Profiler rollt 20 Jahre alten Mord an Heike Rimbach neu auf
<p>Profiler Axel Petermann ermittelt in einem ungeklärten Mordfall. Alte Beweise könnten zum Täter führen. Symbolfoto: dpa</p>
Harz. Der brutale Mord an Heike Rimbach in Lüttgenrode (Landkreis Harz) vor 20 Jahren hat über die Grenzen des Harzes hinaus für Aufsehen gesorgt. Der erfahrene Profiler Axel Petermann ermittelt nun.
Die 19-jährige Frau war am 28. August 1995 auf dem Dachboden ihres Elternhauses erhängt worden. Zuvor hatte der Täter ihr mit einem hämmerähnlichen Gegenstand schwere Kopfverletzungen und dann mit einem Messer mehr als 30 Stiche und Schnittverletzungen im Halsbereich und im Nacken zugefügt. Der Mord konnte nie aufgeklärt werden, der Täter ist bis heute auf freiem Fuß.
Im Laufe der Jahre hatten sich unterschiedliche Ermittler mit dem Fall befasst. Ohne Erfolg. Die Mutter des Opfers, Maria Rimbach, kämpft bis heute für die Aufklärung des Verbrechens. Und sie schöpft neue Hoffnung, dass die Tat doch noch aufgeklärt werden kann. Denn seit einiger Zeit beschäftigt sich der erfahrene Kriminalist und Buchautor Axel Petermann mit dem Fall. Der ehemalige Polizeibeamte war Leiter der Mordkommission in Bremen und seit 2000 mit dem Aufbau der Dienststelle „Operative Fallanalyse“ betraut, deren Leiter er bis zu seiner Pensionierung im Oktober 2014 war. Er rollt nun als privater Ermittler ungeklärte Morde auf.
Petermann bezeichnet den Mord an Heike Rimbach im GZ-Interview als „einzigartiges, ungewöhnliches Verbrechen“ und widmet dem Fall in seinem aktuellen Buch „Der Profiler. Ein Spezialist für ungeklärte Morde berichtet“ (Heyne) mehr als 100 Seiten. Trotz der lange zurückliegenden Tat sieht er Chancen, das Verbrechen aufzuklären. Er ist sich sicher: Der Name des Mörders steht in den Ermittlungsakten. Maria Rimbach setzt hohe Erwartungen in die neuerlichen Ermittlungen. „Wir haben alles verloren, jetzt ist die Hoffnung wieder da“, sagt die 58-jährige Frau, die vor einigen Jahren mit ihrem 68-jährigen Mann nach Göttingerode gezogen ist.
Rückblick: Karl-Heinz Rimbach hatte am Morgen des 29. August 1995 seine tote Stieftochter auf dem Dachboden der Wohnung gefunden und rief die Polizei. Die anfänglichen Ermittlungen konzentrierten sich schnell auf ein innerfamiliäres Verbrechen. Der Verdacht richtete sich gegen die Eltern und die beiden Stiefbrüder, er ließ sich allerdings nicht konkretisieren. Die Ermittlungen kamen nicht voran.
Der bekannte Kriminalbiologe Mark Benecke, der sich 2007 mit dem Fall beschäftigte, kritisierte die Arbeit der Ermittler. Spuren seien damals am Tatort nicht gesichert worden, die Behörden arbeiteten langsam, die Arbeit der Polizei sei von internen Umgruppierungen gestört worden.
Dann nahm der Fall neuen Schwung auf: 2009 entdeckte die Polizei mithilfe einer DNA-Analyse neue Spuren, die zur Festnahme des 34-jährigen Ex-Freundes von Heike Rimbach aus Bad Harzburg führten. Die junge Frau hatte sich einige Monate vor ihrem Tod von ihm getrennt. Im November erhob die Staatsanwaltschaft Magdeburg dann Mordanklage gegen den Mann. Im August 2010 wurde die Mordanklage allerdings wieder fallen gelassen, im Juni 2011 stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen den Mann ein.
Axel Petermann hat seine Untersuchungen des Mordes vor gut einem Jahr begonnen. Er hat Kontakt zu der Familie Rimbach aufgenommen, den Tatort aufgesucht und mit den ermittelnden Behörden gesprochen. Er hat Einsicht genommen in die Unterlagen des Rechtsanwalts der Familie Rimbach und er tauscht sich regelmäßig mit Maria Rimbach aus. Dabei ist es ihm wichtig, dass er nicht wie ein Anwalt die Interessen eines Klienten vertritt, sondern frei in seiner Meinung bleibt.
