Uhrmacher Torge Berger ist ein weltweit begehrter Experte
Das Pivofix ist ein seltenes und gesuchtes Uhrmachergerät. Es wird zum Polieren von winzigen Teilen benutzt.
Bad Grund. Torge Berger muss beruflich mit allerlei Komplikationen und Hemmungen fertig werden. Durch eine Lupe betrachtet er sein oft winziges Tagewerk, muss mit unendlicher Geduld und größtem Fingerspitzengefühl herangehen, denn schon kleinste Fehler können ihm viele Stunden Arbeit ruinieren: Torge Berger ist Uhrmacher, hat sein Handwerk in der ältesten deutschen Schule seiner Zunft gelernt und ist seit Jahren ein Meister seines Fachs.
Bad Grund. Torge Berger muss beruflich mit allerlei Komplikationen und Hemmungen fertig werden. Durch eine Lupe betrachtet er sein oft winziges Tagewerk, muss mit unendlicher Geduld und größtem Fingerspitzengefühl herangehen, denn schon kleinste Fehler können ihm viele Stunden Arbeit ruinieren: Torge Berger ist Uhrmacher, hat sein Handwerk in der ältesten deutschen Schule seiner Zunft gelernt und ist seit Jahren ein Meister seines Fachs.
Komplikationen und Hemmungen sind sein Metier: „Komplikation ist eine Baugruppe in einem Uhrwerk“, erklärt er. Eine einfache Räderuhr mit einem mechanischen Werk benötigt lediglich zwei Zeiger. Der zentrale Sekundenzeiger ist eigentlich schon ein Extra, der die Angelegenheit in Gestalt von zusätzlichen Zahnrädern verkompliziert. Die Hemmung teilt die Kraft des Aufzuges in gleichmäßige kleine Abschnitte. „Jeder Tick der Uhr ist ein Stück Kraft“, sagt Berger. Damit eine Uhr regelmäßig geht, muss ihr Räderwerk paradoxerweise regelmäßig anhalten. Dafür sorgt der Gangregler, das wesentliche Element der Hemmung.
Der Uhrmachermeister hat sich auf hochpreisige Armbanduhren spezialisiert. „Ich biete Service für Rolex und Omega an und besorge Sammleruhren auf Bestellung“, umreißt er sein Geschäftsfeld. Der Windhäuser betreibt neben seiner Werkstatt auch das Uhrenmuseum in Bad Grund, in dem die beeindruckende Sammlung seiner Eltern ausgestellt ist. Ihr Ursprung geht in die 50er Jahre zurück. „Seit ich denken kann, habe ich mit Uhren zu tun. Ich habe das quasi mit der Muttermilch aufgesogen.“
Mit 16 begann er die Ausbildung in Furtwangen im Schwarzwald. Dort ist seit 1850 die älteste Uhrmacherschule Deutschlands, die Robert-Gerwig-Schule. „Den Meister habe ich in Glashütte gemacht.“ Der Name lässt Uhrenkenner aufhorchen: Seit 1845 ist das Handwerk dort ansässig, und nach der Wende blühten dort wieder Armbanduhrmanufakturen auf, die Werke in feinster Qualität herstellen.
Berger hat sich auf alte bis antike Exemplare spezialisiert, was ihm in seinem hierzulande recht seltenen Beruf ein gutes Auskommen sichert. „Meine Ausbilder waren Restauratoren im Mathematisch-Physikalischen Salon in Dresden und Konstrukteure bei Lange und Söhne. Diese Leute beherrschen noch alte Fertigungstechniken und haben ein Gefühl für das Handwerk“, sagt er. „Es war mein Ziel, mich auf alte Uhren zu spezialisieren.“ Als Reparateur alter Chronometer hat sich Berger einen Namen gemacht. Seine Kunden kommen aus ganz Europa, und auch mit Sammlern in den USA steht er in Geschäftskontakt. Die Uhren, an denen er in seiner Werkstatt arbeitet, sind zwischen 50 und 300 Jahre alt.
„Kunden kommen auch zu mir und bitten mich, eine bestimmte Uhr zu suchen.“ Vor Kurzem war er in Genf, wo im Frühjahr und Herbst die wichtigen Auktionen laufen. Phillip’s, Sotheby’s, Christie’s und Antiquorum handeln dort. Berger pflegt Kontakte und beobachtet den Sammlermarkt. Der Armbanduhrenanteil auf diesen Versteigerungen mache inzwischen 95 Prozent aus. Luxusuhren sind längst eine Investition mit guter Renditeaussicht, eine Geldanlage – und auch Spekulationsobjekte. „Bestimmte Heuer-Uhren sind in den letzten Jahren von 3000 auf 30.000 Euro gestiegen.“ Gleichwohl gebe es unter den zahlungskräftigen Käufern und Sammlern einen großen Anteil von ausgesprochenen Liebhabern. „Die meisten Uhrensammler haben einfach Spaß daran“, weiß der Windhäuser.
17,75 Millionen Dollar – so viel wurde vor einiger Zeit bei einer Versteigerung für eine Rolex gezahlt: die teuerste Armbanduhr der Welt. Und dabei sei das Modell Daytona Referenz 6239 gar nicht einmal besonders selten. Es ist der Vorbesitzer, der ihren herausragenden Wert bedingt: Die Daytona schmückte das Handgelenk von Schauspieler-Legende Paul Newman.
