Kunst zum Wachsen, Hören und Diffundieren
Menschen schauen Menschen an: Fotografien verteilen sich in der Stephani-Kirche. Fotos: Potthast
Kunst und Kirche verbinden zu einem Kirchenkunstpfad – ein großer Wunsch. Die fünf innerstädtischen Gotteshäuser geben die historischen Räume, in denen zeitgenössisch Kreatives ausgestellt ist.
Eine lang gehegte Idee von Dr. Elfi Krajewski ist damit Realität geworden. Seit Sonntagabend und bis zum 20. Juli ist das ökumenische Projekt Kirchenkunstpfad, das viele Sponsoren hatte, zu beschreiten. Zu den jeweiligen Öffnungszeiten der Kirchen.
Es gehe um die Korrespondenz zwischen Kirche und Kunstobjekt, leitete Propst Thomas Gunkel am Sonntag in das Gesamtprojekt ein. Dass die nicht immer war wie heute, zeigte er in einem Rückblick auf vergangene Jahrzehnte. Aber: Bilder seien eingängiger als Worte, sie erreichten das Denken, Fühlen und Wollen.
Am Sonntag in Kombination mit der Bewegung. Es gab eine Wegzehrung zu Beginn, das Goslarer Kreuzbrötchen, es gab Getränke und Knabbereien an fast allen Kirchenkunst-Haltestellen später. Die Pfad-Finder nutzten das, zog sich die Vernissage doch über mehr als drei Stunden – mit den Begleitpolen Orgelkonzert und Abendsegen.
Zarte Töne beim Eintreten in der Marktkirche. Die Klanginstallation von Heiko Wommelsdorf hat ihre Wirkung überall im Raum. An zwei Wänden und auf Holzkisten hat er Spieluhren verteilt, die bedient werden wollen. Sie werden mit den Menschen, die sie zum Klingen bringen, wiederum zu Kunstobjekten: Köpfe richten sich parallel zur Wand aus, um Ohren in Position zu bringen. Wie die Spieluhren im Miteinander wahrgenommen werden können, ist am Sonntagabend zu hören. Tonfolgen aus der Schuke-Späth-Orgel setzt Organist Wolfgang Knuth vorher ein und danach.
Menschen, die Menschen anschauen. In der Stephani-Kirche lässt das Fotograf Klaus Kohn zu. hat Männer und Frauen abgelichtet, die direkt oder indirekt von psychischen Krankheiten betroffen sind. Sie konnten sich in einer nur einseitig offenen Kiste aufstellen. Lässig, kraftstrotzend und so den begrenzten Raum nahezu voll für sich einnehmend die einen. Unsicher, schüchtern und eher zurückgezogen andere. An den Säulen hat der Künstler die hoch formatigen Schwarz-Weiß-Bilder verteilt: Menschen umgeben Menschen – Kirchgänger wie Dargestellte wechselseitig.
Einen Baum der Erleuchtung lässt Martina Hesse im Paradies, ein abgeschiedener Raum, der Jakobi-Kirche wachsen. Durch kleine grüne Zettel, auf denen der Betrachter eigene Worte der Erkenntnis notiert. Die Goslarerin hat in ihrem Objekt Natürliches und Künstliches zusammengefügt: Holz und Draht. Das Skulpturale kann sich dem jeweiligen Lichteinfall hingebend an den Wänden noch einmal darstellen.
Dreierlei aus Stein Gearbeitetes hat Eike Geertz in die Pfadstation Neuwerk-Kirche gestellt. Sie möchte mit ihren Arbeiten den Blick auf das Innere des Menschen lenken. Eine Spiegelung direkter Art erreicht Johanna Junk mit ihrer Installation. Eine silberne Folie vor dem Altar lenkt das Deckengemälde vom Hochchor hinunter. Umkränzt ist sie von weißen Tauben. Auf die Suche nach dem Anfang begibt sich Beatrice Nunold in ihren zwei Bildern. Aufnahmen von der ältesten Galaxie mit all ihrer Dunkelheit fügt sie zusammen mit Blattgold, das den Anfang des Kosmos symbolisieren soll.
Reduziert gehalten haben Nora Körner und Jan C. Watzlawik vom „werkkollektiv basis weiss“ ihre Objekte im für sie überästhetisierten Inneren der Frankenberger Kirche. Einzige Schmuckfarbe, die sich wiederholt, ist ein Neongelb. Die Künstler haben sich verschiedener Fundstücke der Kirche bedient, sie in Relation gesetzt. Eine feste Reihenfolge ist nicht gegeben. Herzstück des Ganzen ist jedoch das Zährenbecken. In ihm sind zuvor gesammelte Tränen von Goslarern vereint. Sie sollen diffundieren, sich im Raum verteilen, und von den Rezeptoren, wie beispielsweise Fundstück Turmknauf und Schlachtemolle, aufgenommen werden.
Galaxie: Dunkelheit und Transzendenz in der Neuwerk-Kirche.
Baum der Erkenntnis: Er soll in der Jakobikirche wachsen.
Reduzierte Installationen aus Fundstücken: In der Frankenberger Kirche stehen sie in Relation zueinander. Fotos: Potthast
Spieluhren: Leise Töne in der großen Marktkirche.