Relikt des Kalten Krieges kehrt in den Harz zurück
<p>Blick aus dem Innern der entstehenden Kuppel auf die Aufbauarbeiten: Die einzelnen Elemente sind rund 250 Kilogramm schwer und bestehen aus Glasfaserkunststoff. Fotos: Gereke</p>
Im Ostdeutschen Technik- und Fahrzeugmuseum Benneckenstein wird derzeit die Kuppel der alten Stasi-Abhöranlage von der Brockenkuppe wiederaufgebaut – es ist das einzige erhaltene Brocken-Radom aus der Zeit des Kalten Krieges.
Der Kran stößt eine gewaltige Abgaswolke aus, als er das rund 250 Kilogramm schwere Teil anhebt. Millimeterarbeit ist gefragt, damit das Element genau auf den unteren sitzt. Doch nachdem sie jahrelang übereinander in einer Scheune lagerten, hat sich das eine oder andere Teil verzogen. Gar nicht so einfach, alles wieder passgenau zusammenzusetzen, sodass es originalgetreu aussieht wie vor 30 Jahren auf dem Brocken.
In den vergangenen Jahrzehnten hat die Kuppel eine wahre Odyssee hinter sich. Nach dem Abriss der militärischen Anlagen auf dem höchsten Berg des Harzes Anfang der 1990er Jahre erwarb ein Privatmann aus Osterode die Stasi-Kuppel und lagerte sie in einer Scheune ein, erzählt Mario Tänzer, der mit seiner Familie das Museum betreibt.
{picture1s} Zur Expo 2000 in Hannover erlebte sie ein Revival – „die Kirche lieh sie und baute sie auf dem Ausstellungsgelände wieder auf“, so Tänzer. Sie war Wahrzeichen des Expo-Jugenddorfs Jam-City. Nach dem Ende der Weltausstellung kamen die Teile wieder in ein Lager in Lehrte. Dort verblieben sie über Jahre. Bis vor einiger Zeit der Eigentümer starb. Er hinterließ einen letzten Wunsch: Die Kuppel sollte museal genutzt werden – und das möglichst in der Nähe ihres alten Standorts. „Der Sohn des Verstorbenen meldete sich beim Harzer Tourismusverband und erkundigte sich nach geeigneten Einrichtungen – da fiel auch der Name unseres Museums“, plaudert Tänzer. Und der Zufall wollte es, dass offenbar gleich der erste Anruf auch die Benneckensteiner erreichte –und die machten sofort Nägel mit Köpfen. „Ansonsten wären die Teile der Abhörkuppel wohl woanders gelandet“, mutmaßt er.
Insgesamt sind es 54 Segmente plus Tür und kleiner Dachhaube. Zusammengehalten werden sie von 2800 Schrauben. Die Anlage hat einen Durchmesser von zwölf Metern – und ist ebenso hoch. Das Gesamtgewicht der Konstruktion beträgt 22 Tonnen.
{picture2s} Die Kuppel, die zur Zeit des Kalten Krieges so manchen Wetterunbilden auf dem Brockenplateau trotzen musste, besteht übrigens aus besonderem Material: Glasfaserkunststoff. „In der Kuppel ist nicht ein Metallteil verbaut, das hätte die elektronischen Geräte im Innern irritiert“, erzählt Tänzer. „Die Segmente sind in den Produktionsanlagen der Babelsberger Filmstudios gebaut worden, aus dem gleichen Material bestehen auch die Filmkulissen. Die reinen Produktionskosten der Kuppel lagen bei 4 Millionen Ostmark“, hat der Benneckensteiner recherchiert. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Arbeitslohn lag damals bei rund 600 Ostmark. Auch das, was die Segmente zusammenhält, ist eine Spezialanfertigung: „Während die Bolzen aus Glasfaserkunststoff sind, bestehen die Schrauben und Unterlegscheiben aus Pertinax, das ist eine hoch verdichtete Papier-Kunstharzmischung“, erklärt Tänzer.
Wenn die Kuppel steht, soll sie ein Museumsraum werden – gerne würde Tänzer das zeigen, was sich einstmals auch im Innern befand. Doch das liegt völlig im Dunkeln. „Die Stasi-Kuppel ist wie ein Pharaonengrab. Keiner weiß, was drin war, oder will nicht erzählen, was mal drin gewesen ist“, plaudert der Benneckensteiner. Errichtet hat die Stasi die Abhöranlage 1986 – Motto: Das, was der Russe hatte, benötigte die Stasi auch, mutmaßt Tänzer schmunzelnd. Um den Museumsraum zu füllen, hat er zunächst ein Radargerät beschafft, das eigentlich der Luftraumüberwachung diente. Weitere Fernmeldetechnik soll hinzukommen.
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Derzeit erstrahlen die Kuppelelemente übrigens noch in einem Schweinchenrosa – ein auffälliges Pink bei der auf Unscheinbarkeit bedachten DDR-Staatssicherheit? Natürlich nicht. Die Signalfarbe erhielt die Kuppel zur Expo – und das zog einen Rechtsstreit nach sich, weiß Tänzer. „Der Eigentümer klagte – und erhielt uneingeschränkt Recht.“ Wenn die Kuppel steht, soll sie wieder in ihrem ursprünglichen Hellgrau angepinselt werden, kündigt Tänzer an, der überrascht ist, welche Wellen der Wiederaufbau schlägt. Er lobt dabei die Kooperation mit den Genehmigungsbehörden, die das touristische Potenzial der Kuppel erkannt hätten. Mit ihnen hätten die Museums-Macher Hand in Hand gearbeitet.
Ans Streichen ist aktuell aber nicht zu denken – noch immer regnet es Bindfäden, als der Aufbau erfolgen soll. Für heute bricht Tänzer das Unterfangen ab. Der Regen ist zu stark. „Das Dichtungsband klebt nicht“, ruft er und gibt dem Kranfahrer das Zeichen, dass er den Ausleger einfahren kann. „Aber das Dichtungsband muss sitzen, denn wir wollen ja einen Museumsraum schaffen und keine Tropfsteinhöhle“, erklärt er. Jetzt hofft er erst mal auf besseres Wetter – und auf keinen Sturm. Denn die bereits sitzenden Elemente des zweiten Rings wären so ein wahrer Windfang. Plan nach wie vor: Das Projekt Wiederaufbau soll noch im Mai abgeschlossen werden.
<p>Ein Kran hievt die Elemente des zweiten Rings der alten Stasi-Abhörkuppel nach oben. Die rosa Farbe erhielt sie erst nach dem Kalten Krieg zur Weltausstellung 2000, wo sie Wahrzeichen des Jugenddorfs Jam-City war.</p>
<p>Museums-Macher Mario Tänzer präsentiert eine Spezialschraube der Stasi-Kuppel.</p>
<p>Blick vom Brockenplateau, das noch von einer Mauer umschlossen ist, zum Torfhaus Anfang der 1990er Jahre: Links ist die Abhöranlage der DDR-Staatssicherheit zu sehen. Die Antennenkuppel wird auch als Radom bezeichnet. Foto: Brockenhaus</p>