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Mehr Sicherheit auf dem Rad

Warum der Schulterblick für Radfahrer lebenswichtig ist

Eine alltägliche Situation: Ein Radfahrer muss abbremsen, weil ein Transporter abbiegt und ihm die Vorfahrt nimmt.

Eine alltägliche Situation: Ein Radfahrer muss abbremsen, weil ein Transporter abbiegt und ihm die Vorfahrt nimmt. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Immer mehr Menschen sind mit dem Fahrrad unterwegs, gleichzeitig steigt die Zahl der Radfahrer, die im Verkehr sterben. Wie lässt sich das ändern? Es gibt ein Mittel, das fast schon banal einfach ist.

Von Thomas Strünkelnberg, dpa Dienstag, 26.05.2026, 13:20 Uhr

Hannover. Eine ganz alltägliche Situation, mitten in Hannover: Die Fahrradampel an einer vielbefahrenen Kreuzung springt auf Grün, ein Radfahrer fährt los - und muss sofort abbremsen, denn ein Kleintransporter mit Anhänger biegt nach rechts ab und nimmt ihm die Vorfahrt. In diesem Fall geht es gut aus, das ist aber bei weitem nicht immer so: Tatsächlich sterben im vergangenen Jahr landesweit 63 Radfahrerinnen und Radfahrer im Verkehr, rund 28 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Keine Frage: Radfahrer in Niedersachsen leben gefährlich.

Damit das nicht so bleibt, startet das Land eine Kampagne für mehr Sicherheit - und setzt dabei auf ein einfaches Mittel: den Schulterblick. „Der Schulterblick dauert weniger als eine Sekunde - aber er kann Leben retten“, sagte Landesverkehrsminister Grant Hendrik Tonne. „Immer mehr Menschen in Niedersachsen nutzen das Fahrrad“, betonte der SPD-Politiker. Daher werde es „enger im Verkehr“. Landespolizeipräsident Axel Brockmann meinte, es klinge „banal“ - aber der vergessene Schulterblick sei einer der wichtigsten Faktoren im Radverkehr.

Deutlich mehr getötete Radfahrer im Straßenverkehr

Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der getöteten Radfahrerinnen und Radfahrer in Niedersachsen im Vergleich mit 2024 um rund 28 Prozent, wie Brockmann sagte. Demnach kamen 63 Menschen auf dem Fahrrad ums Leben, 2024 waren es noch 49. 

„Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit kann schwerwiegende Folgen haben“, betonte er. Allein acht Radfahrer wurden demnach von abbiegenden Autos oder Lastwagen erfasst und getötet, neun weitere beim Einfädeln in den fließenden Verkehr. Ein Schulterblick hätte „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ die Unfälle verhindern oder abmildern können, sagte er. Auch die Gesamtzahl der verunglückten Radfahrer im Land sei seit Jahren auf konstant hohem Niveau: 2025 wurden demnach fast 10.400 Verletzte erfasst. Die Kampagne richte sich nicht nur an Radfahrer - „die Verantwortung aller Verkehrsteilnehmer wächst“. 

Vorsicht beim Abbiegen, an Einmündungen und beim Aussteigen

Heiner Bartling, Präsident der niedersächsischen Verkehrswacht, sprach sich für mehr Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme im Verkehr aus. Im vergangenen Jahr sei bundesweit jeder sechste Verkehrstote mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, sagte er. 

Mit der gemeinsamen Kampagne wollen Verkehrs- und Innenministerium sowie die Landesverkehrswacht sich für mehr Sicherheit im Verkehr einsetzen. Großformatige Plakatwände, Aufkleber, Kopfstützenüberzieher oder Piktogramme auf Straßen sowie digitale Hinweise sollen die Bedeutung des Schulterblicks beim Abbiegen und an Einmündungen bewusst machen - und beim Aussteigen aus dem Auto. Denn oft kommt es zu Unfällen, wenn Radfahrer mit unvermittelt geöffneten Autotüren kollidieren. 

Vor allem ältere Radfahrer betroffen 

In bis zu 30 niedersächsischen Kommunen soll die Kampagne über mehrere Wochen präsentiert werden. Sie ist Teil einer seit 2022 laufenden landesweiten Reihe mit dem Titel „Mehr miteinander“.

Besonders betroffen von Fahrradunfällen sind nach Bartlings Einschätzung ältere Menschen. Unter den im niedersächsischen Verkehr 2025 getöteten Radfahrern seien 41 Senioren gewesen. Laut der im April vorgelegten Landesunfallstatistik waren 33 der 63 Opfer zuvor mit einem Pedelec unterwegs, etwa zwei Drittel der getöteten Radfahrer trugen keinen Fahrradhelm. „Die Bedeutung des Schulterblicks wird leider zu oft unterschätzt“, sagte er. Brockmann betonte, vor allem angesichts der höheren Geschwindigkeiten der Pedelecs sei der Schulterblick „noch wichtiger“.

Millionenschwere Investitionen geplant

Minister Tonne sagte: „Gerade dort, wo viele Menschen mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, entscheidet Aufmerksamkeit über Sicherheit.“ Das Land verbinde daher Investitionen in sichere Radwege mit einer Botschaft: „Wer den Schulterblick macht, schützt Radfahrende, Fußgängerinnen und Fußgänger – und übernimmt Verantwortung für ein sicheres Miteinander im Straßenverkehr.“ Er gab zu, diese in der Fahrschule vermittelte „vermeintliche Kleinigkeit“ - eben der Schulterblick - könne „etwas versacken“. Dabei gehe es um eine „kleine Handlung mit großer Wirkung“.

Niedersachsens Verkehrsminister Grant Hendrik Tonne zeigt, wie es geht: der Schulterblick.

Niedersachsens Verkehrsminister Grant Hendrik Tonne zeigt, wie es geht: der Schulterblick. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Der SPD-Politiker kündigte an, das Land werde im laufenden Jahr rund 26,5 Millionen Euro in den Neubau und die Sanierung von Radwegen investieren - ein Rekord. Dabei gehe es um 13 Neubauprojekte, insgesamt 46 Abschnitte oder 130 Kilometer Radwege stünden vor der Sanierung. In den vergangenen Jahren wurden landesweit nach Angaben des Ministeriums jährlich zwischen 20 und gut 22 Millionen Euro investiert. Auch in den kommenden Jahren solle weiter investiert werden, sagte Tonne. 

Hehres Ziel

Der Minister sprach von der sogenannten „Vision Zero“ - also einem Szenario, in dem es keine Verkehrstoten mehr gibt. Das sei ein „hehres Ziel, an dem wir immer wieder zu arbeiten haben“, sagte er und legte die Messlatte damit recht hoch. Auch Brockmann betonte, die „Vision Zero“ werde im Blick behalten: „Diese Vision muss der Leitgedanke sein.“

Schulterblick geht ganz leicht: Das Land Niedersachsen will mit einer Kampagne den Radverkehr sicherer machen.

Schulterblick geht ganz leicht: Das Land Niedersachsen will mit einer Kampagne den Radverkehr sicherer machen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

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