Was GZ-Redakteure auf der ersten Kneipentour nach drei Monaten Shutdown erleben
<p>Im „Bauernstübchen“ und im „Hubertuseck“ (kleines Bild) laufen die Zapfhähne wieder, auch wenn normaler Kneipenalltag noch weit entfernt ist. Fotos: Sowa</p>
Was habe ich falsch gemacht?“ Als wir am Dienstag um 17.30 Uhr mit Block und Stift in der Hand das „Bauernstübl“ am Jakobikirchhof betreten, schaut Bedienung Marta mit großen Augen über ihren Zapfhahn. „Gar nichts“, sind wir um schnelle Aufklärung bemüht. Unsere erste Kneipentour seit dem Corona-Shutdown, das ist eigentlich alles, was wir im Sinn haben. Wir finden ein Plätzchen im schummrigen Stübl und ordern das erste Bier des Abends.
Seit Montag können Kneipen und Bars in Niedersachsen wieder Gäste empfangen. Für die Wirte endet damit eine fast dreimonatige Zwangspause. Während Restaurants bereits Mitte Mai die Türen wieder öffnen konnten, mussten Kneipiers sich noch vier Wochen länger gedulden.
Grund ist zu viel potenzielle Geselligkeit, oder wie Landkreis-Sprecher Maximillian Strache es ausdrückt: „Bars und Kneipen verfügen unter Umständen über eine Tanzfläche, eine Bühne für Konzerte oder ähnliche Einrichtungen, bei denen sich Menschen gegebenenfalls näherkommen, als dies in einer Speisewirtschaft der Fall ist.“ Während man im Restaurant vor allem essen möchte, gehe es beim Kneipenbesuch eher um Unterhaltung. Deshalb waren die Kneipen länger zu, deshalb hätten „Clubs, Diskotheken oder auch Shisha-Bars“ weiterhin geschlossen.
Das GZ-Team aus Hendrik Roß (li.) und Sebastian Sowa geht auf Kneipen-Tour in Goslar. Foto: Privat
Im „Bauernstübl“ ist das Eis jedenfalls auch mit Abstandsregeln und Haushaltsgrenzen an den Tischen schnell gebrochen: Mit uns sitzen Carsten, Wolfgang und sein Sohn Marvin in der Raucherkneipe. Getrunken wird frisch Gezapftes. Oder auch mal ein Lütter zwischendurch. Regel Nummer eins: Mehr als die Vornamen braucht man hier nicht. Das klingt sympathisch. Die Menschen kennen sich, die Frotzeleien untereinander nehmen kein Ende.
Der Tresen ist Sperrgebiet. „Wir hatten erst Hocker aufgestellt, dann aber wieder abgebaut“, verrät Bedienung Marta. Ob die Existenz des „Bauernstübchens“ durch den Shutdown bedroht war oder ist? Marta schüttelt den Kopf. Die Kneipe gebe es schon seit über 50 Jahren, verrät Wolfgang. Die könne so schnell nichts umhauen.
Gepflegte Unterhaltung klappt hier auch über die Tische hinweg. Natürlich geht es nicht ohne das Thema Corona. Carsten daddelt am Spielautomaten und regt sich über die Familienfeste in Göttingen auf, bei denen sich etliche Menschen mit dem Virus angesteckt hatten. Und er glaubt nicht an die Zukunft des Modells Gaststube: „Wir sind die letzte Kneipengeneration“, ist der Mann, Baujahr 1960, überzeugt. Dann gesellt sich auch Birgit hinzu, sie hat vorher an einem der Tische draußen gesessen. Ein „Kind dieser Stadt“ sei sie und referiert über die Zeit „als es allein auf der Breiten Straße zwölf Kneipen gab“. Nun ja, bevor wir noch versacken, sagen wir leise Servus. Noch ein Kleines zum Abschluss und wir machen uns auf dem Weg zum „Bierbrunnen“ am Marktplatz.
