Tom Fricke dreht jeden rollenden Stein um
Rekordverdächtig: Zusammen kommt diese internationale Truppe mit Thomas Fricke aus Harlingerode (2.v.li.), hier im Herbst 2017 in der Amsterdam Arena, auf geschätzte 2500 Besuche bei Konzerten der Rolling Stones. Fotos: Privat
Bad. Harzburg. Wenn Thomas Fricke (51) aus Harlingerode, genannt „Tom“, dieser Tage draußen vor einer Kneipe in der Fußgängerzone ins Quatschen kommt, kann die Welt entrücken. So sehr, dass man nicht merkt, wie die Leute am Nachbartisch näher rutschen.
Und wenn Tom dann weiter über rockende und rollende Steine plaudert, kann es sein, dass ein älterer Herr fragt: „Entschuldigen Sie, müsste man Sie kennen? In welcher Band spielen Sie?“
Tom deutet auf die rote Zunge auf seinem T-Shirt: „Ich spiele da nicht, aber es hat mit denen zu tun.“ Prompte Gegenfrage: „Sind Sie denn im Management der Rolling Stones?“ Ist er nicht. Tom geht zur freundlichen Gegenoffensive über: „Machen Sie Urlaub in Bad Harzburg?“ – „Ja“, sagt der Herr, „wir sind aus Frankfurt/Oder.“ – „Kenne ich“, meint Tom. „Tatsächlich?“ ist der Urlauber entzückt. „Ja“, sagt Tom, „da bin ich neulich durchgekommen. Auf dem Rückweg vom Stones-Konzert in Warschau.“
Endlich. Jetzt sind wir endlich dort, wo wir zu Beginn hin wollten: Fricke war im Sommer beim bislang letzten Konzert der ältesten Rockband der Welt, die zu viert 294 Lebendjahre buckelt. 8. Juli – PGE Narodowy Stadium, Warschau. Und nicht nur dort, sondern bei 100 und ein paar Live-Gigs der Stones mehr.
Hundert und so. Genauer weiß Fricke es nicht, und so beeindruckend findet er es auch nicht: „Sind schon ein paar im Hunderter-Klub...“ Auch in Norddeutschland? „Na ja, da weniger“, räumt der gebürtige Vienenburger ein, der einst – man mag es nicht glauben – via Beatles zu den Stones gelangte. Es muss Mitte der Siebziger gewesen sein, als Mutter Fricke, Mitglied im Bertelsmann-Buchclub, ihrem früh pubertierenden Sohn auf der Breiten Straße in Goslar eine Beatles-LP kauft. Der hört sie und stutzt: Das ist doch nicht Ringo Starr... Es zeigt sich, dass die Scheibe von der Beatles Revival Band stammt. Den folgenden Familienfrust mischt Frickes ältere Cousine noch mit der Prognose auf, man solle doch erst mal abwarten, bis der kleine Thomas die Stones gehört habe...
Die Cousine soll recht behalten. Tom verfällt den Rolling Stones, weil er sich irgendwann in deren Anfänge reinkniet und buchstäblich jeden rollenden Stein umdreht: die auf die Bühne kommen, als er noch nicht geboren ist. Die aus dem R&B eines Muddy Waters und dem Rock’n’Roll eines Chuck Berry einen eigenen aggressiven Sound entwickeln – als „böses“ Gegenstück zu den Beatles. Für den kleinen Tom ist die musikalische Glaubensfrage schnell geklärt. Bei einer Schulfahrt in den Siebzigern trägt er im Braunschweiger Dom ins Besucherbuch ein: „Mein Glaube ist Chuck Berry.“ Und die Stones sind die Dosenöffner: „Sie haben mir den Blues und Rock’n’Roll aufgemacht.“
Es soll bis 1990 dauern, Fricke ist inzwischen 24, bis er seine Idole live sieht. „Das lag daran, dass die Stones acht Jahre kein Konzert in Deutschland gaben. 1982 waren sie in Hannover, aber da war für mich als 15-Jährigen der Ticketpreis zu teuer.“ Erst danach kommt der Harlingeröder ins Rollen, die eigene Existenz zu sichern. 20 Jahre arbeitet er als Croupier in der Spielbank – die ersten zehn im „Harzburger Hof“. Heute ist Fricke beim Harzburger Schankanlagen-Spezialisten Harald Karow beschäftigt.
Bei der Live-Premiere auf derUrban-Jungle-Tour muss es nach so langer Entbehrung doppelt sein: Am 23. und 24. Mai 1990 ist Fricke im Niedersachsenstadion in Hannover. Am Anfang reist er in der Gruppe, heute meist allein. Anschluss findet der unverheiratete Harzer längst überall – die Hardcore-Fans kennen sich querbeet über den Globus. Doch damals zählt das Gruppenerlebnis, meist mit Leuten aus der Harzer Szene. Dass Gitarrist Fricke auch himself Mucke macht, versteht sich ja von selbst. Er gründet „The Breeze“, führt „Two Generations“ mit Rolf Vasel, der heute „Popchor’n“ dirigiert und 2014 bei der Abriss-Party für die Goslarer Gammelmauer dabei ist. Wie ebenso Fricke mit dem „Hans Hirschmann’s Trio“. Lange spielt er auch bei „Crosstown Traffic“ um Drummer Maik Herrmann, der jetzt eine Event-Agentur in Harzburg leitet.
Einige sind dabei, als Fricke & Co. 1990 zum DDR-Konzert der Stones auf der Radrennbahn in Berlin-Weißensee in den Osten aufbrechen. Dazu Leute wie Folk-Gitarrist Peter Kerlin, der es auch auf mittlerweile rund 75 Live-Konzerte bringt und es als „Yellow Bannerman“ mit Fan-Beziehung zu Ron Wood auf die Stones-Homepage schafft. Für die DDR-Auftritte am 13./14 August ist aus den USA die „Steel-Wheels“-Bühne eingeflogen worden. Die Harzer arbeiten sich bei 32 Grad Celsius bis in die zweite Reihe vor.
