Rigoletto: Drei Brüder, drei Jahrzehnte
Nicht nur Brüder aus dem italienischen Süden, sondern seit Jahrzehnten auch ein gut gelauntes Goslarer Team bei der Arbeit: (v.li.) Alessandro, Pasquale und Mimmo Carrozzo schmeißen den Laden im „Rigoletto“. Fotos: Heine, Privat (2)
Wie kommen drei junge Italiener vor drei Jahrzehnten aus dem sonnigen Erchie mitten im Stiefel-Absatz aus der Region Brindisi in Apulien an den kalten Nordharzrand nach Goslar? Klare Antwort: Per Zufall. Dass sich Mimmo Carrozzo am 15.November 1987 mit seinem Restaurant „Rigoletto“ an der Marktstraße selbstständig macht und seine beiden jüngeren Brüder Pasquale und Alessandro zu Hilfe holt, war in dieser Form lange nicht abzusehen.
Wie kommen drei junge Italiener vor drei Jahrzehnten aus dem sonnigen Erchie mitten im Stiefel-Absatz aus der Region Brindisi in Apulien an den kalten Nordharzrand nach Goslar? Klare Antwort: Per Zufall. Dass sich Mimmo Carrozzo am 15.November 1987 mit seinem Restaurant „Rigoletto“ an der Marktstraße selbstständig macht und seine beiden jüngeren Brüder Pasquale und Alessandro zu Hilfe holt, war in dieser Form lange nicht abzusehen.
„Mama, ich fahre nach Deutschland.“ Als der damals 19-jährige gelernte Maschinenbauer Mimmo Carrozzo im August 1979 der Familie seine Pläne für die nahe Zukunft verkündet, gilt für sie erst einmal München als erste Adresse. Dort gab es schließlich Verwandtschaft. Aber gerade deshalb kam die bayrische Landeshauptstadt für den jungen Mann überhaupt nicht in Frage: „Ich wollte weg, etwas erleben. Wenn ich zu Verwandten gegangen wäre, hätte ich auch zu Hause bleiben können.“
Sein Ziel lag weit nördlicher: In Göttingen kannte Mimmo einen Schulfreund. In die Uni-Stadt kehrte er auch zurück, nachdem er Ende Mai 1980 seine Militärzeit in Italien abgeleistet hatte. Er jobbte im „Capri“, arbeitete in einem kleinen Hotel, lernte das Restaurantfach, war zwischendurch im „Steigenberger“ in Stuttgart, und ging in ein größeres Göttinger Hotel, bis ihn Mario, der Chef seiner Stamm-Pizzeria, irgendwann fragte: „Warum machst du dich nicht in Goslar selbstständig?“
Mario kannte dort einen Landsmann, der eine Immobilie an der Marktstraße besaß. Anfänglich war Mimmo, inzwischen 27Jahre alt, wenig begeistert. Er schaute sich das Lokal an, zögerte, sagte aber schließlich: „Wenn meine Brüder auch kommen, mache ich das – sonst nicht.“ Und die beiden Carrozzo-Brüder Pasquale, damals 19, und der 16-jährige Alessandro kamen. Später stieß für einige Jahre auch noch Schwester Daniela hinzu, die aber auch schon wieder seit 19Jahren in Erchie lebt und dort eine Trattoria betreibt. Der Laden heißt – na klar, Verdi lässt grüßen – ebenfalls „Rigoletto“.
Zurück nach Goslar in den November 1987: Die ersten Wochen lief das Geschäft nicht wirklich. Vor Weihnachten wurde es besser, es folgte wieder eine Durststrecke. Für die drei Brüder, die im selben Haus auch wohnten, war es keine leichte Zeit. „Langsam haben wir Gäste gewonnen, es wurden immer mehr – und jetzt haben wir viele, viele Stammgäste“, fasst Mimmo drei lange Jahrzehnte heute in wenigen Worten zusammen. Seit drei Jahren etwa gebe es noch eine „wahnsinnige Steigerung – mehr geht nicht.“
Zwischendurch wechselte das „Rigoletto“ allerdings auch zweimal den Standort: Der erste Umzug war nicht von Erfolg gekrönt, als es im April 2004 in die „Butterhanne“ und schon im Dezember wieder zurück an die Marktstraße ging. Im April 2007 war mehr Glück – und auch wieder Zufall – im Spiel, als der aktuelle Platz an der Spitalstraße gefunden wurde. Alessandro hatte herausgefunden, dass sowohl der eigene Pachtvertrag als auch der von Vormieter „Da Enzo“ zu Ende März ausliefen.
Das alte Domizil sei „kuschelig“ gewesen, sagt Mimmo im Rückblick, aber die Küche sei einfach zu klein gewesen. Jetzt wirkt Bruder Pasquale als Koch in einem größeren Reich, Alessandro wirbelt gut gelaunt im Gastraum, und Mimmo ist eigentlich überall zu Hause. Mit Halbtagskräften und Aushilfen beschäftigt das „Rigoletto“ insgesamt neun Leute. Und wie sind die Deutschen im Allgemeinen und die Goslarer im Speziellen so als Gäste? Nein, eine den (Vor-)Harzern bisweilen nachgesagte Sturheit könne er gar nicht bestätigen, sagt Mimmo: „Unsere Erfahrung ist, wenn du auf die Leute zugehst, kriegst du auch was zurück. Wir haben tolle Gäste, die auch immer zu uns stehen.“
Längst sind die Brüder mit ihren eigenen Familien heimisch geworden – Pasquale und Alessandro leben nach wie vor in Goslar, Mimmo wohnt seit 17Jahren in Wolfshagen – und alle drei haben weiblichen Nachwuchs. Deren drei Väter, da wundert sich der Älteste im Bunde ein wenig und freut sich sehr, verstehen sich auch nach 30 Jahren immer noch prima. „Wir essen nach der Arbeit zusammen, wir feiern zusammen.“ Apropos Feiern: Der 30.Geburtstag fällt heute ausgerechnet auf einen Mittwoch – Ruhetag im „Rigoletto“ und deshalb Zeit und Gelegenheit, so Mimmo, dass „wir alle zusammensitzen und über die alten Zeiten quatschen“.
Hoffentlich kommt wirklich gute Stimmung auf. Dass ausgerechnet jetzt die Italiener zum ersten Mal nach 60 Jahren die Qualifikation für eine Fußball-Weltmeisterschaft verpasst haben, ist ein blöder Zufall und für die Goslarer Tifosi ein Schlag ins Kontor.
Hier schenkt der Chef persönlich ein: Wer hätte Mimmo Carrozzo wiedererkannt?
„Kuschelig“ im alten Domizil an der Marktstraße: Schwester Daniela, Pasquale (v.li.) sowie Alessandro Carrozzo (2.v.re.) freuen sich mit früheren Mitstreitern am Tresen.