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Model, Studentin, Bloggerin

Model, Studentin und Bloggerin: Anabel Schunke lebt weiterhin in Goslar und schreibt für Internet-Medien.  Foto: Maik Wöll

Model, Studentin und Bloggerin: Anabel Schunke lebt weiterhin in Goslar und schreibt für Internet-Medien. Foto: Maik Wöll

Im Mai 2011 wählt die Schülerunion die junge Christdemokratin Anabel Schunke zu ihrer Kreisvorsitzenden. Im März 2014 kandidiert die Schülerin aus Ohlhof als Mitglied der Linken und mit Abstand jüngste Bewerberin ihrer neuen Partei bei der Fusionswahl mit Vienenburg für den Goslarer Rat.

Von Frank Heine Freitag, 27.10.2017, 14:32 Uhr

Im Mai 2011 wählt die Schülerunion die junge Christdemokratin Anabel Schunke zu ihrer Kreisvorsitzenden. Im März 2014 kandidiert die Schülerin aus Ohlhof als Mitglied der Linken und mit Abstand jüngste Bewerberin ihrer neuen Partei bei der Fusionswahl mit Vienenburg für den Goslarer Rat.

Ende August 2017 postet AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel ein fröhliches Foto auf Facebook, das sie gemeinsam mit Schunke am Rande eines Wahlkampf-Auftritts auf dem Braunschweiger Schlossplatz zeigt. Sie selbst sieht sich eigentlich als „klassische FDP-Wählerin“ und stellt sich im Internet unter ihrem Autorenprofil beim selbst erklärten liberal-konservativen Meinungsmagazin „Tichys Einblick“ als Model, Studentin und Bloggerin vor. Außerdem schreibt sie für die deutsche „Huffington Post“ und „Emma Online“.

„Sie halten mich bestimmt für irre?“ Wer Schunke anruft und neugierig Auskunft über die politische Wundertüten-Vita und berufliche Vielseitigkeit begehrt, erntet eine charmant hingelachte Gegenfrage, die Unsicherheit genauso wie eine angenehme Portion Selbstironie verrät. Nein, sie war nicht jung und brauchte das Geld. Dieses Schubladen-Motto zieht gewiss nicht.

Aber sie war eben doch jung, politisch auf der Suche und geschmeidig bei den Positionen – nach eigener Einschätzung bisweilen auf Irrwegen unterwegs, aber in ihren Überzeugungen und Zielen weitgehend gefestigt. Nur über den Weg dorthin sei sie nicht mehr so naiv wie früher, sondern auch härter geworden. „Ich glaube heute etwa nicht mehr, dass sich die Probleme Afrikas durch Entwicklungshilfe lösen lassen.“

Afrika. Flüchtlinge. Asyl. Islam. Richtig: Schunke hat ihr Thema inzwischen gefunden. Ein Thema, das spaltet. Ein Thema, das aber auch viele Klicks bringt – begehrte Online-Währung also. Schunke schreibt immer meinungsstark, seltener faktenfreudig, nie plump, aber auch nicht frei von Widersprüchen.

Beispiel Lügenpresse: Auf dieser Schiene reite sie nicht, versichert sie nachdrücklich. Im jüngsten Tichys-Beitrag über den schwarzen Mister-T-Ostfriesen Keno Veith finden sich aber schnell Passagen wie jene über „eine wiedererstarkende Fremdenfeindlichkeit in Deutschland“, die vor allem „ein Hirngespinst einer politischen und medialen Kaste“ sei.

Pauschalkritik am ach so bösen „System“ wie einst in der sterbenden Weimarer Republik? Geschenkt. „Mir ist wichtig, dass Kritik am Islam und der Asylpolitik aus der Mitte der Gesellschaft heraus erlaubt sein muss“, erklärt Schunke. Aber: Ist sie das nicht? Wird eigentlich nicht ständig kritisiert? Wo aber sind Optionen? Lösungen? Können die einfach sein? Und: Liegen sie bei der AfD?

Nein, dort sei sie nicht Mitglied. Sie schätze aber deren Rolle als Korrektiv in der Parteienlandschaft. Den Weidel-Auftritt in Braunschweig habe sie journalistisch begleitet, sich vor der Bundestagswahl alle Parteien angeschaut. Sympathie schwinge mit, aber sie sagt frei heraus, dass „bei der AfD personell auch viel Unappetitliches unterwegs ist – die einen mögen mich, die anderen hassen mich.“ Nun, Weidel mag sie wohl eher mehr. Ein für den 12.März per Plakat angekündigter Auftritt Schunkes als Gastrednerin bei einer AfD-Veranstaltung in Eberbach im Rhein-Neckar-Kreis mit Weidel und Bundesvize Beatrix von Storch sei aber nicht zustande gekommen, versichert sie. Als Journalistin gehöre sich das schließlich nicht – stimmt.

Journalistin? Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Viele nennen sich so. Aber sie kann tatsächlich was, schreibt flüssig, bedient gern die emotionale Schiene: „Ich habe mein Herz auf der Zunge.“ Auf der Tichys-Autorenseite ist ihr Konterfei direkt neben Rafael Seligman zu sehen, dem Vorstandsmitglied des Vereins „GesichtZeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“. Ex-Familenministerin Kristina Schröder taucht dort genauso auf wie Josef Kraus. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands ist demnächst Ehrengast beim Niedersächsischen Philologentag, der Anfang November wieder in Goslar über die Bühne geht. Liberal-konservativ? Im Netz und in anderen Medien sind auch andere Einschätzungen des Organs zu finden. Liberal in Wirtschaftsfragen, national-konservativ in anderen Bereichen – bisweilen am Rand zum Rechtspopulismus.

