Leidenszeit im Nazi-Gefängnis: Wer weiß mehr?
Auf Spurensuche im Goslarer Stadtarchiv: Edith und Bartold von Gadenstedt sind für jeden Hinweis auf die Umstände dankbar, unter denen Annina von Gadenstedt die letzten Goslarer Kriesgwochen im Gefängnis verbracht hat. Foto: Heine
Wer kann helfen? Bartold von Gadenstedt wird im Juni 85Jahre alt und möchte endlich mehr wissen über einen Gefängnisaufenthalt, den seine Mutter Annina, eine geborene Freiin Knigge, nach einer Regime-Kritik gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in Goslar über sich ergehen lassen musste. „Ihr Körper war durch die Behandlung im Gefängnis so geschwächt, dass sie am 18.November 1945 starb“, hat der in Bockenem wohnende Sohn Ende Januar in einem Brief an Goslars Oberbürgermeister Dr.Oliver Junk geschrieben.
Wer kann helfen? Bartold von Gadenstedt wird im Juni 85 Jahre alt und möchte endlich mehr wissen über einen Gefängnisaufenthalt, den seine Mutter Annina, eine geborene Freiin Knigge, nach einer Regime-Kritik gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in Goslar über sich ergehen lassen musste. „Ihr Körper war durch die Behandlung im Gefängnis so geschwächt, dass sie am 18.November 1945 starb“, hat der in Bockenem wohnende Sohn Ende Januar in einem Brief an Goslars Oberbürgermeister Dr.Oliver Junk geschrieben.
Aber weder in der Stadtverwaltung noch beim Geschichtsverein noch im Archiv habe man ihm bisher weiterhelfen können. Zuletzt hatte er sich am Montag mit der früheren Büchereileiterin und Heimatgeschichte-Autorin Hannelore Giesecke getroffen. Wo war das Gefängnis? Wer hat seine Mutter verurteilt? Wie wurde sie von wem behandelt? Was sagen die Akten? Gibt es überhaupt noch Unterlagen? Von Gadenstedt, der 1944 bereits seinen Vater Burghard im Feldzug gegen die Sowjetunion verloren hatte, ist über alle Hinweise dankbar.
Seit seinem Brief an Junk, der durch den Tag des Gedenkens an die Nazi-Opfer ausgelöst war, hat von Gadenstedt einiges zusammengetragen – aus der eigenen Familie, aus Erzählungen aus der alten Heimat und aus der erhaltenen Trauerrede des Volkersheimer Pastors Kasper auf seine Mutter. Er erzählt die Geschichte wie folgt:
Annina von Gadenstedt gehörte in Volkersheim, wo die Adelsfamilie mit Stammbaum zurück bis 1256 ein Rittergut bewirtschaftete, der Bekennenden Kirche an. Im Januar 1945 äußerte sie in kleiner Runde ihr Bedauern über das fehlgeschlagene Offiziers-Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler. Die Kritik an den braunen Machthabern blieb nicht geheim. Sie landete bei örtlichen Parteifunktionären, die die Polizei-Maschinerie ins Laufen brachten. Dies geschah freilich nicht ohne eine Art inneren Widerstand. Polizist Köhler aus dem Nachbarort Mahlum, der die Frau ins Goslarer Gefängnis bringen sollte, rief tags vorher bei ihr an. Er werde sie nicht festnehmen, weil sie in der ganzen Gegend so bekannt und beliebt sei. Sie möge bitte am nächsten Morgen in den Zug nach Seesen vorn einsteigen. Er werde hinten sitzen und sie nach Goslar begleiten. „Meine Meinung dazu: Große Hochachtung! Wenn Mutter sich vorher abgesetzt hätte, wäre Herr Köhler von den damaligen Nazis hingerichtet worden“, sagt der Sohn 74 Jahre später.
Im Gefängnis war die Mutter nachts immer grellem Licht ausgesetzt. Von oben tropfte unablässig Wasser herab. An Schlaf war kaum zu denken. Der Gefängnisdirektor hatte ihr erlaubt, Gottesdienste für die Insassen abzuhalten. Zwei Tage, bevor die Amerikaner am 10. April 1945 in Goslar einzogen, ließ Amtsrichter Wilhelm Lenz die Türen öffnen. Annina von Gadenstedt ging daraufhin zu Fuß bis nach Alt Wallmoden, wo ihre Schwägerin wohnte. Von dort ging es mit der Kutsche weiter zurück nach Volkersheim. Lenz hatte nicht zu früh gehandelt: Einen Tag nach der erlaubten Flucht kam ein Erschießungskommando...
