Langsamkeit hilft bei der Leidenschaft für Libellen
Foto links: Eine Libelle (hier: braune Mosaikjungfer, junges Männchen) hat bis zu 30.000 Einzelaugen und ein Auflösungsvermögen von bis zu 170 Bildern pro Sekunde (Mensch: bis 20/Sekunde). Foto Mitte: Die zarte Rubinjungfer (25 bis 35 Millimeter Körperlänge) zeigt ein Paarungsrad. Foto rechts: Wolfgang und Ursula Specht haben im Diabas-Steinbruch eine Libellenlarve entdeckt, die gerade schlüpft. Fotos: Specht (2)/Ciszewski (1)
Ausgerechnet Libellen. Diese zarten, schwirrenden Geschöpfe von großer Transparenz, fast mehr zu hören als zu sehen, noch viel schwieriger zu fotografieren. Warum denn keine Schmetterlinge? Deren Forschungsfeld war wohl schon gut beackert – das der Libellen noch nicht. 580 Seiten sind das Ergebnis einer Leidenschaft, die sich entwickelt hat und die von Wolfgang und Ursula Specht in ein Buch gegossen wurde.
Ausgerechnet Libellen. Diese zarten, schwirrenden Geschöpfe von großer Transparenz, fast mehr zu hören als zu sehen, noch viel schwieriger zu fotografieren. Warum denn keine Schmetterlinge? Deren Forschungsfeld war wohl schon gut beackert – das der Libellen noch nicht. 580 Seiten sind das Ergebnis einer Leidenschaft, die sich entwickelt hat und die von Wolfgang und Ursula Specht in ein Buch gegossen wurde.
„Die Libellenarten im Landkreis Goslar“ heißt das Druckwerk (Kosten: 15 Euro), das zu den „Mitteilungen des Naturwissenschaftlichen Vereins Goslar“ gehört und von diesem herausgegeben wurde. Das Lochtumer Paar gehört zu den Mitgliedern. Nach der akribischen Arbeit an dem kompakten Werk haben die beiden Autoren erst mal die Nase voll. „Ich werde kein Buch mehr schreiben“, behauptet Ursula Specht mit Nachdruck und verrät: „Wir reden sowieso viel miteinander. Aber wir haben noch nie so viel diskutiert.“ Und ihr Mann? Der hat nach Abschluss der letzten Seiten erst mal die Gartentore repariert. Eine Tätigkeit, die schnell erledigt ist – und bei der man unmittelbar das Ergebnis sieht. Aber – das Buch? Natürlich hat es sich gelohnt.
Allein die Tatsache, dass es Menschen gibt, die einem (für viele völlig unbedeutenden) Mikrokosmos einen Großteil ihrer Lebensenergie widmen, und das über Jahre, erdet und entschleunigt. Es sind „nur“ Libellen, aber, ohne religiös werden zu wollen, doch ein Teil der (vom Naturschutzgesetz geschützten) Schöpfung; Facette einer faszinierenden, großen Welt, die viele kleine in sich birgt.
„Die Libelle war Liebe auf den zweiten Blick“, gibt Ursula Specht zu. In einem Steinbruch in Wolfshagen war es um sie geschehen, als sie ein knallrotes Exemplar sah. „Oh, ist die schön!“, stellte sie fest und warnt: „Achtung, das ist ansteckend!“ Auch ihr Mann, ehemals Biologielehrer, ließ sich begeistern. Mit Freude berichtet er von einem „Gewimmel von Libellen am Gut Radau“.
Die Tatsache, dass die beiden Lochtumer sogar Erstentdecker für einige Arten wurden, gab ihrem Forscherdrang einen regelrechten Schub. Meist sieht man sie mit gesenktem Haupt – beobachtend – durch die Natur gehen – manchmal auch ausgestreckt auf dem Bauch an einem Teich oder Tümpel liegen. „Wie fotografiere ich Libellen?“ Eine Frage, die ganz am Anfang ihrer wetterabhängigen Forschung stand.
„Beobachten hilft“, weiß Ursula Specht heute. Sie sagt, sie sei in Sachen Forschung bei ihrem Mann „in die Lehre gegangen“. „Wenn Libellen eine Kurve fliegen, werden sie langsamer“, gibt sie einen Foto-Tipp. Natürlich gehört eine gute Ausrüstung dazu (Ursula Specht fotografiert mit einer Canon D1): „Wir sind Jäger mit dem Fotoapparat.“ Aber auch Eigenschaften wie Ausdauer, Geduld, Achtsamkeit, Langsamkeit sind wichtig.
„Wir können nur mit Menschen unterwegs sein, die bereit sind, die Langsamkeit zu übernehmen“, verrät sie. Man müsse ein Teil der Natur werden, erklärt das Paar: „Wenn wir erst mal eine Stunde still sitzen und unsere grünen Sachen anhaben, dann landen die Libellen auch auf uns. Das sind Highlights.“ Auch die Kleidung ist ein Faktor: „Man steht auch mal im Wasser.“
Es ist zwölf, dreizehn Jahre her, dass Spechts begannen, sich mit Libellen zu befassen. Sie beobachteten, nahmen Daten auf, zunächst für den Libellenatlas des Landkreises, später für den des ganzen Landes, regelmäßig auch für den Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz. Sie wurden Experten.
Gemeinsam wiesen die unermüdlichen Hobbyforscher nach, welche Libellenarten bodenständig sind – das heißt, dass sie wiederkommen. Wolfgang Specht holte zur Veranschaulichung der Entwicklungsstadien eine Schüssel mit Larvenhüllen aus dem Haus – sie haben einen chitinähnlichen Panzer und sehen auf den ersten Blick aus wie gepulte Nordseekrabben.
„Der Lebenszyklus einer Libelle beginnt mit dem Ei, aus dem sich eine Prolarve entwickelt; diese wandelt sich später zur Larve um. Daraus schlüpft nach mehreren Häutungen ohne weitere Umwandlung direkt das fertige Insekt“, ist unter dem entsprechenden Stichwort bei Spechts nachzulesen. Es folgt der „Jungfernflug“. Das Leben einer Libelle dauert, je nach Art, von zwei Wochen bis zu zehn Monaten. Libellen sind Jäger und fressen sich auch gegenseitig: „Es geht schon rustikal zu“, schmunzelt Specht.
Der anstrengende Spagat zwischen wissenschaftlicher Ausrichtung der Publikation und Allgemeinverständlichkeit ermöglicht auch interessierten Laien, Honig aus dem Buch zu saugen – zumindest in Form zentraler Infos und herrlicher Fotos, die die Vielfalt der Libellen im Harz dokumentieren. Keine Frage: Wer sich im Libellenkosmos von Spechts verirrt, der wird seinen Gartenteich und das Leben darum herum künftig mit anderen Augen betrachten.
Ein frisch geschlüpftes Männchen des „Großen Granatauges“ ziert den Titel des 580 Seiten umfassenden Buches „Die Libellenarten im Landkreis Goslar“, das für 15 Euro über die Autoren (wol.specht@t-online.de) zu beziehen ist. Foto: Specht
Wolfgang und Ursule Specht, Libellen, Diabas Steinbruch
Paarung