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Starck-Manager Dr. Michael Reiß im GZ-Interview

<p>Der frühere Goslarer Werkleiter Dr. Michael Reiß ist zum 1. Februar in die Geschäftsführung von H. C. Starck aufgerückt. Foto: privat</p>

<p>Der frühere Goslarer Werkleiter Dr. Michael Reiß ist zum 1. Februar in die Geschäftsführung von H. C. Starck aufgerückt. Foto: privat</p>

Goslar. Im großen GZ-Interview spricht Starck-Manager Dr. Michael Reiß über den Goslarer Standort, mehr Umsatz durch Asien-Geschäfte, klare Bekenntnisse zur Industrie sowie Harzer Lebensqualität.

Von Frank Heine Donnerstag, 19.02.2015, 20:00 Uhr

Seit dem 1. Februar gehört Dr. Michael Reiß der Geschäftsführung des Chemieunternehmens H. C. Starck an. Mit dem früheren Goslarer Werkleiter, von 2009 bis Ende 2011 in Amt und Würden und später noch einmal für kurze Zeit kommissarisch in dieser Funktion tätig, rückt erstmals wieder ein Starck-Eigengewächs in die Führungsriege auf. Reiß macht den Schritt zum Technologie-Chef in durchaus nicht einfachen Zeiten für die weltweit tätige Starck-Gruppe.

Der Goslarer Stammsitz horcht auf: Erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit gibt es bei H. C. Starck wieder eine Hausbesetzung für die Geschäftsführung. Was bedeutet diese Entscheidung für die Zukunft des Unternehmens und speziell den Standort Goslar?

Als Chief Technology Officer gilt mein Hauptaugenmerk der technologischen Ausrichtung und Weiterentwicklung unseres weltweiten Produktionsnetzwerkes. Jeder unserer Standorte hat seine Stärken und seinen regionalen Fokus. Dennoch müssen die Produktionsanlagen entsprechend koordiniert werden, damit sich die Werke gegenseitig unterstützen, beispielsweise um Auftragsspitzen abzufangen. Da haben wir an allen Standorten Optimierungspotenzial, auch in Goslar.

Um diese Verbesserungsmöglichkeiten werde ich mich kümmern. Denn nur mit einem starken, flexiblen Produktionsnetzwerk hat H. C. Starck eine erfolgreiche Zukunft. Mit meiner langjährigen Tätigkeit im Goslarer Stammwerk werde ich natürlich in der Geschäftsführung auch die Interessen des Standortes vertreten.

H. C. Starck war zuletzt nicht gerade auf Rosen gebettet. Job-Abbau vor allem in der Goslarer Verwaltung, erhebliche Umsatz-Einbußen – im Vorjahr hatte bereits Dr. Andreas Meier als Vorsitzender der Geschäftsführung in einem GZ-Interview Antworten formuliert. Wie stellt sich die aktuelle Lage dar?

Unsere Geschäftszahlen werden erst Anfang April nach der üblichen Prüfung durch die Wirtschaftsprüfer veröffentlicht. Insofern kann ich noch keine Einzelheiten verkünden. Was sich aber sagen lässt, ist, dass wir es 2014 wie schon im Jahr zuvor mit schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun hatten.

Während in Deutschland die wirtschaftliche Entwicklung positiv verlief, verzeichneten die Volkswirtschaften der Länder, in denen der Großteil unserer Kunden sitzt, eine eher schwache, wenn nicht gar rückläufige Entwicklung. Das beeinflusst natürlich auch unser Geschäft. Doch insgesamt konnten wir unseren Umsatz steigern, was allerdings hauptsächlich auf unsere beiden Joint Ventures in Asien zurückzuführen ist.

Goslar blickt mit Argus-Augen gerade auf das wachsende Engagement des Unternehmens im asiatischen Raum. Rohstoffe sind der eine, der positive Effekt. Aber wie groß ist die Gefahr, dass Arbeitsplätze aus Europa dorthin wandern?

