Mit 66 Jahren fängt das Häuptling-Leben an
Im Museum ist auch ein original Bisonschädel-Altar zu bewundern. Die Tiere garantierten Prärieindianern das Überleben.
Derenburg. Am Harzrand auf der Spur der Indianer: Thomas Merbt zeigt in einem ehemaligen Supermarkt in Derenburg Original-Exponate und teils begehbare Dioramen.
Was hat der Harz mit Indianern zu tun? Auf den zweiten Blick einiges... Nicht nur wegen der Westernstadt in Hasselfelde oder der Teufelsmauer am Harzrand, die als Kulisse für die DDR-Winnetou-Filme diente. In einem alten Supermarkt in Derenburg können Interessierte in die Welt der Indianer abtauchen – in einem der größten Indianer-Museen weit und breit, das „Häuptling Penny-Markt“ betreibt.
So nennen die Einheimischen Thomas Merbt mittlerweile, denn er hauchte dem leer stehenden Supermarkt mit seinen Original-Exponaten neues Leben ein. Sein Großvater, der noch Karl May persönlich kannte, legte den Grundstein für sein Interesse. Pfarrer und Geschichtslehrer trugen ebenso ihren Teil dazu bei, das historische Interesse zu wecken, wie seine Besuche im noch kriegszerstörten Leipziger Grassimuseum. Merbt, 67 Jahre alt, wurde in Leipzig geboren, kam noch im Kinderwagen aus der sowjetisch besetzten Zone nach Niedersachsen. In Goslar wuchs er auf, ging zur Schule, feierte Konformation. Sein erstes Mal USA: 1963. „Als Schiffsjunge verdiente ich mir mein Geld für die Passage.“ Eine Parade zum amerikanischen Bürgerkrieg weckte endgültig das Interesse an der Vergangenheit der Neuen Welt.
Nach seiner Rückkehr verschlug es ihn nach Südwestdeutschland, wo Merbt seine Kontakte zu den dort stationierten US-Soldaten nutzte. Auf US-Flohmärkten konnte er historische Exponate der Indianer oder Cowboys aus Nordamerika erwerben. „Als Rettungstaucher bei der Feuerwehr barg ich Unmengen Weltkriegshinterlassenschaften, auf die waren US-Soldaten ganz scharf und tauschten sie gegen originale Indianer-Gegenstände ein“, erzählt „Turned Apple“, Merbt ist ehrenhalber Stammesmitglied der Santa Rosa Creek Indianer aus Florida. Bei seinen Amerika-Reisen erlernte er immer wieder von traditionellen Indianern deren naturverbundene alte Handwerkstechniken, sammelte weitere Exponate.
Der größte Einschnitt seines Leben folgte nach dem Tod der ersten Frau: „Ich hatte einen Außendienstjob und wäre für meinen Sohn nur noch ein Wochenende-Papa gewesen. Das wollte ich nicht. Ich stellte mein Leben um, machte mein Hobby zum Beruf und biete seitdem Indianer-Projekttage an, lehre Tänze, Techniken, Traditionen. Das ist meine Berufung. Mein Lebenswerk ist, freiwilliger Botschafter für die Amerikaner erster Generation zu sein“, betont Merbt.
Im Oktober 2014 kam nach 22Jahren das Aus für sein erstes Indianermuseum bei Karlsruhe, die Räume, die er angemietet hatte, kaufte ein neuer Eigentümer. Die Kontakte seiner zweiten Frau Esther verschlugen ihn wieder an den Harz, wo er nun zum zweiten Mal ein Museum aufbaut. „In meinem Alter setzt man sich normalerweise zur Ruhe – ich will aber weiter meine Botschaftertätigkeit ausüben.“ Mit 66 Jahren fing das Häuptling-Leben noch mal so richtig an. Am Herzen liegt ihm dabei, die historisch-wissenschaftliche Schiene lebendig rüberzubringen, „Wild-West-Mythos will ich nicht haben.“
Drei Viertel seiner 4000 Exponate sind originale Artefakte, sie sind nach Kulturregionen in Vitrinen geordnet. Dazwischen sind teilweise begehbare lebensgroße Dioramen mit Alltagsszenen entstanden, bei diesen Figuren werden überwiegend Replikate gezeigt. „Die Gesichter der Puppen modelliere ich selbst. Und wir sind vielleicht das einzige Museum, das Scheiße ausstellt“, erzählt er lachend und hebt aus dem Sand Kuhfladen auf, „Buffalo Chips“ genannt. Die dienten als Heizmaterial. Überhaupt garantierten die Büffel den Indianern das Überleben. Fast alles fand Verwertung – sogar die Hoden, sie waren ideal zur Tabakaufbewahrung.
Die Museumseröffnung ist noch nicht allzu lange her – bereits jetzt denkt er über Expansion nach. „Das Kühlhaus soll zur historischen Waffenkammer werden. Dafür muss ich viele Auflagen erfüllen: Kameraüberwachung, Panzerglas, tonnenschwere Tresortür für den Raum – auch, wenn es vielleicht nur für zehn Prozent der rund 200 Waffen noch Munition erhältlich ist“, erzählt er.
Mit dem Start in Derenburg ist er zufrieden. „Wir sind zwischen den Tourismus-Hochburgen Quedlinburg und Wernigerode eine Schlechtwetterattraktion“, lobt er die Lage. Probleme bereitet ihm nur eins: Seit rund einem Jahr kämpft er mit den Behörden darum, Hinweisschilder für sein Museum aufstellen zu dürfen.
Das Indianermuseum, Bleichstraße 2/Ecke Kornstraße, hat in den Sommermonaten mittwochs bis sonntags von 14 bis 17Uhr geöffnet. Jeden Sonntag um 14.30 Uhr gibt es lebendige Führungen. Museumseintritt: Kinder 3 Euro, Erwachsene 5Euro (ermäßigt kostet es 4 Euro).
„Manhattan Tradebeads“: Damit erwarben Holländer das Land von New York.
Auch diese US-Geschichte beleuchtet das Museum: Nordstaatensoldaten.
„Wilder Westen“ am Harzrand: Die Teufelsmauer diente bei den Dreharbeiten für die DDR-Winnetou-Filme als Kulisse.
Farbenfroh: Im Indianermuseum sind begehbare lebensgroße Dioramen mit Alltagsszenen entstanden, bei diesen Figuren werden überwiegend Replikate gezeigt. Museumsbegründer Thomas Merbt will ein Botschafter für die Amerikaner der ersten Generation sein, das bezeichnet er als sein Lebenswerk. Fotos: Gereke
Im Museum gibt es auch eine Ecke, in der sich Kinder stilecht verkleiden können – die neunjährige Katharina macht es vor.
„Häuptling Penny-Markt“: Thomas Merbt betreibt in einem alten Supermarkt sein Derenburger Indianermuseum.