Normal ist nicht unbedingt das Nonplusultra
Veta Louise Simmons (Sonja Sikora, Mitte) wurde in der Nervenheilanstalt Opfer einer Verwechslung. Tochter Myrtle Mae (Helene Lünig) und Anwalt Omar Gaffney (Malte Leitner) reichen ihr zu Hause stärkende Getränke. Fotos: Kempfer
Goslar. „Konntet ihr den Hasen sehen?“ fragt ein Zuschauer der Premiere von „Mein Freund Harvey“ von Mary Chase am Dienstag im Ratsgymnasium die Umstehenden. Eine rhetorische Frage, die mit Gelächter quittiert wird. Denn der Hase Harvey existiert nur in der Fantasie des „Helden“ Elwood P. Dowd – oder? Für James Stewart war die Figur in der Verfilmung von 1950 eine Paraderolle.
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Oscar Rose ist allerdings auch nicht von schlechten Eltern. Wunderbar, wie der smarte Schüler mit stetem Lächeln auf den Lippen sich nicht aus der Ruhe bringen lässt – nicht vom Leben, nicht von seiner Familie, nicht von den Ärzten der Nervenheilanstalt. Die Psychiater mag er eigentlich ganz gerne, und eine Taxifahrerin lädt er gleich zu sich nach Hause ein – wie all seine Bar-Bekanntschaften, die er mit Geld und Essen versorgt. Nach heutigen Maßstäben also ein toller Typ, ein bisschen unkonventionell vielleicht, aber mit einem großen Herz.
Das kann seine Schwester Veta (Sonja Sikora entwickelt ihre Rolle wunderbar) nicht wirklich goutieren, die Standesdünkel sind zweifelsohne da, man zählt sich zur feinen Gesellschaft, telefonisch wird die „Redakteurin für Gesellschaftsnachrichten“ bedient. Aber wenn es nur das wäre. Da ist schließlich noch Harvey, das Hirngespinst des vermögenden Bruders, der die Schwester und deren heiratswillige Tochter Myrtle Mae (schön schmollend: Helene Lünig), bei sich aufgenommen hat. Im Stadium der Bräutigamsuche für Myrtle Mae (was für ein Name) ist ein Familienmitglied, das nicht mehr alle Tassen im Schrank oder auf jeden Fall einen Hasen zu viel hat, kontraproduktiv.
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Veta will Elwood hinter Schloss und Riegel einer Psychiatrie bringen. Für immer. „Wir haben kein gesellschaftliches Leben mehr. Wir haben überhaupt kein Leben mehr!“, ruft sie verzweifelt – und der Zuschauer nimmt ihr die Pein ab. Das Drama nimmt seinen komödiantischen Lauf – und wäre schnell am Ende, wäre da nicht der Zweifel. Veta, reichlich verwirrt, meint plötzlich selber, Harvey gesehen zu haben (später geht das dem Chefarzt ebenso) – und findet sich statt Elwood in der Anstalt wieder, der zweite Ort der Handlung. Die Kulissen werden im Akkord hin- und hergeschoben.
In der Psychiatrie herrschen Dr. William R. Chumley und sein Assistent Dr. Sanderson, mit Felix Benk und Simon Dreitzner von Axel Dücker und Anette Steinberg (Regie) ebenfalls bestens besetzt – ergänzt werden die Weißkittel von der in Dr. Sanderson verknallten Oberschwester Kelly (Pheline Krause) und dem nicht lange fackelnden Pfleger Wilson (Finn Reuter), der Myrtle Mae schöne Augen macht. In einer Doppelrolle glänzt neben weiteren Darstellern Celina Bzdok als echauffierte Mrs. Chauvenet und toughe Taxifahrerin, der zentrale Worte im Stück zukommen. Soll Elwood wirklich die „Infusion 977“ bekommen, die den liebenswürdigen, spendablen Hasen-Seher zu einem ganz normalen Menschen machen soll? „Sie wissen, was für ein schäbiges Gesinde das ist!“ Das sitzt...
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WeitereVorstellungenvon„MeinFreund Harvey“ gehen von heute bis Samstag jeweils um 19.30 Uhr über die Bühne im Ratsgymnasium. Karten verkauft Opus 57.
Requisiten-Rosen für Anette Steinberg von „Chef-Psychiater“ Felix Benk.