Die sechs Tische vor dem Lokal sind belegt. Ein gutes Zeichen? Die Wirtin schaut skeptisch. Als wir nach drinnen gehen, wissen wir auch, warum. Die lange Theke in der Kneipe ist verwaist. Normalerweise tummeln sich dort bis zu 50 Besucher dicht an dicht gequetscht, um die nächste Runde zu bestellen. Schon wieder ein leerer Tresen. Muss das so sein? Auf Nachfrage erklärt Landkreis-Sprecher Strache, dass die entsprechende Verordnung des Landes zwar einen Abstand von zwei Metern zwischen Tischen vorsehe. Von Theken und Tresen sei aber keine Rede – Gästebewirtung sei also möglich, jedoch sollte der Personenabstand eingehalten werden, es sei denn, Personen aus maximal zwei Hausständen sitzen zusammen – alles nicht so einfach.
Kneipentour
Im hinteren Bereich des „Bierbrunnens“ sind zwei Tische besetzt, Geburtstag wird gefeiert. Irgendwann bringt die Chefin ein Tablett mit Schnäpsen und singt ein polnisches Geburtstagslied. Sie ist im Stress, hält den Laden ganz alleine am Laufen, um die Ertragskurve wieder etwas nach oben zu treiben. Viel Zeit zum Reden hat sie verständlicherweise nicht.
Im „Bierbrunnen“ ist es ohnehin etwas leiser als im „Bauernstübl“, im Dämmerlicht sitzen wir auf unseren Hockern und bekommen nicht mit, wie draußen fast die Welt untergeht. Ein Regenguss wie er im Buche steht zwingt uns in eine Extra-Runde. Dann geht es für das große Finale in Richtung „Hubertuseck“.
Hier bedienen Derya und Robert die Gäste. Beide sind froh, dass es wieder losgeht. Und das sieht man auch. Das Theken-Duo zapft hinter durchsichtigen Plastik-Masken. „Uns ist es wichtig, dass unsere Gäste uns erkennen“, verrät Robert. Ein feiner Zug. Und der nächste folgt sogleich: Zur Feier des Tages lässt er einen Southern Comfort mit Ginger Ale springen und wir fühlen uns direkt 20 Jahre jünger.
Drinnen wird gedartet. Da im Innenbereich alle Tische belegt sind, schnappt sich Robert Desinfektionsmittel und einen Abzieher und macht uns einen Tisch auf der nassen Terrasse sauber und trocken. Der Regen ist vorbei, die Abendluft lau und angenehm.
Wir kommen mit Anneke ins Gespräch. Mit Abstand prosten wir uns zu. Die junge Frau entpuppt sich als Handy-Expertin, die fast jedes Gerät reparieren kann. Da haben wir am Schluss unserer Tour doch tatsächlich noch etwas gelernt.
Einige Lokale konnten wir nicht besuchen. Die Szene-Kneipe „Köpi am Markt“ hatte am Dienstagabend geschlossen. Ab Donnerstag will Chef Lars Piko den Innenbereich öffnen. Von der momentanen Situation ist der Kneipier, der bereits seine Terrasse für Gäste öffnet, etwas genervt: „Meine Gäste müssen lernen, dass es diese Regularien gibt und das ich sie mir nicht ausgedacht habe, um sie zu ärgern.“ Piko hofft auf baldige Normalität: „Eines steht fest, bei einem weiteren Shutdown müssten wir das Köpi wahrscheinlich für immer schließen.“ Das „Kö“ an der Marktstraße hat bekannt gegeben, am 24. Juni wieder öffnen zu wollen – wahrscheinlich mit neuen Öffnungszeiten: mittwochs bis samstags ab 16 Uhr.
Es bleibt die Erkenntnis, dass die Kneipenszene nach dem Shutdown noch weit weg ist von Normalität – aber ein erster Schritt in diese Richtung ist jetzt erfolgt.
Von Hendrik Roß und Sebastian Sowa