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Stapelburgerin hilft Roma-Familien in Rumänien

<p>Der „Verein Kinderhilfe für Siebenbürgen“ betreut zwei Kinderheime. Cristina ist eines der Kinder, die in dem Heim wohnen. Jenny Rasche liegt die Arbeit mit Kindern in diesen Einrichtungen sehr am Herzen. Die staatlichen Heime in Rumänien seien oft noch in einem schlechten Zustand. Foto: Privat</p>

<p>Der „Verein Kinderhilfe für Siebenbürgen“ betreut zwei Kinderheime. Cristina ist eines der Kinder, die in dem Heim wohnen. Jenny Rasche liegt die Arbeit mit Kindern in diesen Einrichtungen sehr am Herzen. Die staatlichen Heime in Rumänien seien oft noch in einem schlechten Zustand. Foto: Privat</p>

Stapelburg/Sibiu. Jenny Rasche als Energiebündel zu bezeichnen wäre eine echte Untertreibung. Wenn die 37-Jährige gebeten wird, von ihrer Arbeit in der tristen Roma-Siedlung unweit der rumänischen Touristen-Hochburg Sibiu zu erzählen, weiß sie gar nicht, wo sie anfangen soll – und legt einfach mal los.

Von Jörg Ciszewski Freitag, 26.07.2019, 17:08 Uhr

Stapelburg/Sibiu. Jenny Rasche als Energiebündel zu bezeichnen wäre eine echte Untertreibung. Wenn die 37-Jährige gebeten wird, von ihrer Arbeit in der tristen Roma-Siedlung unweit der rumänischen Touristen-Hochburg Sibiu zu erzählen, weiß sie gar nicht, wo sie anfangen soll – und legt einfach mal los.

Vor zwölf Jahren hat sie sich auf den Weg gemacht – aus dem beschaulichen Stapelburg in den rauen Lebensalltag der aus der Gesellschaft ausgegrenzten Roma-Familien. Die Menschen lebten in ihren Siedlungen zum Teil auf Müllhalden, die Böden der Schulräume waren verschlammt und es gab kein fließend Wasser. „Es stank fürchterlich“, erinnert sie sich. Auch wenn der Verein an vielen Stellen schon etwas verbessern konnte. Es gebe auch heute noch sehr viel zu tun. Jeder Tag bringe Überraschungen. Bei Verabredungen mit ihr kann schon mal was dazwischen kommen.

Das Telefongespräch muss kurzfristig verschoben werden. „Sorry, ich habe einen Notfall“, sagt Jenny Rasche. Eine Stunde später berichtet sie von dem 14-jährigen Mädchen, das im neunten Monat schwanger ist und dringend ins Krankenhaus musste. „Ich habe mich um einen Krankenversichertennachweis gekümmert und die Kleine in die Klinik gebracht.“

Verhütung und Prävention seien große Themen bei der Arbeit ihres 2003 gegründeten Vereins „Kinderhilfe für Siebenbürgen“. „Bei Fällen wie diesen ist das Kind leider schon in den Brunnen gefallen. Aber die Betreuung muss natürlich weitergehen.“ Bei vielen hört sie nie auf. Sie betrachtet ihre Tätigkeit als Lebensaufgabe. Ihr Motto: „Nach dem Fall ist vor dem Fall.“ Denn Probleme gibt es immer wieder neue.

Der Verein betreut zwei Kinderheime, veranstaltet Hortbetreuung, schafft Bildungsangebote, versorgt die Ärmsten mit Lebensmittel und organisiert auch mal den Bau einer neuen Behausung. Viele Familien wohnen in notdürftig geflickten Hütten ohne Wasseranschluss. „Der Verein besorgt die Baumaterialien und die Gerätschaften, das Familienoberhaupt muss ausschachten für das Fundament und für mindestens vier Bauhelfer sorgen. Dann geht es los.“ Der Verein hat in Deutschland ein Patensystem aufgebaut, das finanziell unterstützt. Außerdem werden Anträge für Fördermittel geschrieben und um Spenden geworben. „Das Geld kommt direkt bei den Bedürftigen an. Aber weil wir keine Verwaltung haben, dauert es manchmal etwas länger“, sagt sie. Und es gibt Erfolge: Voller Stolz erzählt sie, dass gerade zwei ihrer Schützlinge ihre Ausbildung beendet haben und nun Facharbeiter sind. Sie konnten schnell Honorarverträge bei Firmen unterzeichnen. „Ich kenne die beiden seit 15 Jahren und haben gesehen, wie sie in der Lehmhütte groß geworden sind“, sagt sie. Doch auch mit ihnen geht die Arbeit weiter. „Ihre Vergangenheit beschäftigt auch die Erwachsenen heute noch. Es müssten eigentlich viel mehr von ihnen therapeutische Betreuung erhalten.“

Woher kommt ihre starke Motivation? Aufgerüttelt hatte Jenny Rasche damals die schockierenden Fernsehbilder aus Kinderheimen in Rumänien, die unterernährte, völlig verwahrloste Kinder in Baracken zeigten. Der Film ging 1989 um die Welt. „Das war für mich ein Trauma“, sagt sie heute. Heute weiß sie: Das gezeigte Heim war nur eines von vielen.

Die staatlichen Kinderheime seien immer noch oft in einem sehr schlechten Zustand, das Ausbildungssystem für Sozialarbeiter in Rumänien längst nicht auf dem Stand wie im Westen. Der Verein hat zehn Festangestellte, die in den Kinderhäusern arbeiten. Mit Pädagogen, die in Projekten unterrichten, werden Honorarverträge abgeschlossen. Jenny Rasche hat nach Fachabitur in Goslar eine Ausbildung zur Sozialassistentin gemacht und danach Sozialarbeit in Sibiu studiert. Sie spricht fließend Rumänisch und lebt mit ihrem Mann sowie sieben leiblichen Kindern und zwei Patenkindern in Selimbar, einem Vorort von Sibiu.

Hat sie manchmal Heimweh? „Eigentlich nicht“, sagt sie. Sie stehe ja in engem Kontakt zu ihren Eltern, die sie in vielem unterstützen. Ihr ältester Sohn ist gerade bei den Großeltern. Und ihre Schwester Susanne Knappe managt den Verein von Stapelburg aus. „Ich habe nicht meine Identität als Stapelburgerin abgelegt, aber hier meine Lebensaufgabe gefunden“, sagt sie.

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