Wie für andere Unternehmen gilt auch für H. C. Starck: Arbeitsplätze entstehen dort, wo das Unternehmen wachsen kann. Und speziell in unserer Industrie findet das Wachstum derzeit nun mal in Asien statt. China ist beispielsweise mit Abstand der größte Wolfram-Markt. Aus Goslar haben wir bis heute keine Wolframpulver direkt in den chinesischen Markt geliefert. Daher sind die neuen Wolfram-Produktionen in China und Vietnam keine Konkurrenz zu Goslar. Wir haben in Asien die Joint Ventures gestartet, um die Kunden vor Ort zu bedienen. Nicht der Kunde kommt zu Lieferanten, sondern umgekehrt. Heutzutage zählen kurze Wege, schnelle Lieferzeiten und lokale Fachexperten.

Kein Kunde will erst einmal um die Welt reisen müssen, wenn er mit seinem Lieferanten über die Produktweiterentwicklung sprechen oder sich ein Bild von der Produktion seines Zulieferers machen will. In vielen Regionen bekommen Sie heutzutage auch nur Aufträge, wenn Sie über eine regionale Produktionsstätte verfügen. Es geht uns also darum, genau dort präsent zu sein, wo die Kunden sind.

Sie selbst waren jahrelang in Verantwortung für das Goslarer Werk und haben in der Belegschaft einen guten Namen. Was sind die Stärken und Schwächen des Standortes?

H. C. Starck in Goslar hat klare Kompetenzen und Stärken in der Produktion und Entwicklung von hoch schmelzenden Metallpulvern und ingenieurkeramischen Pulvern einschließlich der zugehörigen Verfahrenstechniken. Goslar ist der älteste Standort unseres weltweiten Produktionsnetzwerks. Unser Stammwerk verfügt deshalb über eine große Fachkompetenz und sehr fähige Mitarbeiter. Aufgrund der langen Geschichte haben wir in Goslar auch sehr gut ausgebaute, leistungsfähige Produktionsanlagen und das Forschungs- und Entwicklungszentrum unseres Pulver-Geschäfts.

Goslar ist auch der größte Standort, was grundsätzlich eine gute Voraussetzung ist, um auch kostengünstig produzieren zu können. Dieses Potenzial wird noch nicht ausgeschöpft, aber da arbeiten wir dran. Verbesserungspotenzial sehe ich auch in der Veränderungsbereitschaft.

Unsere Beschaffungs- und Absatzmärkte, also Lieferanten und Kunden, haben sich in den vergangenen Jahren ganz stark verändert und weiterentwickelt. Der Wettbewerb ist härter und qualitativ besser geworden. Da wollen und müssen wir mithalten, um das Feld nicht unseren Wettbewerbern zu überlassen. Es reicht nicht mehr aus, den kontinuierlichen Marktveränderungen zeitversetzt hinterher zu laufen, sondern wir wollen und müssen Marktveränderungen durch neue Produkte und Prozesse federführend selbst herbeiführen. Es gilt, von Verteidigung auf Angriff umzuschalten.

In den vergangenen Jahren habe ich die Überzeugung gewonnen, dass die Mitarbeiter am Standort Goslar dazu bereit sind. Dieses Potenzial werden wir in den kommenden Monaten gemeinsam heben.

Wäre H. C. Starck irgendwann auch ohne Goslar denkbar?

Nein. Goslar ist und bleibt der größte und wichtigste Standort in unserem weltweiten Produktionsnetzwerk und spielt damit eine tragende Rolle bei der Weiterentwicklung von H. C. Starck.

Unsere Zielindustrien wie beispielsweise Automotive, Aerospace, Elektronik, Maschinenbau, Medizintechnik oder Chemie, liegen vorwiegend in Nordamerika, Europa und Asien. Aus diesem Grund haben wir in allen drei Regionen in den vergangenen Jahren jeweils im zweistelligen Millionenbereich in unsere Produktionsanlagen investiert.

Natürlich waren die Investitionen in Asien vergleichsweise höher als in anderen Regionen, da es sich dort um neue Standorte handelt. Wie schon erwähnt, ist China mit Abstand der größte Wolfram-Markt. Von Goslar aus haben wir bis heute keine Wolframpulver in den chinesischen Markt geliefert und unsere Marktanteile im restlichen Asien (Japan, Südkorea) sind recht niedrig. Daher sind die neuen Wolfram-Produktionen in China und Vietnam keine Konkurrenz zu den bestehenden Anlagen in Goslar oder Sarnia in Kanada, sondern ein Beitrag, um der weltweit führende unabhängige Wolframpulverhersteller zu werden.

