Wann beginnt eigentlich die „Verbeigung“?
Als gebe es ein ungeschriebenes Gesetz, eine Kleiderordnung, einen geheimen Dresscode, dem sich alle Senioren beugen müssen: Mit Eintritt ins Rentenalter hat man sich von Kopf bis Fuß in Beige zu kleiden. Von der Schiebermütze, hin zur Weste bis zum orthopädischen Schuh – die komplette „Verbeigung“ eben. Wo ist dieser Laden, der mit beigen Windjacken und Hosen im Schaufenster wirbt? Wer sagt: „Bringen Sie mehr Beige in ihr Leben“? Warum nur greifen so viele Senioren – natürlich nicht alle – zu Kleidung in Eierschale, Creme und eben Beige?
Eine Frage, die inzwischen auch Wissenschaftler beschäftigt. Angeblich signalisieren Senioren mit hellen Farben Kommunikationsbereitschaft. Andere Studien kommen zu der Erkenntnis, dass ältere Menschen in ihrer Umgebung nicht auffallen wollen und sich daher in eine Art „beigen Tarnumhang“ hüllen. Letzteres kann laut Polizei sogar eine Gefahr im Straßenverkehr darstellen: Wer sich tarnt, wird von Autofahrern leicht übersehen. Nun stellt sich die Frage, beginnt die „Verbeigung“ tatsächlich erst mit dem Rentenalter? Ich sage: Nein. Die „Verbeigung“ schleicht sich schon viel früher, etwa mit Mitte 20, in unser aller Leben, und zwar auf eine ganz subtile, hinterhältige Art und Weise. Beige kommt nämlich nicht als Beige daher, sondern tarnt sich geschickt in Taupe-, Nude- oder Mud-Töne und gelangt somit in die Kleiderschränke. Bei mir begann die „Verbeigung“ ganz harmlos im Herbst vor fünf Jahren. Ein klassischer Trenchcoat, den ich noch heute gerne trage, hatte es mir angetan. Und weil der hellbraune Schal so gut dazu aussah, wurde er damals gleich mitgekauft ... die Falle schnappte zu. Tja, und nun? Nach dem Trench folgte irgendwann eine Chino-Hose in „Sand“, neulich eine Strickjacke in harmlosem Hellbraun und letzte Woche, da hat es mich zu einem Wollmantel in „Camel“ hingerissen. Gut, dass ich aktuell von einer kompletten „Verbeigung“ nicht bedroht bin. Eine Woche lang muss ich nämlich noch mein Projekt „30 Tage das gleiche schwarze Kleid tragen“ durchziehen. Das Kleid jeden Tag etwas anders aussehen zu lassen, ist zwar nicht immer einfach und nervt manchmal, aber die Tatsache, dass man morgens nicht lange überlegen braucht, was man heute anzieht, ist doch ganz praktisch. Das Ergebnis gibt es auf der nächsten Modeseite.