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GZ-Archiv

Teilchronik bleibt im Dornröschenschlaf

Das Forscherteam: Alfred Breustedt, Hüter der Harz-Bibliothek, Mathilde Kleiber, Chefin des Geschichtsvereins, Archivar Hans Hermann Wedekind, Büchereileiter Detlev Lisson und Praktikantin Kiana Alizadegan.  Archivfotos: Schlegel

Das Forscherteam: Alfred Breustedt, Hüter der Harz-Bibliothek, Mathilde Kleiber, Chefin des Geschichtsvereins, Archivar Hans Hermann Wedekind, Büchereileiter Detlev Lisson und Praktikantin Kiana Alizadegan. Archivfotos: Schlegel

Bad Harzburg. Leicht enttäuscht ist Bad Harzburgs Büchereileiter Detlev Lisson über die Resonanz auf die Veröffentlichung einer jahrzehntelang unbeachtet gebliebenen Bad Harzburger Teil-Chronik.

Von Heinz-Georg Breuer Dienstag, 20.12.2016, 15:15 Uhr

Der Titel: „Eine Allgemeine Geschichte der Stadt und des Bades von 1849-1928“ von Dr. Helmut Hinrichs (die GZ berichtete). Die 120 Seiten umfassende Loseblatt-Sammlung aus der Harzbi-bliothek des Geschichtsvereins, bereits von dessen Archivar Hans-Hermann Wedekind gesichtet, redigiert und mithilfe der Schülerpraktikantin Kiana Alizadegan jüngst noch einmal überarbeitet, liegt in einer Schreibmaschinenfassung aus den Sechzigern oder Siebzigern vor. Die stellt bereits eine Abschrift des Originals dar.

Viel mehr weiß man nicht, und daher hatten Lisson und Wedekind gehofft, dass sich der eine oder andere Zeitgenosse oder doch wenigstens ihre nahen Nachfolger mit einschlägigen Fakten melden könnten. Doch bislang Fehlanzeige. Selbst der Urheber der jüngsten Harzburg-Chronik aus dem Jahre 2000 muss passen. Dr. Kurt Neumann,89 Jahre alt, bescheinigt dem Werk immerhin eine sorgfältige und saubere Ausführung, wenngleich er zuweilen einseitige Schwerpunktsetzung und fehlende Quellenangaben bemängelt.

Der eher links(liberal) angehauchte frühere Vize des Internationalen Arbeitskreises Sonnenberg rügt etwa rein konservative Aspekte bei der „Zeitenwende“ im Streit wischen der Stadt Bad Harzburg und dem herzoglichen Staat mit der Einsetzung eines Badekommissars, die arg kurz geratene Darstellung der Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts sowie der Einführung des Frauenwahlrechts und die mangelnde Berücksichtigung der SPD.

Auch ein aktuelles bibliophiles Kurstadt-Thema greift Neumann auf mit dem Hinweis, dass beim weitgehend anonym bleibenden Chronisten Hinrichs Versammlungen gegen jüdische Bürger in der Stadt nicht seine Zustimmung fanden: „Richtigerweise sah er einen Zusammenhang mit dem Aufkommen der völkischen Bewegung nach dem Krieg.“ Ein Punkt, der beim Judenbuch von NIG-Geschichtslehrer und Autor Markus Weber aktuell eine wichtige Rolle spielt.

Neumanns Mitautor der Bad-Harzburg-Chronik von 2000, Harald Meier, kann keine Einschätzung zum Bücherei-Fund mehr geben: Der einstige Gründer und Leiter des Ton- und Bildarchivs der Stadt Bad Harzburg, der nach dem Krieg lange Zeit in Bündheim lebte, ist nach Neumanns Mitteilung im November im Alter von 90 Jahren in Idstein am Taunus verstorben.

Eine aufwendige Auflage des alten Hinrichs-Manuskripts hält Hi-storiker Neumann nicht für erforderlich: „Meines Erachtens genügte es, wenn das vorliegende Manuskript einige Male fotokopiert in der Stadtbibliothek vorliegen würde.“ Nicht ohne den dezenten Hinweis, dass es in der 2000er-Chronik unter der Überschrift „III. Jahresringe von 1800 bis 2000, S. 563-702“ ja schon eine ähnliche Zusammenfassung gäbe...

Etwas weiter, in gebundener Form, möchte Büchereileiter Lisson mit dem Hinrichs-Erbe dann doch schon gehen. Er habe mit Archivar Wedekind vereinbart, erklärt er, dass dieser noch einmal „genau guckt und entstandene Fragen im Geschichtsverein aufwirft“. Wedekind selbst erklärt auf GZ-Nachfrage, das oberste Ziel sei die Erhaltung des Urtexts. Aber er schlage vor, unklare oder unvollständige Passagen durch eigene Fußnoten und/oder Verweise auf andere Fundstellen quasi zu kommentieren. Seine Hoffnung: „Vielleicht wird durch diese Kombination noch einmal ein Interesse für die hinterlassenen Texte geweckt.“

Im Karton schlummerte das Hinrichs- Manuskript jahrzehntelang.

Im Karton schlummerte das Hinrichs- Manuskript jahrzehntelang.

Dr. Kurt Neumann

Dr. Kurt Neumann

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