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Marianne Rosenberg im Interview: „Irgendwann ist man zu alt, um jung zu sterben“

Auch mit 65 Jahren gibt es „noch viel mehr als den Fernsehsessel“, weiß Marianne Rosenberg, und bringt das in dem Lied „Hallo mein Freund“ zum Ausdruck. Ihr neues Album „Im Namen der Liebe“ ist im März auf den Markt gekommen; die Tournee dazu startet erst im nächsten Jahr. Foto: Ludewig

Auch mit 65 Jahren gibt es „noch viel mehr als den Fernsehsessel“, weiß Marianne Rosenberg, und bringt das in dem Lied „Hallo mein Freund“ zum Ausdruck. Ihr neues Album „Im Namen der Liebe“ ist im März auf den Markt gekommen; die Tournee dazu startet erst im nächsten Jahr. Foto: Ludewig

Seit einem halben Jahrhundert ist die in West-Berlin geborene Marianne Rosenberg als Sängerin aktiv, ihr bekanntester Song „Er gehört zu mir“ ist auch schon 45 Jahre alt. Aber alles an „Im Namen der Liebe“, Rosenbergs neuem Album, klingt unverbraucht und zeitgemäß. Steffen Rüth sprach mit Rosenberg, deren Sohn Max an der Platte mitgeschrieben hat, in Berlin.

Donnerstag, 02.04.2020, 13:18 Uhr

Seit dem 10. März sind Sie 65 Jahre alt. Herzlich Glückwunsch nachträglich. Freuen Sie sich?

Natürlich, und wie! Ich finde Geburtstage toll. Älter zu werden, ist doch auch etwas Wunderbares. Ich selbst bin von meinem Alter auch kein bisschen geschockt, ich kenne mich ja schon länger. Aber fällt die Zahl, dann erschrecken sich die anderen, und ich muss sie trösten.

„Wir sind älter, aber weise sind wir nicht“ singen Sie im neuen Lied „Hallo mein Freund“. Bringt die Zeile Ihre Stimmung auf den Punkt?

Ja. Ich denke, dass in jedem von uns nach wie vor ein Kind wohnt, das bestimmte Sehnsüchte und Träume hat. Und zu diesen Wünschen sollten wir auch stehen. Negieren wir sie, macht uns das nur unglücklich. Mit „Hallo mein Freund“ möchte ich aussagen, dass es auch mit über 60 noch viel mehr gibt als den Fernsehsessel.

Ihnen macht das also nichts?

Grundsätzlich ist es für mich kein Problem, dass die Zeit vergeht. Wir werden geboren, und wir werden nicht ewig leben. Dieser ganze Kokolores, den wir um das Altern veranstalten, ist doch Unsinn. Irgendwann ist man auch zu alt, um jung zu sterben.

Was sollte man sich bewahren?

Unbedingt den Humor. Dass viele Dinge im Alter anders werden, auch schwieriger, ist vollkommen klar. Aber es sollte uns trösten, dass kein Mensch davon verschont bleibt. Die Möglichkeiten im Gesundheitswesen sind ja auch wirklich immens geworden. Wir sind noch nie so alt geworden wie heute. Und man verliert mit den Jahren seine Furcht, Dinge offen auszusprechen und zu seiner Meinung zu stehen. Ich halte mich heute nicht mehr zurück, wenn es um Themen geht, die mir wichtig sind.

Sie haben sehr früh angefangen im Showgeschäft. Waren sie damals schon selbstbewusst?

Nein. Ich war 14 Jahre alt, als ich meine erste Schallplatte aufnahm. Ich war alles andere als selbstbewusst. Ich war eine Schülerin, die Angst hatte vor diesem Schlagergeschäft. Aber zugleich zog es mich magisch an.

Würden Sie gerne nochmal ein Teenager sein und heute eine Karriere beginnen?

Nein. Ich glaube, dass es für junge Leute heute einfacher ist, bekannt zu werden. Aber schwieriger, ein eigenes Profil zu entwickeln und zu erhalten. In den sozialen Medien so krass beurteilt zu werde, Hassbotschaften zu bekommen, das wirft einem schon Knüppel zwischen die Beine. Ich bin jedenfalls froh über die Gnade der frühen Geburt.

Praktisch Ihr gesamtes Album dreht sich darum, die Liebe zu stärken und den Hass zu besiegen. Ist das Ihre Lebensmission?