Ein Trio bleibt zum zweiten Gig am nächsten Tag. Fricke hat Schlaf unter freiem Himmel an einem verschwiegenen Fleckchen am Wannsee-Strand vorgeschlagen – er kenne die Gegend von einem Fußball-Austausch her. Also 30 km Anfahrt mit dem Frickeschen Opel Kadett C, hingehauen und gepennt. Am nächsten Morgen geweckt durch eine badelustige Berliner Familie mit zeternden Gören. Zurück nach Weißensee. Diesmal Starkregen beim Konzert. Völlig durchnässt hängt Fricke seine Jeans zum Trocknen über die Wagentür. Dabei hat er getreu dem Motto von Conny Froboess nur noch eine Badehose eingepackt, ein Shirt und... Cowboy-Stiefel. „Mit meinen nassen Locken dazu sah ich von hinten aus wie eine Transe.“ Dennoch lehnt Fricke das Angebot eines DDR-Freaks ab, seine nasse Levis gegen eine Jeans vom VEB Baumwolle einzutauschen.
Das Leben on the road bleibt. So übernachtet Fricke auch 2003 während der Licks-Tour in London an der U-Bahn-Station Tottenham Court Road, um am nächsten Morgen Tickets fürs Konzert im Astoria Theatre die Ecke rum zu kaufen. Das misslingt, frustriert sucht Fricke am Konzertabend einen Pub in der Nähe auf. Bis die Tür auffliegt und ein ganzer Schwung an Stones-Töchtern die Theke entert. Rollenden Nachwuchs gibt’s über die Jahre reichlich, allein Mick Jagger hat acht Kinder mit fünf Frauen. „Ich könnte heulen, dass ich den Girls bei ihrem Abflug aus der Kneipe nicht gefolgt bin“, sagt Fricke heute. „Die hätten mich doch bestimmt ins Theater gebracht...“
Lehrgeld. Doch längst hat Tom Fricke es in den Dunstkreis der Band gebracht. Kein Wunder, denn man trifft immer wieder auf die gleichen Leute im Staff – ob Management, Security, Gastmusiker oder familiäres Bodenpersonal. Das muss auch so sein beim exzessiven Konzertgänger Fricke, denn ohne gute Beziehungen wären Top-Plätze bei den saftigen Ticketpreisen nicht mehr zu stemmen. Für den „Pit“, den an die Bühne grenzenden Bereich, werden bei der „No Filter“-Tour 2017/18 offiziell rund 700 Euro verlangt. Dann kommen abgestufte VIP-Bereiche und eine geschlossene Sitzplatzzone (auch Fans werden älter), bevor es auf die „billigen Plätze“ ohne Reservierung geht.
Als Mitglied im inneren Fan-Zirkel senkt Fricke die Kosten. Nicht immer endet es in der heiligen Zone hinter der Bühne, im Backstage-Bereich. Doch im Herbst 2017 ist auch das so weit: Fricke ist nach Paris gereist, wo mit dem Stones-Konzert die neue U Arena, Rugbystadion für 40.000 Besucher, eingeweiht wird. Das riesige Gelände steigert auch das Kreativpotenzial des 51-Jährigen, nach einigen Irrungen und Wirrungen findet er sich backstage wieder. Details mag er nicht preisgeben, bevor „es da Nachahmer gibt“.
Das hört sich nicht unbedingt nach Fan-Solidarität an. „Nur im Idealfall gibt es ein Geben und Nehmen unter den Fans“, räumt Fricke ein. Ansonsten dominiere die volle gesellschaftliche Bandbreite, wo man sich „auch schon mal das Schwarze unter den Nägeln nicht gönnt“. Was nicht ausschließt, Freunde zu haben, enge Freunde.
Frickes größter ist Tony, gebürtiger Österreicher, der in Kalifornien lebt. Er lernt ihn 2003 in einer Hotelbar in Dublin kennen, als ein geplatzter Zechtermin im Londoner Landmark-Hotel mit dem Stones-Gitarristen Blondie Chaplin nachgeholt wird. Fricke kennt weitere aus dem Tross, ob es nun Keyboarder Chuck Leavell ist, der sich ab und zu um Tickets kümmert. Oder Sally, die Frau von Ron Wood, die ihm ein Plektron mit Namenszug vom Gatten besorgt. Ein anderes Plättchen für die Gitarren-Saiten von Keith Richard steuert Jagger-Choreograph Chucky Klapow bei. Hübsche Devotionalien, die sich auch im Stones-Museum von Ulli Schröder (Artikel unten) gut machen würden.
Doch Fricke ist kein Buchhalter der Nostalgie, eher ein Improvisateur des Augenblicks: „Ich würde mich nie mit Keith Richards am Tresen aufbauen, um ein Selfie von uns zu schießen. Aber ein Bier, das würde ich mit dem Typ trinken.“
Was also treibt den Tom aus dem Harz immer wieder zu den Gigs der rollenden Veteranen? Fricke versichert: „Für mich ist jedes Stones-Konzert wie das erste.“ Wenn er in eine große Halle hineinkomme, dann „ist das meine Meditation“, ergänzt er. Und gibt zu, dass dies natürlich alles „mega-subjektive Wahrnehmung“ sei. Zugleich glaubt er aber, dass es den Energie-Austausch zwischen den Rolling Stones und ihren Fans tatsächlich gibt.
Stilecht mit Stones-Zunge: Thomas Fricke ist beim Konzert in seinem Element.