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Rauchverbot

"Kupferkanne": Ein Gefühl fast wie zu Hause

Heike Kemper zapft im Kreis einiger ihrer Stammgäste ein Bier in der „Kupferkanne“.  Fotos: Stade

Heike Kemper zapft im Kreis einiger ihrer Stammgäste ein Bier in der „Kupferkanne“. Fotos: Stade

Goslar. Wenn der Eindruck nicht täuscht, hat sich die Wirtin heute schick gemacht. Schließlich ist die Zeitung da. Im schwarzen Ausgeh-Trainingsanzug ist sie in die „Kupferkanne“ gekommen, und einige der Gäste bemerken, hoppla, dass sie sich geschminkt oder mehr als sonst aufgetragen hat.

Von Oliver Stade Dienstag, 06.11.2018, 13:35 Uhr

Goslar. Wenn der Eindruck nicht täuscht, hat sich die Wirtin heute schick gemacht. Schließlich ist die Zeitung da. Im schwarzen Ausgeh-Trainingsanzug ist sie in die „Kupferkanne“ gekommen, und einige der Gäste bemerken, hoppla, dass sie sich geschminkt oder mehr als sonst aufgetragen hat.

Wer von Geburt an Nichtraucher ist, für den ist es, als betrete er eine andere Welt, wenn er in die „Kupferkanne“ geht. Hinter der Eingangstür läuft man gegen eine dichte Wand aus Qualm. Stephan Waack, der in der „Kupferkanne“ am Zapfhahn steht, sagt: „Wenn wir hier ein Rauchverbot hätten, würden nur noch drei Leute kommen.“ Gemütlich zu knobeln, wie sie das hier tun, daran sei ja gar nicht zu denken, wenn dauernd einer zum Rauchen vor die Tür müsste.

Etwa sechs Raucherkneipen gibt es in Goslar, zählt Wirtin Heike Kemper (46) mit ihren Gäste nach. Hier kann nach Herzenslust gequalmt werden. Zu essen gibt es nichts, das sieht das Gesetz nicht vor. Und offenbar sind die meisten Raucher eiserne Biertrinker. Das Weinangebot in der „Kupferkanne“ ist äußerst schmal, zwei Rotwein- und zwei Weißweinsorten. Die Karte verrät nicht einmal, was für Rebsorten ausgeschenkt werden. In der Ferienzeit kommen hin und wieder Touristen rein. Die Kneipe liegt in der Hokenstraße in Goslars Zentrum mitten in der Fußgängerzone. Mit weniger als 75 Quadratmetern ist es die kleinste Kneipe Goslars, sagt Heike Kemper. Sie hat sich etwas einfallen lassen und bietet ein Bier im 0,1-Liter-Glas an. „Das kleinste Bier in der kleinsten Kneipe“, sagt sie nicht ohne Stolz. Mancher Urlauber kauft sich zur Erinnerung eins der Mini-Biergläser, erzählt die Wirtin.

Heike Kemper bringt für ihren Beruf die erforderliche robuste Warmherzigkeit mit. Kein Wunder, die Münsteranerin mit den sehr blond gefärbten Haaren und einem Marilyn-Monroe-Faible ist gelernte Altenpflegerin, zog später mit einer fahrbaren Brotbäckerei auf Mittelaltermärkte und fand so nach Goslar. In der Stadt lernte sie ihren Freund Stephan Waack (39) kennen. Nebenbei führt sie in Goslar einen Modeladen, den sie „Tussi Terror de Luxe“ nennt. Die „Kupferkanne“ übernahm sie vor etwa acht Jahren. Damals stand die Kneipe einige Wochen leer.

In der „Kupferkanne“ geht es familiär zu. Ebenso wie Kempers Freund Stephan Waack regelmäßig hinter der Theke steht, aber auch selbst ein Bierchen trinkt, hält es die 26-jährige Julia, die mit ihrem Freund René (32) am Tresen sitzt und später zum Platz an den Zapfhahn hinter der Theke wechselt, während Freund René weiter Feierabendbierchen trinkt. Die gelernte Restaurantfachfrau verbringt an ihrem Arbeitsplatz auch viel Freizeit.

Die Stammgäste in der „Kupferkanne“ bleiben meist unter sich. Für viele der Gäste ist die Kneipe ein Ersatzzuhause. Angela (79) ist Stammgast, kommt aber nicht täglich, sondern etwa dreimal die Woche. „Ich kenne so ziemlich alle hier“, sagt sie. „Die Wirtsleute sind in Ordnung“, antwortet sie auf die Frage, warum sie in die Kneipe geht und fügt an: „Zu Hause bin ich alleine.“ Während geknobelt wird, läuft im Hintergrund internationale Schlager- und Popmusik. Und in den Fenstern steht Nippes, wie im Wohnzimmer. Elefanten, die ihren Rüssel in die Höhe heben, kleine Pflanzen, Eulen, ein Nussknacker.

Hin und wieder wird gequatscht, mancher schaut längere Zeit nur ins Bierglas und zieht an der Zigarette. Ein Gast erzählt, dass er mit dem Bus nach Clausthal fuhr, aus Sorge um den Führerschein. Ein anderes Mal geht es darum, wie Haxe und Sauerkraut am besten zubereitet werden, ein Gast erinnert sich ans Rezept seiner Mutter. Angela bezweifelt, dass der Backofen für Haxe mit Sauerkraut der richtige Ort ist.

Der Ton ist direkt, aber es ist wohl herzlich gemeint, wenn Julia Karotte genannt wird, wegen ihrer roten Haare. Mancher sagt auch Kugelarsch zu ihr, ohne dass sie sich beschwert. Und der 62-jährige Erich, der fast jeden Feierabend in der „Kupferkanne“ verbringt, verabschiedet sich von dem 72-jährigen Gast, den sie hier „Onkel Heinz“ nennen, mit den Worten „Machs gut, du Stinktier.“ Den Kosenamen hat er sich verdient, weil er Zigarren pafft.

„Onkel Heinz“ ist Stammgast, er kommt seit zehn Jahren in die „Kupferkanne“. In so einer Kneipe geht es vertraut zu. Heinz erinnert sich im Gespräch mit dem Gast von der Zeitung unverblümt an seine, tja, sagen wir: erotischen Extravaganzen. Täuscht der Eindruck? Heike hört das nicht gern. Aber Heinz ist Stammgast.

Wer die Wirtin mit ihren Gästen bei einigen Gläschen im lockeren Plausch zusammensitzen sieht, denkt sich, eine gemütliche Runde ist das. Doch der Job ist nicht ohne. Die „Kupferkanne“ öffnet in den ruhigen Monaten um 14 Uhr, sonst sogar um 11 Uhr. Bis mindestens22 Uhr ist sie auf, täglich. Würde sie an einem Tag nicht öffnen, könnte Kemper das zu spüren bekommen. „Sonst bleiben die Kunden weg und gehen woanders hin“, befürchtet sie. Der Stammgast will eben gehegt und gepflegt werden.

Raucher Heinz mit Zigarre.

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Für jeden Geschmack etwas.

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„Die Kupferkanne“: Rauchen erlaubt

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