Ich habe immer von der Liebe gesungen. Und ich tue es jetzt wieder. Zwischendurch sind mir Liebeslieder auch mal auf den Wecker gefallen, und ich habe über den Zaun geguckt, um in anderen Genres zu arbeiten. Aber auf diesem Album ist es so, dass ich wieder nach Hause gekommen bin. Nicht nur in die Berliner Hansa-Studios, wo ich 1970 mein erstes Album aufnahm und wo später zum Beispiel ein David Bowie arbeitete. Sondern ich bin auch wieder zu meinem Musikstil zurückgekehrt – und der setzt sich zusammen aus Disco-Elementen, Schlager und klassischem Soul.

Die Platte klingt jedenfalls sehr frisch.

Frisch ist gut. Ich will nicht nur Retrosounds benutzen. Sondern auch die aktuellen Musikströmungen mit einbeziehen.

Sie haben einige Lieder zusammen mit ihrem 27-jährigen Sohn Max komponiert. Ist das sein Beruf?

Die Zusammenarbeit mit Max war nicht geplant, sondern hat sich einfach ergeben. Max ist Toningenieur, Komponist und Produzent und hat natürlich auch ein Studio. Wenn ich eine neue Idee zu einem Song hatte, bin ich zu ihm ins Studio gefahren und hab sie ihm vorgestellt. Wie selbstverständlich hat sich daraus spontan eine Zusammenarbeit ergeben, von denen die Songs sehr profitiert haben. Oft habe ich die Erfahrung eingebracht und Max die innovativen Ideen. Das ist eine hervorragende Mischung.

Wer ist denn Ihr im Lied „Wann“ besungener „Mr. 100 Prozent“? Ist es derselbe Mann, über den Sie in „Ich fühl dich“ singen: „Mein Traummann bist du“?

Ich verbinde in meinen Song gerne Authentisches mit Fiktivem. Wichtig ist mir, dass ich beim Singen etwas empfinde, und dass man das auch hört.

Was ist, nach Ihrer Erfahrung, das beste Rezept für eine erfolgreiche, lange Beziehung?

Auch ich habe so ein Patentrezept nicht, aber wichtig finde ich, den anderen so zu lassen und zu lieben, wie er ist.

In „Die Antwort weiß nur der Wind“ sprechen sie über Höher-schneller-weiter und Selbstoptimierung: Sind Sie selbst anfällig dafür, zu „marschieren wie Zeitsoldaten“? Oder gönnen Sie sich immer wieder bewusst kleine/größere Auszeiten?

In diesem Song beschreibe ich unsere Fixierung auf das Materielle, auf Beruf, Erfolg und Anerkennung. Allzu oft opfern wir dafür unsere Träume und Sehnsüchte und merken gar nicht mehr, wie wir uns in eine funktionierende Maschine verwandeln. Ja, ich gönne mir öfters Auszeiten. Es ist enorm wichtig mal anzuhalten und zu reflektieren, ob das, was man tut, noch das ist, was man eigentlich will.

Woher kommt die Melancholie in Ihren Liedern?

Melancholie siedelt sich für mich irgendwo zwischen Traurigkeit und Träumerei an. Traurig bin ich selten, aber wenn, lasse ich es auch zu. Träume dagegen hatte ich immer - und einige konnte ich mir bis heute bewahren. Kann sein, dass man das manchmal hört. Grundsätzlich finde ich es toll, dass Musik Gefühle transportieren kann. Wenn mir das nicht möglich wäre, hätte ich längst einen anderen Beruf.

Jeder Mensch kennt „Er gehört zu mir“, ihren größten Hit aus dem Jahr 1975. Was verbinden Sie selbst mit dem Lied?

Es ist ein Ass im Ärmel. Vollkommen klar. Genau wie die Rolling Stones im Konzert niemals auf „Satisfaction“ verzichten würden, will ich „Er gehört zu mir“ weglassen. In den Achtzigern habe ich das allerdings getan. Heute denke ich anders darüber. Seit vielen Jahren ist das Lied fest im Repertoire.

Marianne Rosenbergs neues Album „Im Namen der Liebe“ ist im März auf den Markt gekommen. Die Tournee startet erst 2021. Termine zum Vormerken: Am 14.April tritt sie in der Swiss Life Hall in Hannover auf, am 17. April 2021 im Gewandhaus zu Leipzig.

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