Der Tod war nur aufgeschoben. Im November starb sie an den Folgen einer Infektion. In seiner Trauerrede sprach der Pastor von „letzten schweren Zeiten“. Und weiter: „Wie schwer musste sie hindurch durch die harten zehn Wochen in Goslar, die wohl äußerlich den Anlass zu ihrem frühen Sterben gegeben haben.“ Sohn Bartold trägt schwer an den (zu) wenigen Erinnerungen, die er an die Mutter hat. Düster, fast traumatisch, was ihm von der Beerdigung vor Augen steht. Beim Herablassen ins Grab riss das Seil, der Sarg fiel kopfüber hinab. 1947 starb mit 21 Jahren auch noch die älteste Schwester Adele, an deren Rock sich Bartold als jüngstes von fünf Geschwistern geklammert hatte. Kindheit und Jugend verliefen schwer.
Er besuchte verschiedene Schulen, ab 1950 auch für drei Jahre die Knabenmittelschule in Goslar. Er wohnte bei einer Frau Quickert in der Bozener Straße. Mit Lehrer Dietz besuchte seine Klasse 1953 zum Anschauungsunterricht eine Gerichtsverhandlung. In der Pause stand der Staatsanwalt Rede und Antwort. Als von Gadenstedt nach dem Gefängnis „zu Adolfs Zeiten“ fragte, verneinte er zunächst dessen Existenz, gab aber gleich darauf zu, dort beschäftigt gewesen zu sein. „Dann sind Sie an dem Tod meiner Mutter beteiligt gewesen“, schrie der Junge den Älteren an. Der Lehrer brach Fragestunde und Besuch sofort ab.
Jahrzehnte später im Goslarer Stadtarchiv präsentiert von Gadenstedt gemeinsam mit Gattin Edith – als Erster der Familie hatte er einst eine Bürgerliche geheiratet – die Namen von Amtsgerichtsrat Walter Klusemann, Oberamtsrichter Osterheld und Amtsrichter Lenz. Aber hat seine Mutter überhaupt eine Gerichtsverhandlung erhalten? Nicht nur der Hannoveraner Historiker Dr. Peter Schyga, Vorsitzender der Spurensuche Harzregion und Autor zu Goslars Kriegs- und Nachkriegsgeschichte, hat seine Zweifel (siehe Hintergrund). Auch Hannelore Giesecke kann nicht viel weiterhelfen. Die 92-jährige Zeitzeugin und zuverlässige Historienquelle kennt zwar die Namen und die Menschen, die sich dahinter verbergen. Aber ob es damals überhaupt Akten gab, ob sie vernichtet wurden oder irgendwo schlummern, vermag auch sie nicht zu sagen. Als sie nach dem Krieg in der Bücherei anfing, habe es noch nicht einmal Papier gegeben: „Wir haben mit Bleistift auf Packpapier geschrieben.“
Bartold von Gadenstedt, der 1961 seinen Besitz bei Peine verkauft, mit dem Geld seinen Bruder für das Rittergut bei Volkersheim ausgezahlt und sich wie seine Mutter zeitlebens der Kirchenarbeit gewidmet hat, will mehr erfahren. Er wendet sich deshalb an die Öffentlichkeit. Wer weiß etwas zu berichten über das Goslarer Gefängnis in der Nazi-Zeit oder sogar über jene Wochen, als seine Mutter dort eingesperrt war?
Zuschriften per E-Mail bitte an evg@gaestezimmer-bockenem.de oder an die Adresse In den Reesen 13 in 31167 Bockenem; die Rufnummer lautet (05067) 3606.
- Wenig Hoffnung macht in einer ersten Stellungnahme Dr. Peter Schyga, dass Bartold von Gadenstedt in den Akten viel über seine Mutter Annina herausfinden könnte. Der Hannoveraner Historiker, der in zwei Werken die Zeiten von 1918 bis 1945 und die Nachkriegsgeschichte bis 1953 untersucht hat, weiß aus eigenen Erfahrungen zu berichten, dass aus jener Zeit, in die der Gefängnisaufenthalt fällt, viel vernichtet worden sei. Gerichtsakten aus der NS-Zeit seien in der Regel in der Pattenser Nebenstelle des Hauptstaatsarchivs untergebracht.
- Aber ist es überhaupt wahrscheinlich, dass die Justiz eingeschaltet war? „Eher nicht, damals ging viel an den Gerichten vorbei“, spricht Schyga von Willkür der Gestapo, die bis 1943 sogar noch eigene Meldungen ab- und anschließend mit diesen Nachrichten aussetzte.
- Vielleicht bietet aber auch die Bekennende Kirche einen Ansatzpunkt? Im Landeskirchenarchiv sei in dieser Hinsicht noch vergleichsweise viel erhalten. So weiß Schyga von seinen Forschungen zusammen mit Pfarrer Dirk Glufke zu Frankenberg-Pastor Adolf Holtermann, dass Amtsrichter Wilhelm Lenz, der zwei Tage vor Übergabe der Stadt an die Amerikaner die Gefängnistüren offen ließ, selbst Mitglied der Bekennenden Kirche war. Ob dort etwas zu Annina von Gadenstedt zu finden ist? Der Goslarer Holtermann hatte sich früh vom Hitler-Befürworter und SA-Mann zu einem mutigen Kritiker der Nazis gewandelt.