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Ronja von Wurmb-Seibel liest über Kabul und den Krieg

„Wer im Krieg groß geworden ist, dem fällt es schwer, anderen Menschen zu vertrauen“, sagt Afghanistan-Expertin Ronja von Wurmb-Seibel.  Foto: Franke

„Wer im Krieg groß geworden ist, dem fällt es schwer, anderen Menschen zu vertrauen“, sagt Afghanistan-Expertin Ronja von Wurmb-Seibel. Foto: Franke

Goslar. Madina, Brischna und Fatima verkaufen Schals. Sie nehmen an guten Tagen je 15 Euro ein. Unter den sechzigtausend Kindern, die in Afghanistan auf der Straße arbeiten, zählen sie zu den Topverdienerinnen. Tag für Tag versuchen die drei vor dem Nato-Hauptquartier in Kabul, ihre Ware an ausländische Soldaten zu verkaufen.

Von Sarah Franke Sonntag, 23.09.2018, 18:41 Uhr

Goslar. Madina, Brischna und Fatima verkaufen Schals. Sie nehmen an guten Tagen je 15 Euro ein. Unter den sechzigtausend Kindern, die in Afghanistan auf der Straße arbeiten, zählen sie zu den Topverdienerinnen. Tag für Tag versuchen die drei vor dem Nato-Hauptquartier in Kabul, ihre Ware an ausländische Soldaten zu verkaufen.

Diese Szene aus ihrem Buch „Ausgerechnet Kabul“ liest Ronja von Wurmb-Seibel als erste vor. Im Großen Remter der Kirchengemeinde Neuwerk hören ihr rund 30 Menschen zu. Organisiert hat die Veranstaltung die Freiwilligenagentur Goslar. Die ehemalige Zeit-Redakteurin und Filmemacherin lebte ab 2013 eineinhalb Jahre in der afghanischen Hauptstadt.

Noch interessanter als die anschaulich-nüchtern verfassten Texte in ihrem Buch finden es die Zuhörer, wenn die Journalistin von Alltagserlebnissen in Afghanistan spricht – und darüber, wie nach ihrer Analyse die deutsche Entwicklungspolitik in dem Land gescheitert ist. „Es wäre wichtig, die Einsätze auszuwerten, um zukünftig Fehler zu vermeiden“, sagt sie. Ihre Worte begleitet die Autorin mit ausladenden Gesten.

Von Wurmb-Seibel sprach in den vergangenen Jahren nicht nur mit Politikern und Angehörigen des Militärs, sondern auch mit Bürgern vor Ort. Auch wenn in Afghanistan seit 17 Jahren Krieg herrscht, Kabul sei eine „schöne und liebenswerte Stadt“ mit offenen und sehr höflichen Einwohnern. Anschläge habe sie nie live erlebt, aber häufig gespürt und gehört. Auch außerhalb der Stadt auf den Straßen und in den Provinzen drohe Lebensgefahr.

Immer wieder aber kommt es zu heiteren Erzählungen in von Wurmb-Seibels Vortrag. Zum Beispiel, als sie von dem Mann erzählt, der ihr den Unterschied zwischen Religionen mit IPhone-Modellen erklärte. Das alte Modell sei das Judentum, das mittlere das Christentum und das neuste der Islam – die jüngste der drei Religionen.

Die Zuhörer fragen von Wurmb-Seibel nach afghanischen Geflüchteten, die in Deutschland leb(t)en. Abgeschobene Afghanen seien laut der Autorin mehr als andere dem Risiko ausgesetzt, entführt zu werden. Denn wer in Deutschland gelebt hat, gelte dort als reich.

Sie erzählt von ihrem afghanischen Pflegesohn, der fleißig im Job und integriert sei – aber auch von seinem besten Freund, der seit Jahren auf engsten Raum in einem Aufnahmelager lebe und schon eine Zeit lang in der Psychiatrie verbracht habe. „Wer im Krieg groß geworden ist, dem fällt es schwer, anderen Menschen zu vertrauen“, gibt von Wurmb-Seibel zu bedenken.

Am 18. Oktober wird von Wurmb-Seibels und Niklas Schencks Film „True Warriors“ um 18 Uhr im Kreistagssaal, Klubgartenstraße 6, gezeigt.

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