wir so gerne sammeln?

Es ist bisher nicht genau geklärt, wann und warum im Laufe der Evolution aus der Notwendigkeit des Sammelns zum Überleben, ein Vergnügen am Sammeln geworden ist.

Heute bereitet es vielen Menschen Freude, Gegenstände zu sammeln: zum Beispiel Briefmarken, Figürchen oder hübsche Steine. Was gesammelt wird, ist eine ganz individuelle Entscheidung. Das nächste Stück für die Sammlung zu finden, ist ein konkretes und erreichbares Ziel und kann dadurch unseren Selbstwert und unser Wohlbefinden stärken. Manchmal dient das Sammeln aber auch der Kompensation einer empfundenen Leere in anderen Lebensbereichen oder in anderen Lebensphasen. Der Betroffene versucht dann, diese Leere mit Gegenständen zu füllen.

Wo ist der Unterschied zwischen einer gesunden Sammelleidenschaft und krankhaftem Sammeln?

Sammler konzentrieren sich mit ihrer Leidenschaft meist auf ein, zwei, vielleicht drei Themen. Sie haben eine Struktur oder Ordnung in ihrer Sammlung, und zeigen das Gesammelte auch oft gern her. Das Sammeln kann somit also auch eine soziale Komponente haben.

Krankhaft kann es werden, wenn zu vielen, fast wahllos wirkenden Themen gesammelt wird, oder ein Überblick über die Sammlung kaum mehr möglich ist. Pathologisches Sammeln findet also oft eher im Verborgenen statt. Das sind die zentralen Unterschiede.

Die öffentlich wohl bekannteste Form krankhaften Sammelns ist das „Messie-Syndrom“. Gibt es andere Ausformungen?

Der Begriff „Messie-Syndrom“ wird zumeist für eine Extremform des pathologischen Hortens, also für eine Art Sammelzwang, benutzt. Das kann bis hin zur Vermüllung des kompletten Wohnbereichs gehen. Das Symptom des krankhaften Sammelns und Hortens kann aber auch im Rahmen von ganz anderen Erkrankungen auftreten, zum Beispiel bei schweren Depressionen, Psychosen und demenziellen Erkrankungen.

Woran erkennt man, wer von einem krankhaften Sammelwahn, bzw. einem „Messie-Syndrom“, betroffen ist?

Die Übergänge vom leidenschaftlichen zum krankhaften Sammeln sind fließend. Dabei geht es weniger um die Menge der gesammelten Dinge, sondern eher darum, ob der Sammler noch – wie soll man sagen – Herr der Dinge ist, oder ob er die Kontrolle über das Sammeln verloren hat. Kritisch wird es vor allem, wenn andere Lebensbereiche, wie der Kontakt zu Familie oder zu Freunden, der Beruf, oder die Hobbys deutlich unter dem Sammeln leiden.

Hatten Sie schon einmal mit einem Extremfall von Sammelwahn zu tun, an den Sie sich besonders erinnern?

Das ausgeprägte Sammeln von Dingen begegnet uns sowohl im stationären als auch im ambulanten Behandlungsalltag als Psychotherapeuten immer wieder – bei Patienten mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Beeindruckend ist es, wie die Patienten es im Laufe der Behandlung schaffen, die Energie, die sie bisher für das Anhäufen von Gegenständen benötigten, in neue, ganz andere und konstruktive Bahnen umzuleiten. Das ist immer wieder spannend und toll zu sehen.

Immer wieder hört man von angehäuften Besitztümern als “Ballast für die Seele“. Sie als Psychologin: Als wie gesund schätzen Sie Sammeln im nicht wahnhaften Rahmen ein? Oder ist es vielleicht gesünder, sich öfter mal von seinen gesammelten Dingen zu trennen?

Das kommt darauf an: Sollen die Gegenstände eine Lücke im Leben füllen, können sie auf jeden Fall zum Ballast werden, da sie einen angemessenen Umgang mit bestehenden Problemen nicht ersetzen können. Solange das Sammeln aber als angenehm erlebt wird, und keine negativen Konsequenzen hat, spricht überhaupt nichts dagegen, dass die Menschen dieser Leidenschaft nachgehen.

Meike Wiese-Naji

Meike Wiese-Naji

Die Redaktion empfiehlt
Diskutieren Sie mit!