Nie wieder sagen: „Ich hasse dich“
Angelika Kallwass (re.) signiert die Bücher der Besucher. Die Psychologin ist bekannt aus der TV-Show „Zwei bei Kallwass“ (später „Kallwass greift ein“). Foto: Potthast
Bündheim. Berührend, nah dran war die Lesung von Angelika Kallwass. So empfanden es die Gäste am Samstagabend im Bündheimer Schloß.
Dorthin war die Psychologin und Autorin vom Kulturklub Bad Harzburg eingeladen worden. Mitgebracht hatte sie ihr Buch „Was am Ende zählt. Mein Umgang mit dem Tod. Für ein erfülltes Leben“. Rund 120 Zuhörer hatte sie.
„Ich begegne Menschen gerne auf Augenhöhe“, sagt sie zu Beginn und tut genau das in der Pause und am Ende ihrer Lesung. Bis dahin hat sie ihren Stuhl, ihren Tisch auf der Bühne – also entfernt und erhöht vom Publikum. Doch ist da nur die räumliche Distanz. Sonst: emotionale Nähe. Bemerkbar an der Stille, die sich so oft ausdehnt. Es ist eine angebrachte, eine angenehme Stille – sehr selten bei Lesungen. Angelika Kallwass rührt bei manch einem an eigenen Erlebnissen mit dem Tod, an eigenen Tochter-Eltern-Schwierigkeiten. Denn von denen erzählt sie am Samstag. Auch von ihrer Therapie, von ihrer Strategie im Umgang mit den Menschen nach dem Tod ihres Vaters.
Der kam unerwartet. Ihre letzte Begegnung schloss mit einem Streit. Sie: „Ich hasse dich.“ Er: „Ich weiß, mein Liebchen.“ Das rief Schuldgefühle bei ihr hervor. Das führte dazu, dass sie in Disputen nie mehr den Hass-Satz sagte. Dass sie mit positiven Worten aus solchen Situationen herausging. Dass sie bei Abschieden ein „Ich mag Dich“ anfügte. Zeitweilig sehr inflationär, was dem einen oder anderen vielleicht etwas merkwürdig anmutete. Sie wollte in jeder Sekunde das Gefühl haben, es sei alles gesagt.
Beim Vater nicht möglich, weil er so plötzlich weg war. Eine Methode, um mit dem Nichtausgesprochenen klar zu kommen: Es „aus der Seele schreiben“, Briefe an den Verstorbenen formulieren. Die Trauer muss raus, sie soll nicht im Bauch gären. „Sonst kann sie pathologisch werden“, so die Psychologin.
Von ihrer Mutter nahm Angelika Kallwass Abschied im Krankenhaus und dann die letzten Tage zu Hause, sie redete mit ihr, führte Monologe am Bett der demenzkranken Frau, hatte noch einen schönen Weihnachtsbaum und ein Glas Neujahrssekt mit ihr. Der letzte Blick, der sonst so sperrigen, so nach Autonomie strebenden Mutter: „Sehr zärtlich, sehr weich.“ Nie habe sie sie hingebungsvoller erlebt als im Sterben. Angelika Kallwass hielt ihre Mutter im Arm.
Ihren Tod konnte sie begreifen, den ihres Vaters nicht. Ihren Leichnam schaute sie sich beim Bestatter an, das hatte sie beim Vater nicht getan – auf Anraten. Angelika Kallwass sagt über sich: „Ich bin mit der Tatsache des Todes, des Sterbens versöhnt, bin dem Leben zugewandt.“ Ihr Wunsch: Alt und lebenssatt sterben, ohne Schmerzen; alles mitkriegen. „Es würde mich echt interessieren, wie’s wirklich geht.“
Den Gästen, denen sie ihre eigene Rührung zeigte, wünschte sie ein schönes Leben. Eines, in dem sie ihre Gefühle zulassen. „Ich bin ein großer Anhänger der Affekte.“ Eines, indem sie zwischendurch innehalten bei Konflikten mit anderen und sagen: „Lass uns noch mal reden.“ Sie weiß, wie schnell der Tod da sein kann.