Und wann zieht die Führung aus München nach Goslar zurück?

Diese Frage überrascht mich, da sie uns weder von Kunden und Geschäftspartnern oder von Mitarbeitern gestellt wird. Die Stärke des Goslarer Werkes liegt in der Herstellung und Entwicklung von hoch schmelzenden Metallpulvern und Hochleistungskeramik-Pulvern mit modernen pyro-, hydro- und pulvermetallurgischen Verfahrenstechniken. Um den anspruchsvolleren Wettbewerb erfolgreich aufnehmen und gewinnen zu können, müssen wir flexibel auf die sich schnell ändernde Kunden- und Marktanforderungen reagieren. Und dazu brauchen wir keine Unternehmenszentrale in Goslar. Es geht vielmehr darum, Kompetenzen zu bündeln und auszubauen.

Wichtiger für unseren wirtschaftlichen Erfolg in der Region Goslar sind regionale Unternehmens-Netzwerke, wie das in Gründung befindliche Chemie Netzwerk Harz oder Rewimet, die als Cluster die chemische und metallurgische Industrie auf einer gemeinsamen Plattform wettbewerbsfähig machen.

Von wesentlicher Bedeutung ist auch industrielle Infrastruktur – wie beispielsweise die Verkehrsanbindung, Energieversorgung, Qualifizierung der Mitarbeiter oder Genehmigungsprozesse. Hier sind ein klareres Bekenntnis und damit verbundene Maßnahmen der öffentlichen Verwaltung und der Politik erforderlich, dass Industrie und Wissenschaft neben Tourismus und Gesundheit in der Region eine wichtige Rolle spielt.

Zum Abschluss ein persönlicher Aspekt: Sie haben in Clausthal-Zellerfeld studiert, in Goslar gelebt und gearbeitet. Welche Gedanken verbinden Sie heute noch jenseits der Arbeit mit der Welterbestadt und dem Harz?

Mit der TU Clausthal hat die Region Goslar eine weltweit bekannte und anerkannte wissenschaftliche Einrichtung vor Ort. Daher setze ich mich mit anderen regionalen Unternehmen aus der chemischen und metallurgischen Industrie für eine engere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Industrie und öffentlicher Verwaltung in der Region Goslar ein.

Aus diesem Grund bin ich seit einigen Jahren als Business-Botschafter des Landkreises Goslar tätig. Im Weiteren pflege ich persönlich einen engen Kontakt zur TU Clausthal, beispielsweise habe ich dort im vergangenen Jahr anlässlich der Jahrestagung einen Vortrag zur „Energiewende aus Sicht der energieintensiven Industrie“ gehalten.

Auch mit meinem Doktorvater und seinem Nachfolger gibt es eine enge Zusammenarbeit; zurzeit bereiten wir gemeinsam einen Vortrag für die Berliner Recyclingtage vor, um auf internationaler Bühne zu zeigen, dass die Region hart daran arbeitet, das künftige Silicon Valley für das Recycling von wirtschaftsstrategischen Metallen zu werden – Stichwort Sekundär-Rohstoffzentrum.

Sowohl beruflich als auch privat bin ich sehr viel und gerne in der Welt unterwegs, denn ich liebe es, Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu treffen und von ihnen zu lernen. Nach meinen Reisen genieße ich es, in den schönen Harz zurückzukehren, wo ich seit fast 25 Jahren meinen ersten Wohnsitz habe. Der Erholungswert ist für mich im Harz sehr hoch und wichtig für den Ausgleich zum herausfordernden Berufsalltag.

Gerne schaue ich auch mit Freuden und ehemaligen Studienkollegen anderen Menschen beim Sport zu und zwar dem VfL Wolfsburg bzw. den Harzer Falken. Auch die kulturellen Angebote, beispielsweise Klassikkonzerte wie das Harz-Classix-Festival, die Harzburger Musiktage oder das Internationale Musikfest Goslar, können sich sehen und hören lassen.

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