Bei der Analyse des Mordes an Heike Rimbach hat er auch einen weiteren Mord in seine Überlegungen mit einbezogen. Vor zehn Jahren war in Bad Harzburg eine thailändische Prostituierte brutal getötet worden. Die Tatausführung wies Ähnlichkeiten mit dem Mord an Heike Rimbach auf. Der Täter hat mit einem hammerartigen Gegenstand auf die Frau eingeschlagen und ihr mit einem Messer in Hals und Schulter gestochen.
Ein früherer Arbeitskollege von Heike aus der Fleischerei, in der sie damals ihre Ausbildung machte, wurde angeklagt. Maria Rimbach verpasste keinen Verhandlungstag. In einem Indizienprozess wurde der Mann aus Vienenburg schließlich freigesprochen. Petermann ist der Auffassung, dass beide Morde von unterschiedlichen Tätern begangen wurden, und begründet diese Annahme im GZ-Interview..
Im Zuge seiner Ermittlungen hat er versucht, sowohl mit dem Ex-Freund als auch mit dem ehemaligen Arbeitskollegen von Heike zu sprechen. Beide lehnten ab. Im Herbst wird Petermann erneut im Harz sein. Dann will er sich mit Heikes Brüdern und ihrem ehemaligen Chef aus der Fleischerei unterhalten. Außerdem möchte er noch ein Gespräch mit dem letzten Freund von Heike führen.
Die Familie Rimbach hatte sich 1994 mit einem Abrissunternehmen in Lüttgenrode (Landkreis Harz) angesiedelt und dort begonnen, eine ehemalige Stallung neben dem Kloster Stötterlingenburg als Wohnung auszubauen. In der Folge ist es zu mehreren Einbrüchen in dem Betrieb gekommen. Drei Wochen vor dem Mord an Heike Rimbach geschieht etwas Furchtbares. Ein Gelegenheitsarbeiter, der in dem Betrieb beschäftigt war, wird erhängt in einer Betriebshalle aufgefunden. Die Polizei geht von einem Suizid aus. Heikes Vater Karl-Heinz Rimbach glaubt aber bis heute, dass es sich dabei um einen Mord gehandelt hat. Das hat er im Gespräch mit Ermittler und Autor Axel Petermann gesagt.
Die Ereignisse am Tag des Mordes an Heike Rimbach und den darauf folgenden Tag schildert Petermann in seinem Buch: Ab 6.30 Uhr ist Heike Rimbach alleine zu Hause. Sie hat an diesem Montag, 28. August 1995, ihren freien Tag. Gegen 17.30 Uhr kehrt kurz ihr jüngerer Bruder heim, der allerdings abends wieder wegfährt. Maria Rimbach kommt gegen 18 Uhr nach Hause. Am Abend schaut sie in Heikes Zimmer nach. Es ist leer. Sie macht sich Sorgen und fährt am nächsten Morgen zur Familie eines Geschäftspartners, um von dort bei Heikes Arbeitsplatz anzurufen. Sie erfährt, dass die Tochter nicht bei der Arbeit in der Fleischerei erschienen ist, und schaltet dann die Polizei ein.
In dieser Zeit ist ihr Mann vom Betrieb nach Hause gefahren, wo er gegen 8 Uhr eintrifft. Schließlich findet er die Leiche seiner Tochter und verständigt ebenfalls die Polizei.
- Im Januar 2008 tritt die Polizeistrukturreform Sachsen-Anhalt in Kraft. Die Mordakte im Fall Rimbach geht von Halberstadt zur Polizei nach Magdeburg.
- Zur gleichen Zeit schaltet Maria Rimbach den Kriminalbiologen Mark Benecke ein, um Spuren zu finden.
- Am 18. September 2009 erlässt das Amtsgericht Wernigerode Haftbefehl gegen einen Tatverdächtigen aus Bad Harzburg.
- Die Zweigstelle Halberstadt der Staatsanwaltschaft Magdeburg erhebt im November 2009 Anklage.
- Im Dezember hebt das Landgericht Magdeburg den Haftbefehl auf.
- Im August 2010 hebt die Staatsanwaltschaft die Mordanklage auf.
- Im Juni 2011 stellt die Staatsanwaltschaft Magdeburg die Ermittlungen ein.
Der ehemalige Leiter der Mordkommission in Bremen, Axel Petermann, untersucht den Mordfall seit einigen Monaten als privater Ermittler. Foto: Stefan Kuntner
Der Tatort: Auf diesem Dachboden in ihrem Elternhaus in Lüttgenrode wurde Heike Rimbach 1995 brutal ermordet. Der Fall bleibt vorerst ungelöst. Foto: Archiv