Zurück zu Schunke und ihrer Ausbildung: Als Schülerin besuchte sie das Ratsgymnasium, wechselte zum Bad Harzburger „Burgy“ und machte dort den erweiterten Realschulabschluss. Es folgte eine Zeit, in der sie gejobbt habe, aber auch „gesundheitlich ausgeknockt“ gewesen sei. Mit 23 Jahren ging sie ans Kolleg nach Braunschweig, holte 2014 das Abitur nach – „als Jahrgangsbeste“, wie sie betont. In Göttingen studierte sie anschließend Politikwissenschaft und Geschichte mit dem Schwerpunkt Politische Theorie. Derzeit steht die 29-Jährige, die nach wie vor in Goslar wohnt, kurz vor dem Bachelor.

Die Schülerunion? Nach ihrer Wahl zur Vorsitzenden brachte sie 2011 einen Antrag für eine individuelle Hausaufgabenbetreuung für Schüler mit Migrationshintergrund auf den Weg. Sie habe sich der Integrationspolitik verschrieben, hieß es. In den Dezember jenes Jahres fiel auch, dass sie zwei Jahre nach dem Tod von Sänger Michael Jackson ein Fotomosaik des Vereins „Make a change“ ins Goslarer Cineplex holte und um Spenden für Kinder in Burundi warb. Für Pascal Bothe, ihren Vorgänger im Amt und inzwischen Geschäftsführer der CDU-Ratsfraktion, hatte sie seinerzeit großes Lob parat: Er habe einen „großartigen Job“ gemacht. „Anabel war immer engagiert, immer dabei, hat viele Ideen eingebracht –und war irgendwann von heute auf morgen verschwunden“, erinnert sich Bothe. Niemand habe gewusst warum. Wohin schon: 2014 bewirbt sie sich für den Rat – mit tiefroter Parteifarbe. „Sie war kurz Mitglied bei den Linken, hat auch kandidiert und ist wieder ausgetreten“, erzählt Kreisvorsitzender Michael Ohse. Finanzkrise und Occupy-Bewegung seien damals wohl Grund für den Kurswechsel von der Union zur Linken gewesen.

„Zwischendurch war ich nach links abgedriftet“, räumt Schunke unumwunden ein – politisch verlaufen, könnte man sagen. 2015 pöbelt sie in einem Internet-Post noch gegen fremdenfeindliche Protestler im sächsischen Freital, wirbt um Mitgefühl für Menschen, in deren Ländern die reichen Nationen etwa ihren Industriemüll abladen. Ein Beitrag, der ihr heute immer wieder unter die Nase gerieben wird.

„Zum Glück ist mir meine Nationalität nicht so wichtig und so fühle ich mich dann doch nicht so verbunden mit euch, nur weil wir aus einem Land kommen“, schreibt Schunke dort unter anderem. Klingt nicht sehr nationalistisch. Nicht einmal patriotisch. Und so ganz anders als heute.

„Haben Sie gar kein Problem damit, einer Rechtspopulistin so viel Raum in der Zeitung zu geben?“ Schunkes zweite Frage ist listig, wird wieder mit einem Lächeln serviert. Klingt Neugierde durch? Nimmt sie sich selbst oder den anderen auf die Schippe? Oder nur ein Vortasten – die Furcht gar vor einem „bitterbösen Bericht“?

Um es klar zu sagen: Nein, es gibt kein Problem. Menschen sollten sich ihr Urteil auf Basis von Fakten bilden. Aber eine alte Erfahrung lehrt: Meinungen gehen auseinander, auch wenn die Fakten dieselben sind. Fazit: Anabel Schunke scheint im Jahr 2017 politisch und als Autorin angekommen. Ihr Inhalt bleibt im Kern derselbe. Immer neu aufgefrischt und in stets andere Verpackungen gehüllt, wird er einer kommentarfreudigen Internet-Gemeinschaft zum Anfüttern dargereicht. Von ihrer journalistischen Tätigkeit und den Social-Media-Aktivitäten könne sie gut leben, sagt Schunke. Auch wenn Facebook sie hin und wieder wegen ihrer Äußerungen sperrt? Aber womöglich gehört das zum Geschäftsmodell: Opfer einer Meinungszensur? Macht interessant. Ob Anabel Schunkes Reise zu Ende ist? Zweifel sind erlaubt.

Facebook-Schnappschuss: Am Rande eines Wahlkampfauftrittes in Braunschweig posiert Alice Weidel mit Anabel Schunke.

Facebook-Schnappschuss: Am Rande eines Wahlkampfauftrittes in Braunschweig posiert Alice Weidel mit Anabel Schunke.

„Irrweg“: Im März 2014 kandidiert Anabel Schunke direkt neben Rüdiger Wohltmann auf Linken-Liste für den Rat.

„Irrweg“: Im März 2014 kandidiert Anabel Schunke direkt neben Rüdiger Wohltmann auf Linken-Liste für den Rat.

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