„Es gibt sehr unterschiedliche Gründe für den Wert verschiedener Modelle“, erklärt der Experte: Seltenheit und Zustand spielen eine große Rolle, Originalität oder eben berühmte Besitzer. „Am teuersten sind ungetragene Exemplare in der Box, am besten mit Zertifikat.“ Diese besondere Qualität wird als „new old stock“, kurz „nos“ bezeichnet. „Dann ist eine Uhr gleich mal 10.000 Euro teurer. Das ist schon verrückt.“
Preise ergeben sich auch aus Nuancen des Gehäuses, ob es etwa einen Schraubboden hat oder nicht. Mitunter sind es Kleinigkeiten, die eine bestimmte Uhr für Sammler begehrenswert machen: „Bei Rolex-Modellen gibt es manchmal Besonderheiten bei der Schriftart oder der Anordnung auf dem Ziffernblatt“, erläutert er.
Woher kommt die Faszination für Uhren? „Zeitmessung ist ein menschliches Streben seit 5000 Jahren“, sagt Berger. Außerdem sei es die Präzision, die Qualität der Konstruktion und deren kunsthandwerkliche Ausführung, die mechanische Uhren zu etwas Besonderem machen. Eine Vorliebe hat der Uhrmacher für Präzisionspendeluhren. „Die machen mir Spaß“, sagt er. „Was vor 150 Jahren ohne Strom, ohne elektrisches Licht an Präzisionsarbeit geleistet wurde, ist außergewöhnlich. Die Passgenauigkeit der Teile entspricht heutiger CNC-Technik, nur dass hierbei jedes Teil individuell an das nächste angepasst wurde.“
In der Regel werden die Dinge komplizierter, je kleiner die Uhren sind. So muss der Uhrmacher seine Werkstücke oftmals durch die Lupe betrachten und mit winzigen Instrumenten zu Werke gehen. „Je kleiner die Uhr, desto geringer sind die Toleranzen. Komplizierte Taschenuhren mit Vollkalender, Mondphase und Schlagwerk haben manchmal 300 bis 400 Teile. Und jedes kann eine Fehlerquelle sein“, sagt der Uhrmacher und betont: „Man braucht ruhige Hände und ein gutes Auge, man braucht Ruhe und Geduld. Es geht um Hundertstelmillimeter. Wenn man beim Feilen eines Teils einmal zu viel drüber geht, kann es schon vorbei sein. Und man hat vielleicht schon sehr viele Arbeitsstunden investiert.“
Wenn Berger einen Uhrendeckel öffnet, ist er auch nach 20 Berufsjahren noch manchmal erstaunt: „Das Prinzip einer Uhr wiederholt sich zwar, aber es gibt unheimlich viele Wege, zum Ziel zu kommen.“ Immer wieder trifft er auf neue, andere Konstruktionsweisen: Gerade Objekte, die 200 Jahre oder älter sind, seien jedes Mal individuell konstruiert worden. Das waren keine industriellen Serienprodukte. „Ich muss mich jedes Mal aufs Neue damit auseinandersetzen, begreifen, wie es funktioniert, wo ein Fehler liegen könnte. Es kommt relativ häufig vor, dass man Dinge sieht, wo wieder ein anderer Weg gefunden wurde. Ich lerne nie aus, und gerade das macht es sehr spannend.“
Fehlerhafte Teile kann er nicht einfach im Großhandel bestellen: „Wenn etwas kaputt ist, muss ich das Teil nachbauen.“ Kürzlich hatte er eine 200 Jahre alte Tischuhr von Lepante, einem berühmten Pariser Uhrmacher, zum Restaurieren in seiner Werkstatt. „Die ganze Hemmungspartie soll ausgetauscht werden“, erläutert er. In diesem Fall ist das eine besonders komplizierte Baugruppe. „Sie wurde mal gewechselt, der Kunde, ein US-Amerikaner, möchte es aber wieder im Original.“ Die alten Bauteile aufzutreiben sei unmöglich, „es waren damals schon Einzelanfertigungen.“ Es sei die aufwendigste Restaurierung, die er bisher ausgeführt hat.
Sein handwerkliches Können hat sich in Fachkreisen herumgesprochen. Geplant sei eine Zusammenarbeit mit der Firma Bjerke aus Oslo, dem größten Uhrenhändler in Skandinavien mit einer fast hundertjährigen Tradition. „Der Werkstattleiter Thomas Björnstat macht gern Urlaub im Harz, so habe ich ihn kennengelernt“, erzählt der Windhäuser. „Die haben großen Bedarf nach der Restaurierung alter Taschenuhren.“
Es mag Zeitgenossen geben, die würden einem Tobsuchtsanfall kriegen, wenn sie nach vielen Stunden Arbeit wieder von vorn anfangen müssten, weil sie einen Hundertstelmillimeter zu viel abgefeilt haben. Nicht so Torge Berger. Er sagt, dass er ein ruhiger und zufriedener Mensch sei. Vielleicht bringt das sein Beruf einfach mit sich, vielleicht ist es auch die wichtigste Voraussetzung. „Laut einer wissenschaftlichen Umfrage gehören Uhrmacher zu den ausgeglichensten Menschen, weil sie bei ihrer Arbeit immer wieder kleine Erfolgserlebnisse haben. Und wenn es ruhig ist, ist es fast eine meditative Arbeit.“
Doch obwohl er ein Meister seines Faches ist und eine hervorragend ausgestattete Werkstatt besitzt – eine Sache hat er bislang nicht geschafft: „Mein Traum ist, mal eine Uhr selbst zu bauen“, erzählt der Uhrmachermeister. „Aber dafür fehlt mir die Zeit.“
<p>„Es geht um Hundertstelmillimeter“: Uhrmachermeister Torge Berger in seiner Werkstatt in Bad Grund. Fotos: Martin Baumgartner</p>
Hochpreisig: Das Uhrwerk einer Omega Seamaster.