Siamesischer Hochadel im Weltbad
Historisches Bildzeugnis: Besuch des Königs von Siam am 11. August 1907. 50 Ehrenjungfrauen empfangen Majestät sowie Herzog Johann Albrecht und Ehefrau Elisabeth im Bad Harzburger Bahnhof. Foto: Archiv Harry Plaster
Bad Harzburg. Das Hundertjährige im August 2007 wurde schon eingehend in der Kurstadt gewürdigt. Doch auch 110 Jahre sind erwähnenswert, wenn es um den letzten Staatsbesuch in Bad Harzburg am 11. August 1907 geht, als der König von Siam an die Radau kam.
Bad Harzburg. Das Hundertjährige im August 2007 wurde schon eingehend in der Kurstadt gewürdigt. Doch auch 110 Jahre sind erwähnenswert, wenn es um den letzten Staatsbesuch in Bad Harzburg am 11. August 1907 geht, als der König von Siam an die Radau kam.
Das dachte sich wohl auch Werner Röpke aus Erkerode, Unternehmer im Unruhestand, der die GZ jetzt erneut auf das Datum hinwies. Er habe nicht den Anspruch, der ausgewiesene Thailand-Experte zu sein, besitze aber immerhin ein Zertifikat des Bildungsministeriums und habe das Land intensiv bereist, bekundet Röpke in eigener Sache.
Thailand ist ein Königreich in Südostasien, das von 1855 bis in die 1930er Jahre offiziell Siam hieß und seither von der Chakri-Dynastie beherrscht wird. Das Land war noch absolutistische Monarchie, als Chulalongkorn II., König von Siam, in Begleitung des frisch gewählten Braunschweiger Herzogs Herzog Johann Albrecht und seiner Gemahlin Elisabeth um den 11. August herum Bad Harzburg besuchte – beim genauen Tagesdatum widersprechen sich die Quellen. Für die Einheimischen war es – das Thema wurde in jüngster Zeit öfter am Beispiel der jüdischen Gäste erörtert – so etwas wie eine Bestätigung ihres Anspruchs, „Weltbad“ zu sein.
Als die Kunde vom bevorstehenden Besuch des hohen Gasts die Runde machte, stand das Weltbad Kopf. Girlanden umwundene Ehrenpforten wurden errichtet, Vorgärten und Balkone geschmückt, überall flatterten Fahnen, nicht zuletzt die siamesischen, auf denen ein weißer Elefant zu sehen war. Der neue Bahnhof wurde zum Zentrum der Schmück-Aktivitäten, war er doch gerade erst vier Monate vorher eingeweiht worden.
Am Morgen der Ankunft marschierten ab 10 Uhr Schulen, Vereine und andere Gruppen mit Musikbegleitung zur Hauptfeststraße, der Herzog-Wilhelm-Straße. Am Straßenrand wurde Aufstellung genommen. Dahinter standen dicht gedrängt die Bürger. In der Bahnhofshalle versammelte sich die Prominenz mit den Spitzen der staatlichen und städtischen Behörden, Kreisdirektoren und Gemeindevorstehern. Es fehlten auch nicht die Vertreter der Geistlichkeit und die Lehrer. Den größten Eindruck machten aber, so entnimmt man dem GZ-Archiv, 50 weiß gekleidete Ehrenjungfrauen, die Haare mit Blumen geschmückt.
Dann schnaufte um 11.51 Uhr der Sonderzug heran, von zwei Lokomotiven gezogen. Es folgten die unvermeidlichen Reden. Erst Harzburgs Bürgermeister Wilhelm von Stutterheim, dann der Herzog. Dann Vorstellung des Empfangskomitees.
Schließlich das Bad in der Menge. Eine mit Schimmeln bespannte Kutsche wurde bejubelt, Tücher geschwenkt. An der Post hatten 60 Unterbeamte Aufstellung genommen, zwei Postillione ließen die Hörner schmettern. Am Kurhaus wartete eine Kapelle mit den Nationalhymnen. Ein paar Begrüßungsreden, diesmal auf Englisch für den König von Siam, und weiter ging es zum eigentlichen Ziel, dem Schloss. Fohlen und Mutterstuten wurden vorgeführt, das Gestüt besichtigt. Das Schloss war zur Einnahme einer Mahlzeit festlich geschmückt, überall Abbildungen mit Elefanten, Girlanden, elektrische Glühlampen. Am Nachmittag noch ein Abstecher in den Harz per Automobil, eine letzte Möglichkeit für die Bürger, bei der Vorbeifahrt am Bahnhof einen Blick auf König und Herzogspaar zu erhaschen.
Ein Jahrhundert später erinnerte sich der Bad Harzburger Bürgermeister Ralf Abrahms, als bekennender Fan des Südseekönigreichs Tonga mit fernen Monarchien vertraut, des epochalen Kontakts und fragte bei der thailändischen Botschaft an, ob man das Jubiläum vielleicht gemeinsam begehen wolle... Die Diplomaten und ihre Entsender zu Hause hatten allerdings anderes zu tun, in Thailand wurde gerade wieder mal geputscht und Regierungschef Thaksin Shinawatra aus dem Land geworfen.
Bis heute, zuletzt regiert seit Mai 2014 wieder das Militär, ist das Land nicht nur regelmäßigen Flutkatastrophen, sondern auch einem ständigen politischen Wandel unterworfen. Zur Zeit des Staatsbesuchs in Bad Harzburg vor 110 Jahren war Siam als unabhängiger Staat ein Puffer zwischen britischer und französischer Kolonialmacht. Im Ersten Weltkrieg schlug man sich spät auf die Seite der Alliierten, im Zweiten notgedrungen auf die der Japaner. Zwischendurch wurde 1932 nach einem Umsturz die absolute Monarchie durch eine konstitutionelle ersetzt.
Bürgermeister Abrahms bekam seinerzeit zwar keine Jubiläumsfeierlichkeit hin, aber immerhin stand 2007 dann plötzlich ein Fernsehteam auf der Matte. Mit einem Interview in den Gestütswiesen schaffte Abrahms den Sprung ins thailändische Fernsehen. Weiteres Archivmaterial trat den Weg aus der Kurstadt nach Bangkok an – im Gegensatz zum Harzer Weltbad noch im Vorjahr tatsächlich meistbesuchte Metropole der Welt...
<p>Bürgermeister Ralf Abrahms vor zehn Jahren mit einem Zeitungsausschnitt von 1907, in dem die Harzburger Zeitung über den Königsbesuch berichtet. Archivfoto: Schlegel</p>