Ticket zu groß: Elfjähriger Schüler wird des Schwarzfahrens verdächtigt
Ein Elfjähriger bekommt Ärger wegen eines zu großen Bustickets. Archivfoto: Epping
Goslar. Vorhang auf für eine skurrile und dennoch wahre Busgeschichte: Hauptdarsteller sind die beiden auf Goslars Straßen fahrenden Unternehmen Stadt- und Harzbus sowie ein elfjähriges Kind, das ungerechtfertigterweise des Betrügens verdächtigt wurde. Auslöser waren Irritationen über ein falsches Fahrkartenformat.
Stadtbus-Geschäftsführerin Anne Sagner spricht mittlerweile von einer „unglücklichen Verkettung von Ursachen“, die den ganzen Vorgang, der am Ende „in beiderseitigem Einvernehmen“ aufgelöst wurde, ins Rollen gebracht hatte. Harzbus-Sprecher Oliver Blau erwähnt ein fehlendes Software-Update für die Ticketdrucker, das mittlerweile installiert sei, „so dass das Problem nicht mehr auftreten wird“.
Doch der Reihe nach: Die Goslarerin Stefanie Jones hatte sich an die GZ gewandt, weil ihr Sohn Anfang März auf dem Schulweg eine unschöne Erfahrung im Stadtbus gemacht habe. Da er den Bus nur unregelmäßig nutzt, habe Jones beim Harzbus-Service Center am Hotel „Der Achtermann“ bereits im August 2019 eine 10er-Karte gekauft, die derElfjährige für seinen Schulbus nutzen kann (die Tickets gelten sowohl bei den Harzbus- als auch den Stadtbus-Linien). Nun habe das Kind seine Karte entwerten wollen, was jedoch daran scheiterte, dass das Ticket zu breit für den Automaten war und geknickt werden musste. Der Busfahrer habe das gesehen und den Elfjährigen „angemault“, ob er das denn öfters mache. Nach genauerer Kontrolle des Tickets habe der Fahrer dann moniert, dass das Ticket ja bereits im August 2019 gekauft und somit ungültig sei. Der Elfjährige habe seine Adresse auf dem Fahrschein notieren müssen und sei nach der Schule völlig aufgelöst nach Hause gekommen, schildert die Mutter. Dazu sei er noch vom Regen durchnässt gewesen, weil er den Nachhauseweg von der Schule nach der morgendlichen Erfahrung lieber zu Fuß hinter sich gebracht hatte.
Stefanie Jones konnte die Sache nicht nachvollziehen und nahm Kontakt zu den Stadtwerken auf, die den Stadtbus betreiben. Vor Ort habe sie die Sache klären können, wohl gerade noch rechtzeitig. Denn das Schreiben mit der Aufforderung einer Strafzahlung von 60 Euro war bereits verfasst. Zudem habe man sie darauf hingewiesen, dass sich man beim Knicken eines Fahrscheins der Urkundenfälschung schuldig machen würde. Vor allem diese Bemerkung habe sie als „Frechheit“ empfunden, da das zu breite Ticket ja sonst nicht in den Entwerter gepasst hätte. Um „etwas in der Hand zu haben“ nahm Jones den Stadtwerke-Brief mit, auch wenn er seine Gültigkeit verloren hatte. Nach einem genaueren Blick regte sie sich dennoch über die Formulierung des Schreibens auf, schließlich hatte ihr Kind nichts falsch gemacht. An keiner Stelle ist von einer Möglichkeit zur Stellungnahme die Rede, stattdessen wird gleich mit einem Strafantrag bei der Polizei gedroht, „wegen versuchten Betrugs und Erschleichens von Beförderungsleistungen“, wie dem Schreiben zu entnehmen ist. Bei Harzbus habe man ihr zudem versichert, dass die im August 2019 erstandenen Tickets erst nach der Entwertung ihre Gültigkeit verlieren, eine Bitte um Klärung und Rückerstattung sei bisher im Sande verlaufen.
Klassischer Fall von dumm gelaufen also? Jones beschwert sich, dass „Kunden die Leidtragenden sind“, insbesondere weil es in diesem Fall ein Kind erwischt hat. Stadtbus-Chefin Sagner bedauert den Vorfall, stellt sich aber vor ihre Mitarbeiter. Diese hätten sich „in der Situation richtig verhalten“. Die Situation habe am Ende ohne Nachteile für die Kunden geklärt werden können. Grundsätzlich gehe man „bei missverständlichen Situationen“ mit Fahrgästen ins Gespräch. Das Fahrpersonal habe aber das Recht, den Namen und die Anschrift einer Person, die mit falschem oder ungültigem Ticket unterwegs ist, aufzunehmen. Bei Minderjährigen müsste normalerweise sogar die Polizei eingeschaltet werden, was aber „im Normalfall übertrieben und unverhältnismäßig ist“.
Das Problem ist laut Sagner das falsche Fahrkartenformat, das die Firma Harzbus ausgestellt hat, „zumal Harzbus und Stadtbus gleichartige Verwerter verwenden“. Die Situation, dass Tickets geknickt werden müssen, sei bei Harzbus bekannt. Man wolle „das Format der Fahrscheine noch einmal auf den Prüfstand“ stellen, so Sagner.
Das Problem der Ticketgröße sollte inzwischen geklärt sein, folgt man Harzbus-Sprecher Blau. Das Unternehmen habe ein Update des Verkaufssystems vorgenommen und die Kinder-Tickets an die Breite der Entwerter angepasst.
Die aktuelle GZ-Anfrage habe jedoch zu einer Überprüfung geführt, die aufgezeigt habe, dass vereinzelt noch Fahrscheine „nach altem Standard“ ausgegeben wurden. Der Fehler sei aber mittlerweile behoben.
Blau spricht von einer „längeren Vorgeschichte“. Zunächst gebe es im Verkehrsverbund Region Braunschweig gar keine 10er-Tickets für Kinder, sondern nur Einzelfahrscheine zu kaufen. Als Harzbus im Frühjahr 2019 den regionalen Busverkehr im Landkreis übernommen hat, habe die Frage geklärt werden müssen, welche Tickets bereits beim Kauf entwertet werden und welche nicht. Zunächst sei man davon ausgegangen, dass sämtliche Einzelfahrscheine direkt genutzt und daher nicht entwertet werden müssen. Ihre Breite habe also keine Rolle gespielt. Man habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass viele Eltern ihren Kindern mehrere Tickets kaufen, damit der Nachwuchs eigenständig Bus fahren kann.
Dass das Falten der Buskarten als Urkundenfälschung ausgelegt worden sein soll, „irritiert uns etwas“, so Blau. Was am bloßen Knicken eines Fahrscheins diesen Tatbestand erfüllt, erschließe sich nicht. Bisher habe es in der Praxis auch keine Probleme gegeben. Bei Bedarf könnten die zu großen Tickets beim Harzbus-Service-Center umgetauscht werden. Derzeit ist es wegen der Corona-Krise allerdings geschlossen.